Pferdeverhalten von A-L: Was will mir mein Pferd sagen?

Da ich 7 Tage in der Woche im Stall bin, bekomme ich so Einiges zu sehen. Natürlich braucht man da auch eine gewisse Abgrenzung, um den eigenen Schutz nicht zu stark zu gefährden, weil nicht immer alles so schön mitanzuschauen ist. Früher hatte ich da noch gewisse Probleme, da ich immer jedem Pferdehalter und natürlich vor allem JEDEM Pferd helfen wollte. Leider bringt dies nichts, wenn gar kein Handlungsbedarf seitens Halter besteht. „Behandlungsresistente Tierhalter“, wie meine Dozenten sie bezeichnen…

Dank meiner Ausbildung zur Tierheilpraktikerin habe ich gelernt, dass ich mit imaginären Scheuklappen durch die Stallgasse gehen muss und nur denjenigen Menschen helfe, die meine Hilfe auch suchen und somit schätzen. Natürlich kann ich mir hin und wieder einen Seitenhieb dann doch nicht verkneifen, aber so bin ich halt. ;-)  

Manchmal hätte ich echt gerne auch solche Scheuklappen ;-P 

IMG_15075628c5fe2056b

 

Was mich vor allem bei den Pensionären immer wieder erschüttert, ist die Tatsache, wie wenig sie ihren Partner Pferd kennen bzw. einschätzen können. Dadurch handeln sie oftmals fahrlässig, was ich einfach nicht verstehen kann. Natürlich mache auch ich immer noch Fehler (ist ja nur menschlich), jedoch lerne ich daraus und versuche solche Situationen zukünftig zu vermeiden bzw. daran zu arbeiten. 

Deshalb ist es mir ein Anliegen, den Magazin- Lesern bzw. Reitinteressierten und vielleicht auch unsicheren Reitschülern das Ethogramm des Pferdes etwas näher zu bringen. 

Natürlich kann ich nicht auf das GESAMTE Ethogramm eingehen, da dies den Rahmen eines Blogs sprengen würde und nicht umsonst gibt es zahlreiche Pferdepsychologie- Ausbildungsangebote. 

Damit sich das lesen etwas einfacher gestaltet, bzw. der Überblick nicht verloren geht, habe ich diesen Blog in zwei Teile geteilt. 

Was ist überhaupt ein Ethogramm? 

Ein Ethogramm beschreibt ein bestimmtes Verhalten genau. Beim Aufzeichnen eines Ethogramms müssen deshalb alle wichtigen Verhaltensweisen einer Tierart genau definiert und gegeneinander abgegrenzt werden, sodass auch unterschiedliche Beobachter bei paralleler Aufzeichnung des Verhaltens eines bestimmten Individuums, zu gleichen Ergebnissen kommen. Die Verhaltensweisen müssen also ausreichend stereotyp sein. Ebenfalls darf beim Protokollieren nichts Persönliches hinein interpretiert werden, da dies das Ergebnis verfälscht. Das Ethogramm ist gewissermassen die beschreibende Basis, auf der die spätere Deutung des beobachtbaren Verhaltens aufgebaut wird.

Die meisten Definitionen im Pferde- Ethogramm beziehen sich auf das Normalverhalten erwachsener Pferde, die unter möglichst natur- nahen Verhältnissen beobachtet wurden, wie beispielsweise bei Mustangs oder Camarque- Pferde.

Das Pferdeverhalten von A-Z

Wie oben erwähnt gibt es noch viel mehr Verhaltensweisen, jedoch habe ich euch folgend ein paar Wenige in alphabetischer Reihenfolge herausgesucht. Dabei handelt es sich um freilebende Pferde, weshalb es bei unseren Pferden in „Gefangenschaft“ oftmals auch mehrere Bedeutungen haben kann, wie beispielsweise ein entspanntes Gähnen oder eines um Stress abzubauen etc. 

Aber wer sein Pferd kennt, kann somit auch sein Verhalten besser deuten. 

Wenn ein (ranghöheres) Pferd mit starker Drohmimik auf ein (rangniedriges) Pferd zu geht und dabei meistens den Kopf über der Waagrechen hält, nennt man dies Angehen. Dies ist in allen Gangarten möglich, jedoch findet keine Jagd auf ein anderes Tier statt. 

 

Die Definition von Buckeln lautet: Das Pferd wirft beim Buckeln im Vorwärtsgehen die Hinterhand hoch und kann dabei auch austreten. Ich kenne jedoch auch Pferde, die zuerst einen Absprung mit allen vier Beinen zugleich starten. Bei freilebenden Pferden passiert dies im Spiel oder zur Insektenabwehr. 

Bocken-25628c69ed187dBocken-15628c69f8b91d

 

Coping ist der Sammelbegriff für Verhaltensreaktionen zur Angst- und Stressbewältigung, die bei psychisch belastenden oder bedrohlichen Situationen eingesetzt werden, um auf kommende Ängste oder Konflikte aktiv durch bestimmte Bewältigungstechniken einzudämmen bzw. aufzulösen. Coping ist eine typische Verhaltensweise von Hauspferden, welche in Menschenhand erhebliche Defizite in der Haltung oder im Umgang auszugleichen versuchen. 

