Selbstzweifel

Während eines normalen Tages bin ich einen Grossteil der Zeit damit beschäftigt, dumme Dinge zu tun. Dumme Dinge sind für mich all diejenigen, die ich mache, obwohl ich genau weiss, dass sie mir im Endeffekt nicht gut tun. Ein Paradebeispiel dafür sind altbekannte Fehlerquellen, aus denen ich, wie es scheint, einfach nichts lerne: Ausreiten in kurzen Hosen, lieber drei Minuten länger schlafen, als es pünktlich auf den Bus zu schaffen und – extrem hohe Selbstzweifel an meiner eigenen Person.

Viel zu oft kommt es vor, dass ich an meinen eigenen Entscheidungen und an dem was ich tue oder sage zweifle. Ich zweifle an der Wahl meines Materials, an der Ordnung meines Sattelschrankes, an meinen Texten und ich zweifle gleichzeitig daran, ob es wirklich gut ist, so viele Zweifel zu haben. Sowieso denke ich viel zu viel nach.

Vor allem aber zweifle ich an Dingen, die mir viel bedeuten. Am allerliebsten an mir als Reiter und Pferdemami. Ich zweifle daran ob es richtig war, ein so junges Pferd zu kaufen und ob ich dieser Aufgabe wirklich gewachsen bin. Ich zweifle daran, ob ich genug kann, um Cornet alles Notwendige zu zeigen und zu lehren, bin ich im Kopf doch selbst noch ein Kind. Dem nicht genug, nein, mir fallen ständig neue Zweifel ein und es gibt sogar Tage, da zweifle ich daran, ob mein Pferd mich überhaupt mag. Das rutscht jetzt vielleicht etwas ins Kitschige, aber es kommt ganz tief vom Wendyherzen.

In letzter Zeit haben sich meine Zweifel um folgende Frage gedreht: Bin ich eigentlich gut im Reiten? Was würdet ihr euch selbst antworten? Und würde diese Antwort von jener abweichen, die ihr jemand anderem als euch selbst geben würdet?

Ich habe mir lange überlegt, wie ich diese Frage beantworten könnte, um sie bedenkenlos ins Internet laden zu können. Einerseits glaube ich, dass ich vermutlich ganz gut reite. Ich kriege mein Pferd in allen Gangarten durch die Bahn oder das Gelände geritten, fliege bei einem Bocksprung nicht gleich aufs Maul und besitze seit einigen Jahren die Lizenz.

Andererseits reite ich schlecht. Erschreckenderweise vertrete ich diese Ansicht viel lieber, da es mir massiv leichter fällt, meine eigenen Leistungen zu kritisieren. Mein Oberkörper kippt oft zu weit nach hinten ab, ich habe meine Mühe damit, mich im Rücken ganz durchzustrecken und neben anderen, viel gröberen Schnitzer, vergesse ich manchmal sogar, in der Diagonalen das Bein zu wechseln. Bin ich also doch ein schlechter Reiter? Obwohl ich mich immer bemühe, wenn ich einen Fuss in den Stall setze? 

Wie bereits erwähnt, fällt es mir leichter, abschätzig über mich selbst zu sprechen. Grund dafür ist, dass ich eine dieser mühseligen, ruhelosen Perfektionisten bin, die ich selbst so ekelhaft finde. Für mich gibt es kein Halten, bevor etwas nicht einwandfrei ist. Auf dieser scheinbar edlen Einstellung kann ich aber nicht bauen, weil es für mich im selben Zeitpunkt schlicht und einfach kein endgültiges „einwandfrei“ gibt. Ein unnötiger, ungesunder Widerspruch in sich, nicht wahr?

Um diesen Widerspruch formt sich mein noch viel ungesünderes Prinzip, dass ich doch alles noch ein bisschen besser, noch ein bisschen genauer und noch ein bisschen schneller machen könnte. Gleichzeitig blende ich Erfolge ebenso hartnäckig aus, wie ich an Misserfolgen festhalte. Aus zehn Parcours, von denen ich neun souverän durchreite, bleibt in meinem Kopf mit Sicherheit vor allem der eine Parcours hängen, in welchem ich irgendwas verbocke. Und die Zweifel gehen von vorne los.

