Sechseläuten Zürich – Zeit für neue Traditionen?

Morgen ist es wieder so weit – das Sechseläuten, das traditionelle Zürcher Frühlingsfest, hat mit dem Zug der Zünfte und dem anschliessenden Ritt um den Böögg seinen Höhepunkt erreicht. Schon seit vielen Jahrzehnten strömen im April Gross und Klein nach Zürich, um dem spektakulären Volksfest beizuwohnen.
Das Sechseläuten beruht auf einer langen Tradition. Getragen wird es von den Zürcher Zünften, die über 450 Jahre lang die massgeblichen Institutionen der Stadt darstellten. Bereits im Jahre 1868 gab es im Kratzquartier in Zürich ein sogenanntes Sechseläutenfeuer, das seit 1902 mit dem Verbrennen des Bööggs in Verbindung gebracht wird. Diese Idee ist zurückzuführen auf den heidnischen Brauch, den Winter verbrennen zu wollen um so die wärmere Jahreszeit einzuläuten. Je schneller der Böögg explodiert, so heisst es, desto länger und schöner werde der Sommer.

 

Bevor es Montagabends zur spektakulären Verbrennung des besagten Bööggs kommt, findet in Zürich der Zug der Zünfte statt. An diesem beteiligen sich rund 3'500 Zünfter, wovon über 350 als Reiter und viele andere in einer der 50 von Pferden gezogenen Wagen teilnehmen. Anschliessend kommt es dann zum Umritt, bei dem die Zünfter mit ihren Pferden im wilden Galopp den brennenden Böögg umrunden, während alle darauf warten, dass dieser explodiert. Sie sehen also – auch die Pferde spielen am Sechseläuten eine wichtige Rolle!

Aber tun sie das wirklich?

Diese Frage stelle ich mir nun seit vielen Jahren, und je länger je mehr kommen mir Zweifel daran – nicht nur daran, ob die Pferde am Sechseläuten nicht nur lediglich ein Mittel zum Zweck – nämlich ein standesgemässes Fortbewegungsmittel –  darstellen, sondern auch daran, ob man es wirklich mit gutem Gewissen tolerieren oder gar unterstützen kann, was die Pferde am Sechseläuten Jahr für Jahr mitmachen müssen. Ich möchte mit diesem Artikel niemandem meine Meinung aufzwingen, ich möchte niemanden verurteilen und ich bin mir bewusst, dass Traditionen in der Schweiz einen hohen Stellenwert haben. Aber ich würde mir wünschen, dass die Fakten, die ich im folgenden nennen werde, vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken bringen.

Fakt ist, dass gerade das letztjährige Sechseläuten von traurigen Ereignissen überschattet wurde. Bereits am Montag Vormittag kam es zu einer Kollision zwischen einer Kutsche und einem parkenden Auto, und seinen tragischen Höhepunkt erreichte die Veranstaltung schliesslich, als ein altgedientes Schulpferd, das vielen kleinen Kindern über Jahre hinweg geduldig des Reiten beigebracht hatte, während des Umritts tot zusammenbrach.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass Unfälle nun mal passieren, und obschon mich besagter Vorfall persönlich sehr erschüttert hat weiss ich, dass so etwas alleine nicht Grund genug wäre, die Tradition des Sechseläutens in Frage zu stellen. Fakt ist aber, dass diese Vorfälle eben gerade keine vom Rest der Veranstaltung isolierten, einmaligen tragischen Vorkommnisse waren, sondern dass sie tatsächlich nur die Spitze dessen darstellen, was hunderte von Pferden Jahr für Jahr am Sechseläuten über sich ergehen lassen müssen. Zu Unfällen kommt es dabei immer wieder, nur gelangt eben nicht alles an die Medien. Und selbst dann, wenn von aussen her betrachtet alles „gut“ geht, so stellt es für die Tiere einen wahnsinnigen Stress dar.

