Zu Besuch bei Luciana Diniz


Die Springreiterin Luciana Diniz erlebt die erfolgreichste Zeit ihrer Karriere. Was sie von den Pferden gelernt hat, möchte die Grand-Prix-Siegerin von Basel 2015 auch an Menschen weitergeben.


„Fitti“ prustet zufrieden. Die 11-jährige Fuchsstute, die mit vollem Namen Fit for Fun heisst und einer der Stars im Turnierstall von Luciana Diniz ist, bummelt nach dem Training auf dem Springplatz am langen Zügel über das Gelände der Reitanlage. Vorbei an gelb-weissen Gebäuden, über eine Grünfläche hinunter zu einem der drei kleinen Seen auf dem 20 Hektar grossen Anwesen. Dieses liegt in Wachtberg vor den Toren Bonns, mit Blick auf das Siebengebirge, eingebettet in sanfte Vulkankuppen und mitten in einem Naturschutzgebiet. Das Heu für die Pferde macht der Gutsverwalter selber, Wiesen und Weiden gibt es dafür genug, daneben viel Wald und kilometerlange Reitwege.
Ein Unternehmer hatte den Dreilindenhof erbaut und im Sommer 2010 an den französischen Baron Edouard de Rothschild verkauft. Das Mitglied der Rothschild-Dynastie ist ein begeisterter Pferdesportler, züchtet im eigenen Vollblut-Gestüt Haras du Meautry in der Normandie Rennpferde und nimmt als Springreiter selber an Turnieren teil. Als langjähriger Förderer von Luciana Diniz stellt Edouard de Rothschild ihr Spitzenpferde wie den Schimmel Winningmood zur Verfügung und mit der Reitanlage erstklassige Trainingsbedingungen, die jeden Profi glücklich machen würden.
Luciana Diniz ist glücklich: Gross gewachsen, feingliedrig und mit langen braunen Haaren, scheint die 44-jährige von innen heraus zu strahlen. „Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich an die Zeit denke, das hinter mir liegt – so viele meiner Träume sind wahr geworden.“ 


Die zweifache Olympiateilnehmerin reitet seit langem auf höchstem Niveau und war oft direkt hinter den Siegern klassiert. Noch nie konnte die elegante Reiterin an einem Titelkampf eine Medaille gewinnen, mehrfach verpasste sie das Podest nur knapp, zum Beispiel 2010 in Genf, als sie Vierte im Weltcup-Final wurde. 2013 fand die gebürtige Brasilianerin, die seit 2006 für Portugal reitet, in der Schweiz endlich zum Siegen: Im Januar gewann sie im Sattel von Lennox als erste Frau den Grossen Preis von Basel und nur zwei Wochen später die Classic am CSI Zürich. Ausserdem stiess sie erstmals in die TopTen der Springreiter-Weltrangliste vor, im November war sie sogar die Nr. 4. „Das war eine grosse Anerkennung, nicht nur für mich als Sportlerin, sondern auch für mein ganzes Team.“ Das nächste grosse Ziel heisst Rio 2016, wo es bei den Olympischen Spielen in ihrem Heimatland endlich klappen soll mit der Medaille. 


Mindestens genau so wichtig wie der Erfolg im Parcours, ist Luciana Diniz das von ihr gegründete Projekt „Growing“. „In dieses erzieherische Konzept habe ich meine Erfahrungen und Werte aus zwei Jahrzehnten im internationalen Springsport einfliessen lassen.“ Die Pferde, die als höchst sensibles Lebewesen auf jede Stimmungsveränderung reagieren, hätten sie gelehrt, dass emotional einfühlsame Ansprache und der empfindsame Umgang miteinander auch beim Menschen positive Veränderungen auslösen. Im Wesentlichen geht es bei „Growing“ deshalb um emotionale Intelligenz und das persönliche Wachstum auf geistiger, seelischer und körperlicher Ebene. Die herrschaftliche Villa auf dem Dreilindenhof wurde dafür in ein Seminarzentrum verwandelt in dem seit kurzem Kurse und Workshops angeboten werden. Auch in einigen Schulen rund um Bonn wird ein auf Kinder zugeschnittenes Programm als Freifach angeboten. Nun möchte die Powerfrau, die fünf Sprachen spricht, ihr Projekt global etablieren. „Es ist mein Ziel, der Welt und meinen Kindern damit etwas zu hinterlassen“, sagt Luciana Diniz. „Der Reitsport ist meine Leidenschaft, die mir die Kraft und die Ausgeglichenheit für diese Projekte gibt.“ Ihre Söhne, die zwölfjährigen Zwillinge Pedro und Paulo aus ihrer früheren Ehe mit dem Springreiter Andreas Knippling, unterstützen sie bei ihrem ambitionierten Vorhaben. Ebenso ihre Familie in Brasilien, zu der sie engen Kontakt hat und die sie mindestens drei Mal im Jahr besucht. 


In Sao Paulo geboren, wuchs Luciana Diniz auf der elterlichen Farm in den Reitsport hinein. Ihr Vater Arnaldo und ihre Brüder waren ausgezeichnete Polo-Spieler, ihre Mutter Lica stellte gar einen Rekord auf in dem sie acht Mal hintereinander brasilianische Meisterin im Dressurreiten war. Luciana entschied sich mit 11 Jahren für den schnelleren Springsport, ihr liegt das Tempo ebenso ihm Blut wie ihrem gleichaltrigen Cousin, den früheren Formel-1-Fahrer Pedro Diniz, auf den sie immer wieder angesprochen wird. Heute hat Pedro Diniz nichts mehr mit Motorsport zu tun, sondern hält sich mit Yoga fit und baut Bio-Orangen und Kaffee an. Mit Lebensmitteln hatte ihr Grossvater Valentim dos Santos Diniz einst den Grundstein für das Familienvermögen gelegt: Der Immigrant aus Portugal baute in Brasilien eine riesige Supermarktkette auf. „Er wollte immer, dass ich für sein Heimatland reite“, sagte seine Enkelin, die ihm diesen Wunsch erfüllte, nachdem sie für die WM 2006 nicht für die brasilianische Equipe berücksichtigt wurde. Ihr Grossvater sei aber nicht nur als Unternehmer ein Pionier gewesen, sondern habe sich auch immer für die Menschen eingesetzt. Luciana Diniz liegt viel dran, diese Familientradition fortzusetzen.


Angelika Nido Wälty

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