Warum reiten mehr Frauen als Männer?

Diesen Sonntag habe ich als TT, zitternd vor Kälte und dem Mitfieber für "meine" Reiter, am Concours in Hildisrieden verbracht. An der Siegerehrung der B/R 90 Prüfung wurde dann verkündet, dass die erfolgreichste Amazone der beiden Prüfungen noch einen Spezialpreis erhalten würde. Dabei musste ich ein bisschen Schmunzeln, denn unter den Klassierten konnte ich praktisch nur Frauen erkennen. Den Ausdruck „Amazone“ hätte man sich also auch gut sparen können.


Es ist ein überaus weit verbreiteter Fakt, dass Reiten ein Mädchending ist. In einem älteren Blog habe ich bereits darüber gewettert, dass man mich und meine Interessen deshalb oft nur aufs Reiten reduziert und von mir denkt, ich hätte nur Pferde im Kopf. Gleichzeitig kann ich es auch nicht abstreiten, dass wir Frauen in den Ställen dieser Welt tatsächlich die Mehrheit bilden und die reitenden Herren der Schöpfung eher rar gesät sind. Und ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, noch nicht mal eine ungefähre, warum es hauptsächlich wir Frauen sind, die reiten! Da muss ich eigentlich fast schon stolz darauf sein zu sagen, dass in unserem Stall sage und schreibe acht aktiv reitende und fahrende Männer ihr Unwesen treiben.


Vor einer Woche hat mir eine Freundin einen Artikel in die Hände gespielt, der von sich behauptet, Licht ins Dunkel der Frage zu bringen, warum denn so viele Frauen sich zu Rössern hingezogen fühlen. Das Fazit des Textes war (in meinen Augen - aber hier könnt ihr Euch gerne selbst ein Bild davon machen): Die so oft beobachtete Pferd-Frau-Verbindung sei ein Bindungsphänomen, bei welchem das Pferd als eine Art Therapeut agiert. Das brachte mich zum Nachdenken. Trifft das auch auf mich zu?


Einen Therapeuten brauchen doch Menschen, die mit sich und ihrer Situation nicht mehr selber klarkommen. Zusammen mit dem Seelenklempner sollen jene Menschen einen Weg finden, ihre Schwierigkeiten zu meistern. Ich persönlich zum Beispiel fühle mich gerade mental sehr flexibel und habe ausser den üblichen Hürden des Alltags glücklicherweise keine welterschütternden Probleme. Trotzdem habe ich die Zeit, die ich mit Cornet verbringe, gerade erst vor ein paar Wochen als Reset-Erlebnis umschrieben, das mir so gut tut wie fast nichts anderes. Habe ich mich dadurch als therapiebenötigend geouted? Und liegt die Lösung meiner Probleme tatsächlich darin, Zeit mit einem Lebewesen zu verbringen, dessen primäres Interesse während meiner Anwesenheit nur darin besteht, die Karottenstücke aus meinen Jackentaschen zu puhlen?


Wenn ich bei Cornet bin, vergesse ich oft meinen Ärger oder die vielen Bücher, die ich noch lesen sollte. Ich schalte für eine Weile komplett ab. Kann man so eine Auszeit als Therapie bezeichnen? Hilft er mir, mit meinen Schwierigkeiten umzugehen, wenn ich mich gar nicht damit beschäftige, wenn ich im Stall bin? Konkret wohl eher nicht. 


Von einer anderen Seite betrachtet, sieht es aber schon etwas anders aus: Cornet braucht meinen Zuspruch genauso wie manchmal eine Zurechtweisung. Seine Kraft, Grösse und Unerfahrenheit fordern von mir Mut, Verantwortung, Risikobereitschaft, Respekt, Bauchgefühl und und und... Viele Eigenschaften und Herangehensweisen, die ich durch ihn und mit ihm lerne, dienen mir ebenso im unpferdigen Leben. Mal abgesehen davon, dass das Reiten als Sport sehr anspruchsvoll ist - ist es vielleicht doch eine Art therapierende Lebensschule? So gesehen stimme ich dem schon eher zu.