Leider gibt es immer noch viele Menschen (auch sogenannte Reiter), die ein Drohen / bzw. die Drohmimik von einem Pferd nicht erkennen. Dabei werden die Ohren praktisch an den Hals angelegt, sodass sich die Ohröffnung nach hinten richtet. Special (und natürlich auch viele andere Pferde) verschmälern dazu noch gerne die Nüstern, dass er wie ein verbitterter Griessgram aussieht. ;-) Hierbei sollte einem bewusst sein, dass das Pferd in mehreren Intensitätsstufen droht (Ohrenanlegen, Schweifschlagen etc. wobei jedes Pferd wieder eine andere „Hemmschwelle“ besitzt). 

 IMG_47575628c7ab42428IMG_47525628c7ac70a7d

Mit dem Erschöpfungsgesicht vermittelt das Pferd Kraftlosigkeit. Lethargie, Müdigkeit und Unwohlsein. Meistens lässt es den Kopf und den Hals hängen und richtet die Ohren zur Seite oder rückwärts. Das Erschöpfungsgesicht ist die grosse Ausnahme im natürlichen Verhaltensrepertoire und wurde bislang nur nach aussergewöhnlichen körperlichen Anstrengungen und starken psychischen Belastungen im Zusammenhang von „Notfällen“ (z. B. anhaltende Flucht mit Verletzung) beobachtet. 

Erschopfungsgesicht5628c7e11d1c7

Bildquelle: Lexikon der Pferdesprache von Dr. Gerry M. Neugebauer &  Julia Karen Neugebauer

Ein Verhalten welches mich auch jetzt immer noch zum Lachen bringt, ist das Flehmen. Dabei spricht man vom gezielten und am geöffneten Maul und der Haltung erkennbare Wittern der Pferde (aber auch anderen zahlreichen Säugetieren) nach spezifischen Gerüchen (insbesondere von Pheromonen), mit Hilfe einer besonderen Entwicklung des Riechkolbens und des vomeronasalen Organs (Jacobson-Organ). 

Flehmen-Buch5628c7e1ced56

Bildquelle: Lexikon der Pferdesprache von Dr. Gerry M. Neugebauer &  Julia Karen Neugebauer

Beim Gähnen öffnet das Pferd das Maul und entblösst die oberen Schneidezähne und das Zahnfleisch. Dabei wird der Kopf und Hals gestreckt. Die Ohren werden zuerst nach vorne gerichtet, bis zu dem Augenblick, wo das Maul am weitesten geöffnet ist und beim Schliessen des Mauls gehen die Ohren wieder in eine seitliche Stellung zurück. Dies wurde oft im Anschluss an oder vor Ruheperioden, nach dem Trinken (saugen beim Fohlen), während des Spiels oder bei Hengsten nach der Paarung. Bei unseren „Hauspferden“ kann dies jedoch auch auf eine Stresssituation hindeuten, was oftmals unterschätzt bzw. nicht erkannt wird. 

Beim Hautzucken spricht man von der abwechselnden Kontraktion und Entspannung der subkutanen Muskulatur. Dies hat verschiedene Ursachen, wie die Vertreibung von Insekten, oder auch die Angst vor einer unangenehmen Berührung etc. 

Nicht nur Herdenschutzhunde sondern auch Pferde können hüten, dabei hält sich das „hütende Pferd in der Nähe des „gehüteten“ auf und versucht den Kontakt zu anderen Pferden zu verhindern. Dabei umkreist das hütende Pferd auch mal gern das andere, um es von vermeintlichen Annäherungsversuchen von anderen abzusondern.  Stuten hüten natürlich ihre Fohlen und genauso passen Hengste auf ihre Stuten auf. 

Beim Imponieren beweg sich das Pferd mit übertriebener und betonter Beinaktion. Dabei wölbt es zudem den Hals und trägt den Kopf fast senkrecht. Auch der Schweif wird „getragen“. Hengste nähern sich oft imponierend einer auserwählten Stute. 

Imponieren-Neu5628c82c1824e

Bildquelle: Lexikon der Pferdesprache von Dr. Gerry M. Neugebauer &  Julia Karen Neugebauer

Sollte sich ein fremder Hengst einer Herde nähern, dann jagt der Gruppenhengst den fremden von seinen Stuten auch weg. Dabei äussert er eine starke Drohmimik. 

Das Kopfschlagen kann auf einen Teil des Körpers bezogen sein, um diesen von lästigen Insekten zu befreien. Es kann aber einem anderen Pferd gegenüber aber auch ein Zeichen der Dominanz sein. 

Beim Lecken öffnet das Pferd das Maul leicht, berührt mit der Zungenspitze ein Objekt (Gegenstand, