Tischmanieren nicht vergessen!

Wie man korrekt lobt, hat euch ja meine Blogger-Kollegin Stefanie Waltenspül bereits hier aufgezeigt.


Schade nur, dass bei gewissen Pferden nach regelmässigem Futterlob, gerne mal die Tischmanieren vergessen gehen. Genau so ist es mir leider ergangen…


Im Stall kennen mich ALLE Pferde, weil meine Taschen stetig mit neuen verführerischen Leckerlis gefüllt sind. Bei meinen eigenen Pferden hat es sich durch den täglichen Besuch halt so ergeben, das war mir bereits bewusst.
ABER als wir letztens ein neues Pferd zur Betreuung hatten und dieses bereits am zweiten Tag bei mir um Bömbis bettelte (nach dem es am ersten nicht einmal wusste, was das überhaupt ist) erschreckte es mich schon ein bisschen. Mittlerweile ärgert es mich schon ziemlich, dass ich kaum zur Hallentür reinkommen kann, weil dort bereits ein anderes Pensionspferd bei mir um eine Belohnung bettelt.


Deshalb war mir klar, dass sich etwas ändern muss! Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Wenn das Leckerli dich fest im Griff hat 
Bei Special war Betteln eigentlich NIE ein Thema, oder zumindest nahm ich es von ihm nie war, da er  mich nicht wirklich bedrängte. Dies lag wohl auch daran, dass er immer zur „schlanken Sorte“ gehörte und ich mich somit nicht an einen Tagesrichtwert halten musste, sondern ihm soviel geben konnte, wie ich wollte. Und ich gebe sehr gerne Belohnungswürffel – sonst wäre ich ja jetzt nicht in dieser Lage ;-) 

Dann trat Gipsy in unser Leben, welche einen ganzen Schrank mit gewonnenen Leckerlis besass, jedoch selten eins davon fressen durfte. Im Nachhinein weiss ich auch wieso…  Als sie die Leckereien in meiner Hosentasche roch, konnte sie ihr Glück nicht fassen und wollte mich natürlich am liebsten fressen. Was ich damals fälschlicherweise noch als verschmust wahrnahm. 
So nahm der Teufelskreislauf seinen Lauf… 
Für jedes brav-stillstehen-beim-Aufsteigen gab es ein Leckerli.
Für jedes stillstehen-und-nicht-beissen-beim-Bandagieren gab es ein Leckerli. 
u.v.m! 
Mittlerweile merke ich schon gar nicht mehr, wenn ich ihr unterbewusst etwas zustecke, nur dass sie meine Jackentaschen in Ruhe lässt. 

Ich denke jedoch, dass dies auch mit unserem ungünstigen Start zu tun hat. Denn bei ihr war es ja nicht gerade Liebe auf den ersten Blick (gegenseitig), weshalb ich das Gefühl hatte, ich müsste mir ihre Liebe mit Leckereien „erkaufen“  Im Nachhinein bereue ich dies natürlich zutiefst, denn sie ist so fein eingestellt, dass sie auch super auf ein Stimmlob gehört hätte.

Höchste Zeit für eine Veränderung!
Gipsy kann zum Teil ziemlich kreativ betteln und entdeckt auch immer wieder neue Methoden für sich wie beispielsweise die Hai-Methode (sie umkreist wie der Hai die Beute (die Reitlehrerin, welche vielleicht noch ein Bömbi besitzt) in der Mitte, in der Hoffnung auf eine zweite Belohnung.)
Ebenfalls sehr effektiv ist ihre Obelix-Methode: Sie erhascht sich als erste in der Runde ein Bömbi, macht dann eine halbe Hallenrunde Schritt und stellt sich dann ein zweites Mal an, meistens sogar mit Erfolg. Zum Beobachten war dies natürlich sehr interessant, dennoch war mir bewusst, dass sich etwas ändern muss!


Weg vom Betteln zum gezielten Futterlob (mit Clickertraining)

Da ich für Special und mich eine neue Herausforderung suchte, trat ich der Facebook-Gruppe Clickern mit Pferden bei, weshalb ich mich auch sonst im Netz aktiv nach „Clicker-Berichten“ umsah. Dabei stiess ich auf die Seite von Jenny Neuhauser, worauf ich einen Eintrag zum Thema Tischmanieren-Training fand und natürlich sofort „hellhörig“ wurde. Gerne fasse ich euch diesen hier zusammen:

Sicherheit geht vor! 
Bei diesem Training sollte einem bewusst sein, dass das Pferd am Anfang genervt reagieren kann. Deshalb sollte man auch auf ein rüpeliges, verärgertes Pferd vorbereitet sein.