 

Der Zug der Zünfte wird begleitet von lauter Musik, lauten Böllern und unendlich vielen lärmenden Menschen. Dadurch, dass es sich um einen sogenannten Kontermarsch handelt, was bedeutet, dass die Spitze des Zuges irgendwann kehrt und dem hinteren Teil des Marschs entgegenkommt, wird das Ganze noch lauter und noch beengter, als es ohnehin schon ist. Für das Fluchttier Pferd, dessen Instinkte einzig und allein darauf ausgerichtet sind, bei potenzieller Gefahr das Weite zu suchen, ist diese Situation der pure Alptraum. Natürlich kann man nun argumentieren, dass es Pferden im Zirkus und an Shows oftmals nicht anders ergeht. Das stimmt auch – allerdings handelt es sich dort um Tiere, die in langjähriger sorgfältiger Ausbildung gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen. Am Sechseläuten hingegen laufen auch viele Schulpferde mit, die sonst schon einen falsch liegenden Ast im Gelände mit Argwohn beäugen. Man braucht nicht viel Fantasie um sich ausmalen zu können, wie beängstigend der Umzug für diese Pferde sein muss. 

sechselauten

Quelle: www.sechselaeuten.ch

Getoppt wird das Ganze nur noch vom anschliessenden Umritt um den Böögg. Hier kommt alles zusammen – laute Musik, ein riesiges Feuer, aufgeheizte Stimmung, laute Böller und ein explodierender Schneemann in der Mitte. Stuntpferde für Filme werden in intensivem Training auf solche Feuerstunts vorbereitet. Die Pferde am Sechseläuten hingegen müssen von jetzt auf gleich um den brennenden Böögg galoppieren und sollten dabei wenn möglich auch noch dafür sorgen, den Zünfter auf ihrem Rücken nicht zu verlieren. Spätestens hier ist dann auch die Toleranzgrenze vieler Pferde erreicht.
Statt dies jedoch zu akzeptieren, und den Tieren die Strapazen zu ersparen, ist es in einigen – wohlgemerkt, nicht in allen – Zünften üblich, die Pferde zu sedieren. Mal abgesehen von der Frage, inwieweit es ethisch vertretbar ist, einem Fluchttier die Sinne zu vernebeln, anstatt sich zu fragen, weshalb man als Reiter nicht dazu in der Lage ist, seinem Tier die für solch einen Anlass nötige Sicherheit zu vermitteln, ist der Einsatz von Sedalin für solche Zwecke auch unter medizinischen Gesichtspunkten problematisch. Das Medikament enthält das Phenothiazin-Derivat Acepromazin, das zur verminderten Erregbarkeit und zur verminderten Motorik der Tiere führt. Da dieses Mittel jedoch gefässerweiternd und blutdrucksenkend wirkt, wird davor gewarnt, es bei jungen und älteren Tieren einzusetzen. Gerade letztere kommen am Sechseläuten jedoch auf Grund dessen, dass sie vielfach leichter zu händeln sind, verhältnismässig oft zum Einsatz. Zudem warnt die Packungsbeilage davor, das Mittel bei Tieren in einem Zustand heftiger emotionaler Erregung anzuwenden.

Seinen normalen Anwendungsbereich hat Sedalin in der Beruhigung vor medizinischen Eingriffen oder vor Transporten, also bei Aktivitäten, bei denen die Tiere keiner weiteren Kreislaufbelastung ausgesetzt werden. Beim Sechseläuten hingegen müssen sie im Anschluss an die Verabreichung des Mittels um den Böögg herumgaloppieren, was für sich allein genommen schon eine enorme Belastung des Nervensystems und des Kreislaufs darstellt. Dass dabei nicht häufiger etwas passiert, ist eigentlich ein kleines Wunder.

Der Schutz der Pferde in der Schweiz entwickelt sich stetig weiter. Die Haltungsbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert und mit dem Verbot von Schlaufzügeln auf Turnieren nahm die Schweiz europaweit sogar eine Vorreiterrolle in Sachen Tierschutz ein. Kann es da wirklich sein, so frage ich mich, dass am Sechseläuten so weiter verfahren werden kann, wie noch vor hundert Jahren, nur weil es eben „Tradition“ ist? Würde man so argumentieren, so müssten unsere Pferde konsequenterweise noch in Ständern stehen und mit Aufsatzzügeln verschnürt vor Kutschen laufen. Dies ist jedoch nicht mehr so, und das aus gutem Grund! Wir wissen heute mehr denn je über das Wesen der Pferde und darüber, wie empfindsam diese Tiere sind. Und nicht nur unser Wissen über Pferde, auch die Pferde selbst sind nicht mehr gleich, wie noch vor hundert Jahren. Wurden sie früher noch auf Widerstandsfähigkeit und ein ausgeglichenes Gemüt hin gezüchtet, so lässt der hohe Blutanteil unserer heutigen Pferde sie zwar leistungsfähiger werden, führt aber auch dazu, dass ihr Nervenkostüm oft deutlich schwächer ist, als das ihrer Vorfahren. Auch die Tatsache, dass die Zünfter heute meist nicht mit ihren eigenen Pferden kommen, sondern auf geliehenen Tieren reiten, ist ungünstig. Ein eingeschworenes Pferd-Reiter-Team bei dem das Pferd weiss, dass es dem Reiter auf seinem Rücken blind vertrauen kann, dürfte einen solchen Anlass wohl mit deutlich weniger Stress bewältigen. Beim Sechseläuten kennen sich Pferd und Reiter jedoch häufig nur vom gelegentlichen Reitunterricht – wenn überhaupt.

