Schritt für Schritt zum Weideglück – So weiden Sie richtig an

Endlich ist es soweit: Die Tage werden wieder länger, und die Temperaturen milder. Alles weist darauf hin, dass der Frühling nicht mehr lange auf sich warten lässt. Auch für unsere Pferde ist dies ein Grund zur Freude, denn es bedeutet, dass sie schon bald ihre Matschpaddocks gegen saftige, grüne Weiden eintauschen dürfen. Doch so schön der Start der Weidesaison auch ist, er birgt einige nicht zu unterschätzende Gefahren. Die Umstellung vom rohfaserreichen Winterfutter hin zum jungen Weidegras, das rohfaserarm und voll von Eisweissen und Fruktane ist, stellt eine starke Belastung für den Stoffwechsel unserer vierbeinigen Partner dar.
Werfen wir unsere Pferde also quasi ins kalte Wasser, indem wir sie ohne Vorbereitung gleich für mehrere Stunden auf die Weide stellen, so drohen lebensgefährliche Krankheiten wie Koliken oder Hufrehe. Daher ist es wichtig, beim Anweiden planvoll und langsam vorzugehen. Der folgende Blogbeitrag will Ihnen dabei helfen, indem er viel Wissenswertes rund um die heikle Übergangsphase von der Winter- zur Sommerfütterung enthält und verrät, worauf beim Anweiden besonders geachtet werden sollte. 

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Knackpunkt Stoffwechsel – Das passiert beim Anweiden:

Hauptverantwortlich für die Verdauung eines Pferdes ist seine Dickdarmflora, die sich aus Bakterien und Protozoen zusammensetzt. Im Rahmen der mikrobiellen Tätigkeit des Darms passt sich diese Flora stets der Nahrung an, die das Pferd zu sich nimmt. Kommt es nun zu einem solch krassen Wechsel wie dem von reiner Heu- und Stroh hin zur Fütterung von Weidegras, so ist die empfindliche Darmflora schnell überlastet. Der Grund dafür, dass dieser Wechsel so viel heikler ist, als das Abweiden zur Winterzeit, ist der, dass Gras durch seine geringe Rohfaserdichte wesentlicher leichter verdaulich für Pferde ist, als Heu. Dadurch wird es schneller verstoffwechselt, was dazu führt, dass die Darmflora nicht mehr nachkommt und sich infolge dessen eine Überzahl an ungesunden Bakterien bildet, die den Darm massiv belasten können. Wenn man sich einmal vor Augen hält, dass ein durchschnittliches Warmblut auf der Weide drei bis vier Kilogramm Gras pro Stunde zu sich nimmt, so dürfte einem schnell einleuchten, was bereits eine Stunde auf der Weide mit einem unvorbereiteten Pferdedarm anstellen kann. Daher ist es sehr wichtig, beim Anweiden wirklich langsam und behutsam vorzugehen!

Langsam und schrittweise – Diese Intervalle werden beim Anweiden empfohlen:

Generell wird gesagt, dass die Darmflora eines Pferdes etwa 14 Tage braucht, um sich an eine neue Situation zu gewöhnen. Zu Beginn sollte man sein Pferd nicht länger als zehn Minuten grasen lassen, und diese Dauer dann langsam steigern. Idealerweise sollte man die Pferde zur Steigerung nicht nur länger am Stück, sondern mehrmals am Tag, also beispielsweise zwei mal fünfzehn Minuten lang, grasen lassen. Aber Achtung! Sollten Sie das Anweiden auf Grund von schlechter Witterung oder anderen Faktoren einmal unterbrechen müssen, so müssen Sie anschliessend wieder ganz von vorne beginnen, da die Darmflora sich nur bei nahtlosem Anweiden richtig anpassen kann.