Um das Selbstvertrauen zu steigern wird der Frau von Welt in all den Gold-und Glitzerheften geraten, die Erfolge in den kleinen Dingen schätzen zu lernen. Das übe ich auch in regelmässigen Abständen, angefangen bei einer richtigen Cavaletti-Distanz oder einer passabel ausgesessenen Trabverstärkung (für einen Tag, an dem ich Cornet’s schwungvollen Trab makellos sitzen könnte, würde ich meine Seele verkaufen). Aber irgendwie reicht mir das nicht, da drückt wieder das Perfektionistische durch. Irgendwie glaube ich, dass nur jene die Erfolge in kleinen Dingen suchen, die das gesunde Selbstvertrauen schon verloren haben. Für sie sind die grossen Ziele unerreichbar – und so jemand möchte ich nicht sein. Oder vielleicht möchte ich mir nicht eingestehen, so jemand zu sein?

Viele werden jetzt sagen: solche Gedanken sind doch normal, welcher Reiter hat sie schon nicht? Das stimmt meiner Meinung nach aber nicht ganz. Ich kenne so viele Reiter mit einem beneidenswerten Selbstwertgefühl, denen ich aber nicht mal beim Putzen (vom Reiten ganz zu schweigen) zusehen kann. Dürfte ich mir nicht mal eine Scheibe von Euch abschneiden? Wo finde ich bloss den Schlüssel, mit dem ich meine eigenen Erwartungen herunterschrauben kann?

Zusätzlich hilft es nicht, dass alles im Leben ein Wettbewerb ist, ständig müssen wir uns mit anderen Reitern und mit anderen Pferden vergleichen. Eine Leistung lässt sich eben nur in Relation mit der Leistung von jemand anderem messen. Und in eine (theoretisch) objektive Rangliste gesteckt zu werden ist nicht immer Balsam für das eigene Ego.

Ziemlich hilfreich hingegen finde ich die (uns allen bekannte) Tatsache, dass Pferde unsere Stimmungslage und Körpersprache hemmungslos lesen können. Sie sind die Spiegel unserer Seele, wie man so schön sagt. Ich weiss nicht wie eure Tiere sind, aber spürt Cornet bei mir die geringsten Zweifel, beginnt er – zurecht! – meine Hilfen doppelt und dreifach zu hinterfragen. Das zwingt mich dazu, meine Entscheidungen bis zum Schluss durchzuziehen und keine Zeit damit zu vertrödeln, sie tausendmal zu hinterfragen.

Obwohl es mir schwer fällt glaube ich, dass es da draussen einige gibt, die noch mehr unter Selbstzweifeln leiden als ich. Ich konnte während des Gegenlesens von meinem Text feststellen, dass ich eigentlich nicht ganz so ein Schwarzmaler bin, wie es vielleicht im ersten Moment scheint. Meine Selbstzweifel kommen nur phasenweise und dann hilft mir nur eines:  Mich tief in meinen Kopf vergraben und mit Cornet gemeinsam einsam sein. Er weiss eben, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, in dem man gar nichts zu sagen braucht.

Wenn ich so zurückdenke muss ich feststellen, dass ich früher nicht so selbstkritisch war, auch was das Reiten betrifft. Das kam irgendwann schleichend mit dem Erwachsenwerden, im Päckli mit allen anderen Lastern. Ohne gross nachzudenken bin ich auf jedes Pferd gesessen, bin jeden Sprung, jeden Busch, jeden Baumstamm angeritten. Ich habe mich selten in Frage gestellt, sondern habe einfach mal gemacht – was im Nachhinein betrachtet auch nicht immer gut ausging.

Ich denke, dass es für ein ausgeglichenes Ich neben Selbstvertrauen auch eine gesunde Portion Selbstzweifel braucht. Und so gesehen gehört das An-Mir-Selbst-Zweifeln vielleicht doch nicht ganz zu den dummen, unnötigen Dingen, die ich tagein, tagaus mache. Ich muss aber vielleicht von Zeit zu Zeit wieder an der Dosis meiner Selbstzweifel schrauben, damit auch dieser Mix – wer hätte das gedacht? – irgendwann perfekt wird.

(Foto by: Lucas)

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