Das Training

Als erstes stellt man das Pferd in der Box (oder in einem Auslauf etc.), während man selber ausserhalb der Wände / des Zauns bleibt oder man kann auch das Pferd anbinden und hält etwas Abstand. Dabei ist es wichtig, neutral dazustehen, während das Pferd weiss, dass Futter in der Tasche oder der Hand ist. Natürlich wird es dann versuchen, einen zu erreichen und das Futter oder den Arm oder sonst was gerade in erreichbarer Nähe ist, anzuknabbern.
Das ist genau der Punkt, bei dem ich ihr praktisch jedes Mal leichthin etwas gegeben habe.
Doch das nächste Mal werde ich wie vorgeschrieben nichts dergleichen machen, sondern nur in genügend Abstand einfach dastehen, nichts sagen oder tun. Sobald das Pferd aber (auch zufälligerweise) nur ganz kurz aufhört und den Kopf zurücknimmt oder abdreht clickt man - oder lobt mit einem konditionierten Belohnungswort wie "brav" - und gibt ihm dann sofort ein Leckerli.

Natürlich wird das Pferd sofort wieder anfangen zu betteln, man spielt aber sofort wieder Statue. Zudem ist dabei wichtig, dass man das Pferd nicht anstarrt oder zu fixiert. So wird das Spiel ca. 6-10 Mal durchgespielt und dann eine kurze Pause eingelegt, damit das Pferd die Sequenz verarbeiten kann. In dieser Pause sollte man das Pferd dann auch in Ruhe lassen, damit es einen deutlichen Unterschied zwischen "Trainingssequenz" und "Pause" erkennen kann.
Um den gewünschten Erfolg zu erzielen, sollten solche Sequenzen ca. 2-3 mal so pro Tag wiederholt werden.

Innerhalb weniger Trainingslektionen lernt das Pferd, dass es sehr viel schneller zum Ziel kommt, wenn es den Kopf abdreht und nicht am Menschen rummacht oder ihn sogar beisst. 
Sobald das geklappt hat, kann man einen Schritt weitergehen, indem man den Schwierigkeitsgrad erhöht und näher beim Pferd steht, so dass es einen tatsächlich anknabbern könnte.
Die nächsten Steigerungsmöglichkeiten (bei Erfolg inkl. Rascheln in der Tasche) könnten dann Orte wie z. B. im Stall, auf dem Putzplatz, auf dem Reitplatz, im Gelände etc. sein.

Kleine Nebenwirkungen aus der Vergangenheit
Man darf nicht erschrecken, wenn das Pferd das Betteln am Anfang sogar stärker zeigt! Schliesslich war das Verhalten aus seiner Sicht bisher immer erfolgreich und erfolgreiche Strategien legt niemand gerne ab. Deshalb kann es durchaus vorkommen, dass das Pferd vor der Besserung in das alte Muster fällt. Dies ist zwar normal, aber eine Belohnung zu diesem Zeitpunkt wäre fatal, denn sonst wird das Verhalten stärker denn je auftreten. 
Ich werde also noch eine riesige Portion Geduld aufsuchen müssen. 
Denn wenn man dann den Moment belohnen kann, wo das Pferd aufhört und sich zurücknimmt, anfängt zu überlegen bzw. den Kopf abwendet, hat man einen sehr grossen Schritt im Training erreicht. 
Dies wird sich nicht „nur“ auf das Betteln auswirken, sondern auf die ganze Beziehung, denn es geht um die "emotionale Kontrolle" es Pferdes, was insbesondere für ungeduldige Tiere sehr schwierig ist.

Wichtig – zu beachten!
Zudem sollte man beachten, dass wenn man dem Pferd ein Leckerli gibt, es nicht einfach ins Maul schiebt, sondern dass man die Hand weg vom Körper auf die Seite hält, so dass das Pferd den Kopf zur Seite drehen muss, um zu der Hand und dem Leckerli zu kommen. Jenny Neuhauser empfiehlt zudem, die Hand dabei tief und immer an einen anderen Ort zu halten, denn so weiss das Pferd nie, wo das Leckerli schlussendlich zu holen ist und wird dadurch viel aufmerksamer.

Fazit: 
Nicht unerwünschtes Verhalten abstellen, sondern erwünschtes Verhalten - welches inkompatibel mit dem unerwünschten Verhalten ist - trainieren!  Und für mich wohl der schwierigste Part der ganzen Sache: wie immer in der Erziehung fordert das die Konsequenz des Menschen. Nicht nur mit dem Pferd, sondern auch mit sich selber! 

Wer anschliessend einen Erfahrungsbericht wünscht, kann sich gerne bei mir melden. 

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