Wenn Reiter in die Ferien fahren – ein Erfahrungsbericht

Endlich ist es soweit! Die letzten Prüfungen sind geschrieben und der Urlaub ist vom Chef bewilligt worden, nichts steht oder liegt mehr zwischen mir und zwei herrlich faulen Wochen Ferien am Strand. Also... fast nichts. Jahr ein Jahr aus wird meine Vorfreude nämlich dadurch getrübt, dass bislang keine Fluggesellschaft der Welt bereit war, ihr zulässiges Handgepäck um 600 kg zu erhöhen, damit ich mein essentiellstes Kuscheltier, aka die Qugel, mit in die Ferien nehmen könnte. Wenn ihr selbst Reiter oder gar Pferdebesitzerin seit, dann kennt ihr dieses Gefühl selbst wohl nur zu gut. Zum einen ist man natürlich irgendwo froh, für eine gewisse Zeit mal nicht jeden Tag zum Pferd zu müssen und die Verantwortung bis zu einem gewissen Grad mal abgeben zu können, zum anderen fällt es aber immer wieder schwer, den geliebten Vierbeiner länger als ein paar Tage aus den Händen zu geben.

Doch darum kommt man nun mal nicht herum,  wenn man sich ab und an mal Ferien gönnen möchte. Denn ganz ehrlich – selbst wenn die Handgepäckslage anders stünde, würde ich mein Pferd in den Ferien für gewöhnlich wohl nicht dabei haben wollen. Ich stelle es mir nämlich nicht besonders entspannend vor, in pferdischer Begleitung am Strand  zu liegen. Das ginge dann wohl in etwa so: „Ich hab Huuunger, ausserdem ist mir heiss! Die Mücke hat mich in den Bauch gestochen, kannst du kratzen? Und das Wasser kann man gar nicht trinken, das brennt nur in den Augen, ich hab Durst, können wir gehen? Und wann gibt’s Essen? Mir ist langweilig, mach was mit mir! Und hab ich schon erwähnt, dass ich Hunger hab? Der Typ da vorne verkauft Ananas, kauf mir eine Ananas, biiiitte! Und jetzt kratz endlich meinen Bauch!“

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Doch, echt, das würde genau so ablaufen. Von daher tut es unserer Pferd Reiter Beziehung wohl nur gut, dass Ferien mit Qugel für mich bislang ausserhalb des Möglichen liegen. Aber trotzdem oder genau deshalb ist die Zeit vor den Ferien für mich meist ziemlich stressig, denn so eine Urlaubsabwesenheit will ja gut geplant sein! Ich sage nicht, dass dies bei Nicht-Reitern anders ist – jedoch bin ich nicht umhin gekommen, gewisse Unterschiede in der Art der Stressoren festzustellen. Während bei meinen Freundinnen nämlich stets Sachen wie Maniküre, Bikini kaufen, Spray Tan und die Frage, wer sich in der Abwesenheit um die Topfpflanze kümmern soll, auf der To-Do-Liste stehen, sieht meine und die Liste vieler meiner Reiterkolleginnen etwas anders aus. Statt einem neuen Bikini muss ich beispielsweise unbedingt noch neues Fliegenspray kaufen, und der Hufschmied sollte besser auch nochmal kommen, bevor ich dann zwei Wochen das Land verlasse. Hinzu kommt natürlich die Frage aller fragen: Wer kümmert sich in meiner Abwesenheit darum, dass die Qugel genug gestreichelt wird, nicht verhungert aber auch – und das ist für dem Hintergrund seines Fütterungszustandes wohl die entscheidendere Frage – darum, dass sie ausreichend bewegt wird? Wem es mitunter ähnlich geht, der kann sich mit diesem Blogbeitrag dahingehend beruhigen, nicht der einzige Mensch zu sein, der leicht pedantische Züge annimmt, wenn es um die pferdische Urlaubsvertretung geht. Und wer weiss – vielleicht könnt ihr ja auch noch die ein oder andere Anregung für eure eigene Abwesenheit mitnehmen.

Ich habe von Pferdebesitzern gehört, die gar nicht mehr in die Ferien fahren, oder wenn dann nur für einzelne Tage, weil sie sich tatsächlich nicht überwinden können, ihr Pferd in andere Hände zu geben. Ich kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen, könnte mir aber gleichzeitig niemals vorstellen, auf Grund meines Pferdes gänzlich auf Ferien zu verzichten. Ich bin nun wahrlich niemand, der andauernd wegfährt, aber zwei bis drei Wochen im Jahr sollten schon drin liegen. Da ich das Glück habe, dass mein Pferd in Vollpension steht und ich sehr nette Miteinstaller habe, die sich bereit erklären, mein Pferd während meiner Abwesenheit den ein oder anderen Tag zu bewegen, hat das bislang auch immer wunderbar geklappt. Hinzu kommt, dass ich allein deshalb ein Pferd und kein Pony habe, weil mein Vater auch reiten wollte, und während meinen Ferien darf er diesem Wunsch dann voll nachkommen. Das klingt zwar nur noch halb so beruhigend, wenn man sich vor Augen hält, dass mein Vater meinem Pferd seine Glocken gerne mal als Knieschoner anzieht, die hinteren und die vorderen Gamaschen sogar dann noch verwechselt, wenn ich ihm eine massstabsgetreue Zeichnung (inklusive Pferd – das war eine künstlerische Meisterleistung! ) davon anfertige, und dass mein Pferd die Gangart im Gelände für gewöhnlich selbst bestimmt, wenn die beiden zusammen unterwegs sind, aber im Grossen und Ganzen klappt das gut, weshalb ich mich nicht beschweren will sondern froh darum bin, dass ich die Qugelbetreuung in meinen Ferien für gewöhnlich sehr gut in den Griff bekomme.

 

Trotzdem würde es mir natürlich nie in den Sinn kommen, einfach so mir nichts dir nichts in die Ferien zu verschwinden, ohne vorher geregelt zu haben, wer wie was macht, und was im Ernstfall zu geschehen hätte.
Sind wir mal realistisch – die Chance, dass genau dann, wenn man in den Ferien ist, ein Notfall am Pferd auftritt, ist zwar relativ gering, aber doch stets vorhanden. Ich halte es für solche Fälle immer so, dass ich alle Personen, die in meiner Abwesenheit mit meinem Pferd zu tun haben, über meinen Ferienaufenthaltsort informiere, meine Handynummer  hinterlege und festhalte, dass ich bitte sofort informiert werden möchte, wenn etwas ist. Sollte dies jedoch wider Erwarten nicht möglich sein, weil zum Beispiel mein Handy geklaut wurde, im Meer ertrunken ist oder ich mich im komatösen Tiefschlaf befinden sollte, so übertrage ich die Verantwortung für solche Fälle nach vorgängiger Absprache stets einer Person, der ich da voll und ganz vertraue. Es klingt nun vielleicht etwas übertrieben, das alles im Vorfeld so festzuhalten, aber sollte tatsächlich einmal ein Notfall vorliegen, so finde ich es immens wichtig, dass jeder sofort im Sinne meines Pferdes handeln kann und nicht noch ewig hin und her überlegt werden muss, was nun zu machen ist, wenn man mich nicht erreichen kann.

 

Des weiteren bin ich ein grosser Fan von Listen – bevor ich in die Ferien fahre, liste ich stets alles auf, was im Umgang mit meinem Pferd zu beachten und zu erledigen ist. Offen gestanden weiss ich nicht, ob überhaupt jemand diese (teils ziemlich langen) Ergüsse dann auch vollständig liest, aber es gibt mir ein gutes Gefühl, und im Zweifelsfall haben Qugels Betreuer so eine Anleitung, an der sie sich orientieren können. Ich halte auf diesen Listen nämlich stets alles fest, was im Umgang mit meinem Pferd irgendwie von Interesse sein könnte. Das reicht von wichtigeren Dingen wie der Tatsache, dass er täglich seine Medis bekommen soll und wo sich allfällige Notfallmedikamente befinden über Optionales wie die Bitte, grosse Stiche am Pferd ab und an mit Essig einzureiben bis hin zu absoluten Banalitäten, also zum Beispiel in welches Loch der Sattelgurt oder der Kehlriemen geschnallt werden sollen. Des weiteren stehen auf der Liste stets die Nummer seines  Tierarztes, seines Hufschmieds, meine Nummer, die Nummer meines Hotels und die Nummer jeder anderen erdenklichen Person, die mir beim Schreiben der Liste gerade noch als „potenziell relevant“ in den Sinn kommt. Wer also mal ein neues Telefonbuch benötigt, der könnte auch eine meiner alten Listen haben.

Ich habe ausserdem die Erfahrung gemacht, dass es ratsam ist, eine Art Kalender für die Zeit meiner Abwesenheit zu erstellen, in der jeder eingetragen kann, was er an welchem Tag gemacht hat. So lässt sich beispielsweise verhindern, dass mein Pferd fünf Tage am Stück arbeiten müsste – wobei er das wohl ohnehin selbst verhindern würde, er hat da seine Mittel und Wege – oder zwei Wochen nur ins Gelände ginge.

Zu guter Letzt muss natürlich sichergestellt werden, dass für die Zeit meiner Abwesenheit alle pferderelevanten „Rohstoffe“ in ausreichender Menge vorhanden sind – sprich, dass sich genügend gewaschene Schabracken im Schrank befinden, dass genug Fliegenspray da ist, dass die Stallapotheke aufgefüllt und – ganz wichtig! – dass sich im Schrank genügend Leckerlies für zwei lange Wochen befinden. Immerhin will die qugeltypische Figur ja gepflegt werden.

Ist dann noch die typischerweise stundenlange Verabschiedung vom Qugeltier ohne allzu grosse Nervenzusammenbrüche über die Bühne gegangen, so steht einem entspannten Urlaub nichts mehr im Wege. An dieser Stelle möchte ich mich daher – auch wenn sie es wahrscheinlich nicht lesen – bei allen bedanken, die in meinen Ferien auf mein Pferd aufpassen, schon mal darauf aufgepasst haben, oder es in Zukunft irgendwann mal tun werden. Ihr seit super, und es ist nicht selbstverständlich, dass ich schon seit Jahren mit gutem Gewissen in die Ferien fahren kann!

Und in diesem Sinne: Ich bin dann mal weg, schöne Ferien euch allen!

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