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Zu Besuch im Aktivstall Streuli

Vor etwas mehr als einem Monat wurde ich freundlich vom Stall Streuli für eine Stallführung eingeladen. Obwohl ich bereits vor einem Jahr (dank einer Freundin, welche mit ihrem Pferd in diesen Stall umgezogen ist) eine private Führung erhalten habe, liess ich mir das natürlich nicht entgehen, da ich mich als Pferdefreund natürlich ebenfalls sehr für die artgerechte Haltung interessiere.

Also machte ich mich am 20. Mai gespannt auf den Weg zum schönen Horgenberg, denn da betreibt der Familienbetrieb «Stall Streuli» mit langer Tradition ihre Pferde – und Milchviehhaltung.
Dort angekommen wurde ich zuerst durch den ehemaligen Stalltrakt geführt, in welchem sich nun ein gedeckter Doppelwaschplatz, die Sattelkammer (mit den grössten Sattelschränken, die ich je gesehen habe =)) und zahlreiche Anbindeplätze befinden. Letzteres bedeutete damals bei der Umstellung eine grosse Herausforderung, da natürlich auch im Winter für alle Pensionäre genügend Platz zur Vorbereitung / zur Pflege der Pferde sichergestellt werden musste. Grossen Eindruck schindete auch der grosszügige Trocknungsraum und die dahinterstehende Organisation. Denn jedes Pferd hat seine eigenen beschrifteten Wäscheklammern, sodass gleich klar ist, wem etwas gehört.

Allgemein wird die Organisation auf einem solchen riesigen Betrieb grossgeschrieben. Die Pferde vom Aktivstall sind in zwei Gruppen nach den Geschlechtern aufgeteilt. Dabei trägt jedes Pferd ein Halsband, welches mit seiner Nummer beschriftet und einem Chip versehen ist. Weil einzelne Pferde ihre Halsbänder regelmässig ausgezogen haben, wurde ihnen der Chip direkt ins Mähnenhaar geflochten. Bei dem jeweiligen Gruppeneingang hängen schön geordnet pro Pferdenummer das entsprechende Halfter. Theoretisch würde so beispielsweise ein Tierarzt / Hufschmied trotz Erstkontakt & grosser Herde, immer das richtige Pferd antreffen.

Eine weitere wichtige Sicherheitsmassnahme ist auch der Wechsel auf Barhuf. Die meisten Pferde sind dort nämlich ohne Eisen unterwegs und bei den Hinterhufen ist es sogar Pflicht.
Deshalb ist es auch nachvollziehbar, dass die häufigsten Erkrankungen in dieser Haltung die Hufe betreffen. Denn die zu Beginn (bei einer Umstellung auf Barhuf) intensivere Hufabreibung begünstigt natürlich Huflederentzündungen und auch Abszesse.

Die Infrastruktur

Gleich als ich beim Stuteneingang eintrat, sah ich die riesige und helle Liegehalle, in welcher sich die Pferde vor allem nachts zum Ausruhen, aber auch im Sommer als Hitzeschutz, aufhalten. Dort befinden sich ebenfalls Integrationsboxen, sowie die Krankheitsboxen, falls ein Pferd etwas separiert werden muss aufgrund einer verordneten Boxenruhe.

Auf der Anlange verteilt, treffen wir immer wieder auf Baumstämme, welche zur Beschäftigung von den Pferden genutzt werden können.
Besonders spannend waren aber dann natürlich die verschiedenen automatischen Futterstände. Zum einen die programmierte Heuraufe mit eigenem angebauten Bioheu und zum anderen natürlich auch die Kraftfutterstation. Diese bedeutet aus meiner Wahrnehmung auch die grösste Umstellung für die Pferde (abgesehen von der Herdenhaltung, welche zu ihren Urinstinkten zählen und die meisten Pferde auch aus der Fohlenzeit bereits kennen sollten). In den Eingang trauen sich geübte Pferde wohl schneller noch, aber die Schwierigkeit besteht ebenfalls darin, dass sie für den Ausgang gegen die Einbahntür stossen müssen. Deshalb wird bei Neuankömmlingen dies beim Einzug fleissig geübt und wie bei allen anderen Pferden auch, wird natürlich ein genaues Auge darauf geworfen, ob sie ihre Tagesportion auch abholen kommen (dazu aber gerne im Alarmprotokoll später mehr).