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Gefahrenquelle Fruktane  Das müssen Sie wissen:

Früher ging man davon aus, dass die im Gras enthaltenen Eisweisse schuld an den damit verbundenen Stoffwechselerkrankungen wie Huhrehe seien. Aktuelle Forschungen hingegen zeigen, dass es stattdessen die Fruktane sind, welche das Gras vor allem im Frühling zu einer solchen Gefahr für unsere Pferde werden lassen. Fruktane sind Fruchtzucker, also Stärke und Kohlenhydrate. Sie können im Dünndarm unserer Pferde quasi nicht verdaut werden, was dazu führt, dass immer wieder grössere Mengen in den Dickdarm gelangen. Dort kommt es dann buchstäblich zu einer explosionsartigen Zersetzung der Fruktane, die eine vermehrte Bildung von Milchsäure mit sich bringt. Milchsäure wiederrum sorgt dafür, dass viele der guten Darmbakterien absterben, und eine Menge giftiger Stoffe in die Blutbahn des Pferdes gelangen, die sich dann in schmerzhaften Stoffwechselerkrankungen wie Hufrehe oder Koliken manifestieren können. Daher ist es enorm wichtig zu wissen, wann der Fruktanegehalt im Gras am höchsten ist, um diese Spitzen vor allem in der Anfangszeit vermeiden zu können.
Besonders hoch ist der Gehalt an Fruktane in ganz jungem Frühlingsgras, also in den ersten zwei bis drei Wochen, nach denen das Gras quasi „aus dem Winterschlaf erwacht“ ist. Je älter es wird, desto höher wird sein Gehalt an Rohfasern und desto ungefährlicher wird es für unsere Pferde. Bezogen auf die Tageszeit hat der Fruktanegehalt um die Mittagszeit seine Höchstwerte erreicht und fällt dann immer weiter ab, bis er am Abend seinen Tiefstwert erreicht hat. Doch auch die frühen Morgenstunden sind heikel. Sind die Nächte nämlich noch so kalt, dass das Gras über Nacht gefriert, so weist es am Morgen ebenfalls einen sehr hohen Gehalt an Fruktane auf.
Eine irrige Annahme ist es ebenfalls zu glauben, dass kurze, abgegraste Wiesen kein oder nur ein vermindertes Risiko für Pferde darstellen. Gerade in sogenanntem „gestressten Gras“ befindet sich ebenfalls viel Fruktane, weshalb auch die abgegrasten Weiden im Herbst nicht unterschätzt werden dürfen.

Die richtige Ergänzung – Was Sie sonst noch füttern sollten:

Um Ihr Pferd in den ersten Wochen der Weidesaison futtertechnisch optimal zu unterstützen, sollten Sie vor allem gutes, rohfaserreiches Heu in Kombination mit Stroh zufüttern. Bevor die Pferde auf die Weide gelassen werden, sollten sie bereits ausreichend Heu erhalten haben, damit die Dickdarmflora ihre Funktion bereits aufgenommen hat und die Tiere das junge Gras nicht völlig ausgehungert herunterschlingen. Das Auftreten von Durchfall oder Kotwasser ist ein sicheres Zeichen dafür, dass die Grasmenge reduziert und die Raufuttermenge erhöht werden sollte.
Was die Fütterung von Kraftfutter betrifft, so sollte diese während den ersten Wochen stark reduziert oder ganz eingestellt werden, da die im Kraftfutter enthaltenen Eiweisse und Kohlenhydrate den Stoffwechseln noch zusätzlich belasten. In jedem Fall sollte die Kraftfutterfütterung nicht unmittelbar vor dem Weidegang erfolgen und das Pferd erst noch einmal Heu erhalten, um den Rohfaserhaushalt auszugleichen.

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Idealerweise sollten Sie mit dem Anweiden also etwa drei Wochen nach Beginn des Graswachstums beginnen, und ihr Pferd zunächst etwa zehn Minuten grasen lassen. Am besten wählen Sie dazu die späten Abendstunden und sorgen dafür, dass Ihr Pferd vorher genügend Heu gefressen hat. Wenn Sie diesen Zeitraum dann langsam steigern und sich die obenstehenden Tipps zu Herzen nehmen, so sollte einem unbeschwerten Start in die Weidesaison für Sie und Ihren vierbeinigen Freund nichts mehr im Wege stehen! 

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