Von Sensibelchen und deren Desensibilisierung

Vor zwei Tagen haben wir einmal mehr den Jahrestag unseres schönen Landes befeiert. Der 1. August war in der ganzen Schweiz ein einziges Fest und die Aufregung um dieses Ereignis ging auch an mir nicht spurlos vorbei. Am Anfang des Tages war noch alles ruhig. Emotional wurde ich erst, als ich nach Ankunft im Stall neue Pferde entdeckte und so neue Pferde bringen mich immer schrecklich durcheinander. Wer sind sie und wo kommen sie bloss her? Nachdem ich die zwei Fremden eingehend beäugt und zufrieden sichergestellt hatte, dass mein Pferd auch mit diesem Zuwachs das schönste im Stall blieb, ging es an die Ermittlung der Frage, weshalb die zwei Braunen hier reiterlos zwei Boxen besetzen. Grund: Nur Feriengäste, die bei uns übernachten, da in der Nähe ihres eigenen Stalles während dem 1. August ganz übel geballert wird. Ein legitimer Grund, wie mir schien, und so war die Welt für einen kurzen Augenblick wieder in alter Ordnung.

Als ich danach den - weil ich ihn wiedermal seiner Freiheit beraubte - leicht genervt schielenden Cornet von der Weide lockte, schoss es mir durch den Kopf, was ich doch für eine schlechte Pferde-Mama bin. Andere Besitzer sind soviel bessere Pferde-Mamas, weil sie ihre Tiere sogar für diese eine Nacht umquartieren. Und ich? Ich setze meinen armen Ausländer (weil Oldenburger) das allererste Mal in seinem noch so jungen Leben völlig unvorbereitet diesem entsetzlichen 1. August-Irrsinn aus. Ich bin die Schlimmste aller Zeiten!

Grund zur Sorge um die Nacht des 1. August hatte ich nicht umsonst. Es ist nämlich so, dass es sich bei Cornet (noch) nicht um den berüchtigten Fels in der Brandung handelt, mit dem man durch Wind, Wetter oder durch eine Horde Kühe reiten kann. Das ist an sich auch kein Wunder bei einem Vierjährigen und es ergibt sich, dass ich in manchen Situationen aufpassen muss, dass mir mein Pferd nicht plötzlich in die Arme springt. Langsam habe ich aber richtig Übung darin und sehe ihm (jaja, dank der guten, alten Bodenarbeit) schon an, wenn er wieder einen Araberhengst-Anfall kriegt. Dann werden die Augen riesengross, der Hals breit, das ganze Pferd wächst förmlich um zehn Zentimeter und der Schweif kringelt sich, nicht ganz unähnlich dem eines Mopses. Untermalt wird diese Transformation ausnahmslos und immer von einem prä-pubertär hohen Gewieher. Direkt in mein rechtes Ohr. Quasi damit sein Unmut auch unmissverständlich bei mir ankommt.

Anfangs hatte ich ja versucht, die Araber-Krisen möglichst zu umgehen. Wenn im benachbarten Wald gejagt wurde, ging ich später reiten. Wurde auf den umliegenden Feldern Jauche geführt, blieb ich auf dem Platz. Er war ja noch ein Baby! Aber irgendwann kam schleichend die Erkenntnis, dass uns das nicht weiterbringen wird. So ist das wahre Leben: Mit dem Erwachsenwerden kommt einher, dass man sich sich der ganzen Jauche stellen muss.

Seither konfrontiere ich Cornet mit allem Übel dieser Welt, verfolge jeden Traktor oder Anhänger, der uns in die Quere kommt, reite durch Baustellen, drücke ihn in jede noch so kleine Pfütze im Wald und freue mich dann lautstark lobend über jeden einzelnen Huf, den er dort widerwilligst reinsetzt. Der arme Cornet muss von allen Himmelsrichtungen aus über Plastikplanen laufen und sich auf einem Gruppenritt auch mal von den anderen Pferden trennen. Meine Ideen, wie ich seine Nerven stählern und ihn in seinen Augen peinigen kann, kennen keine Grenzen. Nichts bleibt meinem Pferd erspart.

Neu im Angebot sind jetzt auch Concoursbesuche. Wenn jemand aus unserem Stall halbleer auf Concours fährt, bettle ich solange herum, bis ich mit Cornet zum dort Rumlaufen mitdarf. Wer sich also in der nächsten Zeit mal fragt, wer die Komische ist, die mit ihrem Pferd durch das Turniergelände watschelt und ab und an Breakdance-mässig versucht dessen Hufen auszuweichen, der weiss jetzt Bescheid. Übrigens darf man gerne näherkommen, beissen tun wir nicht. Aber bitte nicht von rechts ansprechen, da bin ich nämlich langsam bisschen taub, weil schon zu oft angewiehert. Wer möchte, der darf auch gerne für meine Ausdauer spenden! Nussschoggi zum Beispiel hilft supergut und Ihr seid dann für immer mein Freund.

Aber wieder zurück zum 1. August: Da hatte ich wiedermal das Gefühl, einfach nicht genug getan zu haben. Solche Momente habe ich oft. Diesen Stress, möglichst alles richtig zu machen habe ich erst seit Cornet. Ich sage Euch. So ein erstes eigenes Pferd, sowas verändert einen. Wirklich. Heute bin ich ein anderer Mensch. Vor einem Jahr noch hätte ich mich selber ausgelacht, wenn ich mich mit dem offenen Stresspunktmassage-Buch im Stall stehen und verzweifelt den musculus iliacus (Darmbeinmuskel) hätte suchen sehen. Auch Szenen von mir, wie ich an Tagen leichter Arbeit gedankenverloren ein magenfreundliches Mash mit einem Schuss Kräuter-Mix, serviert in einem Kamillentee-Aufguss zubereite, hätten mich vor zwei Jahren sehr amüsiert. Aber hey, ich kann ihn ja nicht ständig nur durch Pfützen drücken!

Vielleicht bin ich ja auch genau deswegen eine gute Pferde-Mama, weil ich mein Tier neben den obligaten Häschi-Bäschi-Aktionen auch dem knallharten Alltag eines Reitpferdes entgegenstelle? Das soll jetzt nicht heissen, dass ich es schlecht finde, wenn man sein Pferd in einem fremden Stall unterbringt, um ihm das Feuerwerkchaos zu ersparen! Aber ein bisschen was müssen unsere Pferde meiner Meinung nach schon aushalten können. Daher auch meine Desensibilisierungs-Massnahmen. Was haltet Ihr davon?

Meine Sorge um die Nacht des 1. August blieb übrigens unbegründet. Gestern waren nämlich alle Beine und Ohren vollzählig anwesend und mir entgegenschreien konnte der Herr auch. Also alles in bester, alter Ordnung. Silvester kann kommen. 

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