Wie begehrt diese Kraftfutterspender im Alltag sind, erfahre ich dann auch gleich selber, als die Pferde mit einem Quad (aufgrund der grossen Weidefläche) hereingeholt wurden. Denn hier gilt: «De Schnäller isch de Gschwinder!» und wer dabei an dem falschen Ort und Stelle (#itsme) steht, bekommt dies sofort zu spüren. Glücklicherweise konnte ich mich aber gerade noch auf sicheres Terrain «retten» und dabei gespannt die gebildete Warteschlange beobachten.

Der Reiter im Aktivstall

Als ich die grossen Weiden betrachten durfte, konnte ich mir gut vorstellen, dass man sich als Pferdebesitzer viiiel zusätzliche Zeit einplanen sollte, um sein Pferd während der Weidezeit zum Reiten «abzuholen». Zwanzig zusätzliche Minuten gelten dabei so als Richtwert. Ebenfalls müssen neue Pensionäre darauf achten, dass das Pferd bei der Umstellung natürlich ebenfalls ziemlich gefordert wird und deshalb in der ersten Zeit auch etwas geschont (mit gemütlichen Ausritten) werden sollte, bis sie sich an den neuen spannenden Alltag gewöhnt haben. Generell verleitet das weitläufige Waldgebiet zu ausgiebigen Ausritten. Aber auch sonst ist für genügend Trainingsmöglichkeiten mit dem Longierzirkel und dem Sandplatz gesorgt. Das Vorurteil, das die Reiter ihre Pferde in einen Aktivstall unterstellen, um nicht täglich selbst die Pferde bewegen zu «müssen», wurde mir nicht bestätigt. Die Pferde vom Aktivstall werden nämlich täglich von ihren Besitzern (oder Mitreitern) zusätzlich bewegt. Und sollte dennoch einmal «Not am Reiter» herrschen, gibt es einen Stallchat, mit welchem man ebenfalls tatkräftig unterstützt wird.

Übrigens wechselten bis auf sechs Pferde vom ehemaligen Stall alle in den Aktivstall, wobei es sich bei den besagten sechs, um ein sehr altes Pony und Springpferde handelte. Ebenfalls eindrücklich war, dass zwei Pferde aus dem alten Stall an Narkolepsie erkrankt waren und sich dank der Umstellung auf die Herdenhaltung nun so sicher fühlen, dass sie ihr normales Schlafverhalten wieder aufnahmen. Ich fragte auch nach der Art des Anweidens, denn wenn ich da an unsere Stallgemeinschaft denke, handhabt es jeder Pensionär wieder anders, was aber in einem Aktivstall natürlich nicht so individuell möglich ist. Trotzdem wurde natürlich auch hier bei den herumliegenden Wegen langsam angegrast. Aufgrund der Corona-Thematik wurde sicherheitshalber etwas früher damit begonnen, dass falls man (wie es in anderen Länder ja der Fall war), eines Tages nicht mehr zum Pferd dürfte, die Pferde wenigstens auch schon auf die Weide könnten. Dies war aber zum Glück ja nicht der Fall. Nach dem Angrasen stehen die Pferde von ca. 8.00 – 14.00 Uhr auf der Weide (natürlich könnten sie auch vorher schon nach Belieben wieder zurück in den Stall. Im Sommer werden sie bereits früher wieder reingeholt, damit es kein unnötiges Herumtollen aufgrund der Stechviecher gibt.

Die Sicherheitsvorkehrungen

Natürlich braucht es bei dieser Haltung auch sehr viel Organisationsflair und gewisse Sicherheitsvorkehrungen. Ein guter Alltagshelfer ist das spannende Alarmprotokoll, denn dieses rapportiert die wichtigsten Daten der Pferde. Zum Beispiel gibt dieses Protokoll darüber Aufschluss, wie viel vom Kraftfutter gefressen wurde, oder auch wie lange sich ein Pferd im Zusatzfutterbereich befindet. Denn zu magere Pferde haben dort in ihrem Chip einprogrammiert, dass sie nach der Kraftfutterstation auch noch in einen zusätzlichen Bereich mit Heu eintreten können, worin sie auch so lange wie sie wollen, bleiben dürfen. Mit der Computerüberwachung wird natürlich auch die Futtermenge pro Pferd registriert und die Zeiten der Heuraufe programmiert. Dabei wird beispielsweise auch darauf geachtet, dass den Pferden vor der Weideöffnung die Heuraufe bereits zur Verfügung steht. Neuankömmlinge schätzen übrigens die Futterstrohstation ebenfalls sehr, da dort ein 24h – Zugang besteht. Dank des Alarmprotokolls können die Tagesabläufe der Pferde studiert werden und im Krankheitsfall geben diese natürlich ebenfalls frühzeitig bereits gewisse Anhaltspunkte. Mit dem Abendrundgang wird zudem sichergestellt, dass kein Pferd im ad libitum – Bereich übernachten muss. Dank der geheizten Selbsttränken, verfügen die Pferde auch an kalten Wintertagen immer über freien Zugang zum Wasser.

