Schlechte Angewohnheiten

Wie jedes andere Lebewesen habe auch ich einen ganzen Haufen schlechter Angewohnheiten. Ich habe nichts richtig Übles vorzuweisen, es sind eher ganz viele kleine Dinge und es hilft mir manchmal, die Sachen, die ich ändern möchte, in irgendeiner Form in die unendlichen Weiten des Universums (heute des World Wide Webs) hinauszuschicken. Auf diese Art glaube ich meinen Willen kundzutun, diesmal wirklich ernsthaft etwas an mir ändern zu wollen. Tönt komisch, ist es vielleicht auch – aber es hilft. Manchmal. Los geht’s!

Labertasche

Das erste, was mir spontan einfällt ist, dass ich jene, die sich mit ihrem Pferd in der sogenannten Babysprache unterhalten, immer ein bisschen belächle. Oh, fremdes Geplauder in dieser kindlichen Sprache lässt meine Ohren brennen und zwingt mich in den meisten Fällen, die Stätte des Geschehens eilends zu verlassen. Das Schlimmste dabei ist: ich selbst bin keinen Deut besser. Komme ich in den Stall ist das erste was ich tue, mein Pferd lauthals mit „Bääääär“ anzukrächzen und das in einer so übertriebenen Stimmfarbe, dass man meinen könnte, ich hätte ihn seit mindestens zwei Monaten nicht mehr gesehen.

Auf diese Art unterhalte ich mich mit Cornet über alles Mögliche: über Zeug aus dem Alltag, über Geistiges und Profanes, oder über andere sehr wichtige Dinge, die allesamt durch den grenzdebil melodiösen Tonfall völlig an Ernsthaftigkeit verlieren („Ja Cornet, au scho vo Brexit gehört? Was mache mir jetzt nur, Tüdelü…“).

Je nach Gemütszustand kommt es vor, dass mir Cornet auf meine Fragen und Räubergeschichten mit einem tiefen Grummeln oder hohen Quietschen antwortet. Das glaubt mir nie jemand und deshalb habe ich schon zig mal versucht, Cornet dabei zu filmen. Aber irgendwie scheint die Anwesenheit der Kamera seine Gesprächslust zu hemmen und ich nehme jedes Mal minutenlanges Schweigen auf. Aber es stimmt wirklich, ich schwör. Und es gibt sogar ein paar wenige Seelen, die dieses Naturschauspiel bezeugen können.

Inkonsequenz

...lässt sich durch folgende zwei Szenarien ziemlich gut darstellen:

Szenario 1: Wenn ich im Sommer Cornet’s Bremsenstiche kraule und er mich im Gegenzug liebevoll aber bestimmt in die Schulter kneift, ist das voll okay, tut er es doch, weil er mich so fest liebt. Macht er dasselbe nachdem ich absteige und nach einer Reitstunde noch etwas mit meiner Trainerin quatsche, dann gibt es einen Rüffel. Einfach aus dem Hinterhalt in die Schulter beissen, das geht nicht mein Freund.

Szenario 2: Cornet’s Box hat keine Türe und so hängt sein Kopf ständig im Stallgang. Kommt ein Pferd vorbei, das er nicht besonders mag oder man streift ihn im Vorbeigehen versehentlich am Kopf, kann er ganz schön böse schauen und an besonders schlechten Tagen sogar die Zähne zeigen. In solchen Momenten lässt mein belehrender Zeigefinger nicht lange auf sich warten und manchmal kommt auch ein Hufkratzer geflogen. Immerhin haben wir Hunde und Kinder im Stall, da muss der Herr seine Launen einfach im Griff haben. Da gibt es kein Pardon.

Denselben, angepissten Ausdruck liefert Cornet aber auch in Momenten, in denen ich besonders liebesbedürftig bin und mit ihm schmusen möchte. Als ob das nicht schon selten genug passiert (ich bin wirklich kein Schmuser) entschuldige ich mich auch noch dafür, dass ich ihn mit dem Ausdruck meiner Liebe und Zuneigung beim Sein gestört habe. Und wenn ich gerade ausgesprochen verzweifelt nach Zustimmung suche, bekommt er trotz seiner Motzvisage sogar ein Gutzi. Einfach so. Und er weiss leider ganz genau, dass er mit sowas durchkommt, weil er meine Seele besitzt.

Liegenlasstitis

Ich bin wirklich ein sehr disziplinierter Mensch. Aber alles im Leben braucht eine gewisse Balance und leider hat es sich so ergeben, dass ich meine unordentliche Seite, die ich sonst so gut verdränge, unabsichtlich oft im Stall auslebe. Ich weiss gar nicht, wie ich das Ausmass der Dinge beschreiben soll, aber da gibt es diese eine Geschichte, die man sich bei uns im Stall immer wieder gerne erzählt. Die bald schon legendäre Story, wie ich nach dem Reiten plötzlich meinen Sattel nicht mehr finden konnte, diesen überall (glaubte ich jedenfalls) verzweifelt gesucht und sogar im Stall-Gruppenchat danach gefahndet habe, bis irgendwer oben auf den Platz geritten kam und dort auf meinen verlassenen Sattel stiess, der bei Nieselregen traurig auf einem Cavaletti hing.   