Tatsächlich sind Pferde auch Spezialisten der Körpersprache und reflektieren uns und unseren Gemütszustand dank dieser Eigenschaft so ehrlich wie ein Spiegel. Durch das entsteht das Gefühl, dass sie mit uns kommunizieren. Ich behaupte mal, dass auch Pferde dem Weg des geringsten Widerstandes folgen und deshalb so auf uns und unsere Launen reagieren, dass sich das Miteinander möglichst reibungslos gestaltet (ausser natürlich jene Rabauken-Exemplare, die durch ihr Naturell ständig auf Ärger aus sind. Davon gibt es bekanntlich genug, aber wir halten uns der Einfachheit halber an das willige Durchschnittspferd). So ein kooperatives Verhalten gibt mir persönlich wiederrum das Gefühl, dass mich Cornet versteht. Dieses Gegenseitige, diese „Wechselwirkung“ zwischen Pferd und Reiter, vor allem bei jenen Paaren, die sich schon länger kennen, würde ich ohne Weiteres als ein einzigartiges Bindungsphänomen bezeichnen. Soweit bin ich also einverstanden.


Jetzt kommt das grosse Aber: Warum das explizit nur auf uns Frauen zutreffen soll, erschliesst sich mir dagegen gar nicht. Ich könnte vom Fleck weg über 20 Namen von passionierten und talentierten Reitern aus meinem Bekanntenkreis nennen, welche neben der Passion Pferdesport auch die Faszination für diese einzigartige Bindung mit uns Frauen teilen.


Mit solch einer Erklärung wollte ich mich nicht zufrieden geben und begann zu Grübeln. Warum gibt es so viel mehr Frauen als Männer, die reiten? Da sogar das sonst so ergiebige Google mir keine zufriedenstellenden Resultate lieferte, möchte ich heute meine eigenen Überlegungen mit Euch teilen. Warum gilt das Reiten als Mädchending?


Emanzipation hin oder her - wir Frauen wurden dazu geschaffen, um für Nachwuchs zu sorgen und diesen (salopp gesagt) so lange wie möglich gesund und am Leben zu erhalten. Deshalb ist es ein natürliches Bedürfnis der Frau, sich um etwas zu sorgen. Wir spielen mit Teddies als wären sie unsere Babies, später bürsten wir Puppen die Haare und irgendwann kommen die einen oder anderen in Kontakt mit Pferden. Der Pferdesport ist ja ein sehr eigener Sport. Einmal entschieden, verpflichtet man sich für eine unbestimmte Zeit dafür, zum Wohl eines Lebewesens zu sorgen, das man an einem schlechten Tag nicht einfach mal beiseite stellen kann, wie zum Beispiel ein Velo. Das Pferd muss gefüttert, geputzt, verarztet, unterhalten und erzogen werden. Und das alles nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch. Die Unterschiede zu einem menschlichen Kind sind so gesehen erschreckend klein! (Achtung - trotz dieser Aussage unterstütze ich es auf keinen Fall, dass man Pferde vermenschlichen soll!). Klar, vielleicht werden jetzt einige sagen: ein Mann musste ursprünglich auch seine Familie versorgen. Aber diese Aufgabe kann niemals mit einem gesunden Mutterinstinkt verglichen werden.


Ich glaube, dass jene Männer, die anfangen zu reiten, es primär tun, um sich sportlich zu betätigen. Das würde vielleicht auch erklären, warum man den Hauptteil der Männer auch erst in den höheren Klassen antrifft. Das bedeutet nicht, dass ihnen das Pferd ausserhalb seiner sportlichen Leistung egal ist und sie sich weniger darum kümmern als eine Frau. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Mann in seinem Tier eher einen Kumpel und Partner sieht, während es in unseren Frauenaugen das umhegte „Baby“ darstellt. Zwei verschiedene Bindungsarten, wobei keine der beiden die bessere oder schlechtere ist.


Individuell gibt es sicherlich noch ganz viele andere Gründe, warum Männer reiten. Bei den einen wird es der Status sein, den so ein Pferd als Symbol mit sich bringt. Es gibt aber auch Männer, die ihre Pferde knutschen und umarmen und so umsorgen, da könnten sich alle Mamis dieser Welt ein Beispiel nehmen.


Nicht zuletzt glaube ich, dass es für ein Männerego sehr schwer sein kann, gegen eine Frau zu verlieren. Und da es im Reitsport halt mehr Frauen gibt, ist die Wahrscheinlichkeit dafür ziemlich hoch. Aber, meine lieben männlichen Mitleser, es gibt auch Vorteile: als reitender Mann muss man eigentlich fast nur noch nett sein, um bei uns Pferdemädchen zu punkten...

Eines möchte ich zum Schluss dieses Gedankenganges aber gesagt haben: Wir Reiter sollten uns alle glücklich schätzen, dass wir etwas in unserem Leben gefunden haben, das uns so viel zurückgibt wie die Pferde. Und, dass wir einen Ort haben, an den wir hingehen um abzuschalten und alles um uns vergessen. In dem Sinne: Ob Männlein oder Weiblein – stay cool and ride on!

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