All dies lässt mich daran zweifeln, dass das Sechseläuten in seiner aktuellen Form noch zeitgemäss und tiergerecht ist, und die immer lauter werdende Kritik diverser Tierschutzverbände zeigt mir, dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine bin. Die Veranstalter des Sechseläutens haben auf die Kritik mit drei neuen Massnahmen reagiert: Alle Reiter müssen im Besitz des Reitbrevets sein, für die Reiter gilt eine Promillegrenze von 0,5 und beim Umzug muss mindestens eine Aufsichtsperson für je drei Pferde zugegen sein. Dazu lässt sich nur sagen: Klingt nett, ändern wird es wohl nichts. Dass die Anzahl Aufsichtspersonen so tendenziell erhöht wird, ist sicher keine schlechte Sache im Hinblick auf die Unfallprävention, wird aber an der nervlichen Belastung für die Pferde wenig ändern. Was das Brevet angeht, so weiss wohl jeder Reiter, dass es hierzu ausreicht, sich in allen Gangarten auf dem Pferd halten zu können – an das Können eines Reiters, der mit seinem Pferd an einem solchen Grossanlass teilnehmen möchte, müsste man vernünftigerweise erheblich höhere Ansprüche stellen. Und was die Promillegrenze angeht, so fällt mir nur eine Frage ein: Ernsthaft? So etwas muss man ernsthaft noch reglementieren? Wenn ich es meinem Partner Pferd schon zumute, an einem für es so beängstigenden Anlass teilzunehmen, dann sollte das Mindestmass an Respekt es doch gebieten, dass ich mich zumindest darum bemühe, eine Vertrauensperson für mein Pferd zu sein. Und Vertrauenspersonen haben ihre Sinne beisammen, anstatt vom Alkohol vernebelt. Betrunken aufs Pferd zu steigen ist in meinen Augen immer ein No Go, an einer Veranstaltung wie dem Sechseläuten wäre es schlicht fahrlässig. Allein die Tatsache, dass es den Tod eines Pferdes gebraucht hat, diese Regel einzuführen, finde ich daher erschreckend. Geändert hätte sie an besagtem Vorfall aber wohl auch nichts. 

Der Grund, weshalb das Sechseläuten in seiner jetzigen Form so weiterbesteht, wie bisher, ist wohl der, dass man die Frage, welche ich zu Beginn dieses Artikels gestellt habe, mit „nein“ beantworten muss. Nein, die Pferde spielen am Sechseläuten keine wichtige Rolle. Sie fungieren an diesem Volksfest als Statisten und als Fortbewegungsmittel und das nur, weil es eben schon immer so war. Bei dieser Tradition geht es nicht um die Pferde. Und genau deshalb sollte man sich ernsthaft überlegen, ob es nicht Zeit wird, daran etwas zu ändern. Ich sehe dabei genau zwei Möglichkeiten:  Sieht man die Pferde und das Reiten als integralen Bestandteil des Volksfestes, so wird man dafür sorgen müssen, dass es deutlich pferdegerechter abläuft. Tiere und Reiter sollten unter strengen Gesichtspunkten ausgewählt und professionell auf den Anlass vorbereitet werden und man sollte auf laute Böller sowie den brennenden Böögg verzichten. Wenn jedoch, und davon gehe ich aus, das laute Fest und das Anzünden des Bööggs weiterhin im Vordergrund stehen sollen, so wäre das einzig Richtige, künftig auf Pferde am Sechseläuten zu verzichten.

Traditionen sind etwas Schönes und Wichtiges, aber nur, solange sie nicht dazu dienen, längst überholte Standards aufrecht zu erhalten, die anderen Lebewesen Schaden zufügen. Nur weil etwas vor hundert Jahren mal als tiergerecht galt, heisst das nicht, dass es das, gemessen an den heutigen Massstäben, immer noch ist. Und daher bin ich im Bezug auf das Sechseläuten der Meinung, dass es an der Zeit ist, eine neue Tradition zu begründen. Eine, bei der kein Pferd zu Schaden kommt, und bei der wir wieder ruhigen Gewissens den Frühlingsanfang feiern können.

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