Ja, im Stall werde ich manchmal zur Wiedergeburt von Hensel und Gretel. Überall wo ich hingehe hinterlasse ich Spuren, schon fast wie Brotkrümel: Die Bürste, die im Gang liegt, gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in meinen Besitz, ich streue regelmässig Peitschen oder Halfter über den Hof und was ist mit den Glocken auf dem Waschplatz? Ach, die suche ich doch schon seit einer E-wig-keit! Meine Stallfamilie sieht das zum Glück mit einer grossen Portion Humor und Nachsicht. Dafür und für ganz viel Anderes bin ich ihnen sehr dankbar. Und wenn mir irgendwer jemals mein inneres Gretel austreiben wird, dann ihr.

Ohrhaare und andere Kuriositäten

Lustigerweise bin ich, wenn es um ein paar bestimmte, eigentlich belanglose Kleinigkeiten geht, extrem pingelig. Zum Beispiel Cornet’s Ohrhaaren: Ich kann das nicht ab, wenn ihm diese längeren Strähnen aus dem Ohrinneren wachsen und die klaren Umrisse seiner Lauscher zerstören. Dann werde ich immer ein bisschen zwangsneurotisch und schnappe mir die nächstbeste Schere, um dieser Grausamkeit ein Ende zu setzen.

Gleichzeitig kann ich viel wichtigere Dinge, wie beispielsweise das Hufeauskratzen, völlig vernachlässigen. Da Cornet an zwei von vier Hufen Keileinlagen hat, rede ich mir gerne ein, dass mich diese quasi zur Faulheit erzogen haben, weil ich an 2/4 Cornetbeinen gar nichts auskratzen kann.

Ein weiterer Punkt, der wahrscheinlich gut in den Bereich Kuriositäten passt, sind meine Kampfversuche gegen die moderat wachsende Spinnenpopulation in meinem Sattelschrank. Von Spraydeo über Fliegenklatschen bis zum Einsperren unserer Stallkatze habe ich schon alles versucht. Die letzte Zeit habe ich die Wirkung von Sonnenlicht erprobt und meinen Schrank im Rahmen dieses Projekts während dem Reiten jeweils sperrangelweit offen gelassen.

Ein paar heitere Tage lang dachte ich mir, dass mein Masterplan aufgeht. Dank der Lektüre von Harry Potter habe ich nämlich schon als Kind gelernt, dass Spinnen Sonnenlicht eigentlich meiden sollten. Aber zack – gerade erst heute Morgen strichen mir beim Öffnen der Schranktüre ein paar abstossende Weben zärtlich übers Gesicht, meine Fantasie liess mich gleich siebentausend Spinnenbeine spüren und strafte mich für meinen Hochmut. Nun müssen dringend neue Ideen her, aber keine Angst: die Katze werde ich nicht mehr einsperren. Muss das ganze noch mit Cornet besprechen, mal schauen, was er dazu zu grummeln hat.

Social Media

Das urbane Pferd ist nichts, wenn es nicht mindestens drei Mal pro Woche ein Selfie von sich hochladen lässt. Viele Leute haben mir schon ans Herz gelegt, jetzt doch endlich eine eigene Page für Cornet zu eröffnen, statt meine eigenen Kanäle mit Rössli-Content vollzuspamen.

Es ist kein Geheimnis, dass wahrscheinlich solide 70% meiner Social Media-Posts aus Bildern von Cornet’s Abenteuern bestehen. Ebenso (trauriger) Fakt ist, dass ein Selfie von mir noch nie so viele Likes in so kurzer Zeit erreicht hat, wie ein Bild von Cornet, und sei es auch eines, auf dem er einfach gedankenverloren ins Leere starrt. So gesehen hat mein Pferd doch bereits eine Bühne für seinen Webauftritt und da ich selbst extrem kamerascheu bin, überlasse ich die Show auch herzlich gerne ihm.

Ausserdem macht es mir natürlich viel Spass über ihn zu berichten, wenn ich weiss, dass es einige da draussen gibt, die meine Freude durch ein Like teilen. An dieser Stelle einfach mal ein grosses Danke fürs Lesen von meinen Texten, Kommentieren sowie Mitdiskutieren...und das schon seit über einem ganzen Jahr!

Ich würde mich sehr darüber freuen, auch von Euren (schlechten) Angewohnheiten rundum das Pferd zu lesen – damit ich mich nach diesem Text nicht mehr ganz so mies fühle. Ich bin mir sicher, dass ich mit meinen Macken nicht alleine bin und bin gespannt auf eure Berichte!


(Cornet: "Immer muss man dir dein Zeug nachtragen...")

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