Was du schon immer über die Haltung im Aktivstall wissen wolltest:

 

Ist die Haltung für jedes Pferd geeignet?
Bei meinem Besuch fragte ich natürlich ebenfalls nach, ob die Haltung im Aktivstall für jedes Pferd geeignet ist. Denn als Pferdefreund möchte man seinem Vierbeiner ein möglichst artgerechtes Leben bieten. Eine Haltung in welcher sich die Pferde frei nach ihren aktuellen Bedürfnissen bewegen und beschäftigen können, wird darum klar favorisiert. Jedoch erzählte mir die Betriebsleiterin auch, dass es ungeeignete Pferde gibt. Zum Beispiel machten sie leider die Erfahrung mit einer sehr aggressiven Stute, welche für Unruhe in der Herde sorgte und somit den Stall wieder verlassen musste.
Vom Alter empfiehlt sie die Haltung für Pferde ab vier bis ca. 23 Jahre, es kommt natürlich auch hier immer auf das Pferd an.

 

Verliere ich die «Anerkennung» meines Pferdes bei dieser Umstellung der Haltung?
Wie so oft fällt dem Reiter die Umstellung deutlich schwerer, als sie dem Pferd fällt. Viele Pferdebesitzer befürchten, dass die Instinkte der Pferde «verlernt» bzw. zu wenig ausgeprägt sind, um sich selbst aktiv an der Herdenhaltung zu beteiligen. Natürlich gibt es Pferde, welche für das Erlernen der Kraftfutterstation etwas länger benötigen, aber dafür nimmt sich das Stallteam gerne auch die nötige Zeit. Ein weiterer Punkt, welcher der Reiter befürchtet, ist die Anhänglichkeit der Pferde zu verlieren. Davon haben mich die Pferde jedoch gleich zu Beginn schon eines Besseren belehrt, denn sie sind deutlich anhänglicher (und aufdringlicher), als es die Pferde bei uns im Stall sind.

 

Was passiert mit meinem Pferd, wenn es sich verletzt?
Hier kommt es natürlich auf die Art der Verletzung an, aber das ist bei einer anderen Haltungsform natürlich ebenfalls der Fall… Wenn immer möglich versucht man das Pferd natürlich nicht von der Herde zu isolieren, aber falls Boxenruhe verordnet wird, stehen Isolationsboxen zur Verfügung. Dabei werden sie zwar etwas von der Herde getrennt, jedoch bleibt der regelmässige Kontakt erhalten.

Abschliessendes persönliches Fazit

Insgesamt war es ein sehr eindrücklicher Nachmittag! Als Pferdeliebhaber erfreut man sich natürlich, die Pferde in ihrem artgerechten Leben zu beobachten, wie sie über die riesigen Weiden streifen und gleichzeitig ihr Sozialverhalten in der Herde pflegen. Ein weiterer Pluspunkt ist die natürliche Stärkung des Immunsystems, was bei dieser robusten Haltung automatisch gefördert wird.
Natürlich gibt es auch bei dieser tollen Haltungsform «Schattenseiten» über welche man sich bewusst sein sollte. Auf die Hufe sollte besonders geachtet werden, um keinen unschönen Überraschungen in Form von Huflederentzündungen oder Abszessen zu begegnen. Dennoch war es schön anzusehen, wie sowohl Freizeitpferde aber auch Sportpferde sich in dieser Haltung entfalten können und einfach «Pferd sein dürfen».

Wer sich noch anhand von Bewegtbild beeindrucken lassen möchte, kann dies gerne mit diesem Link tun.

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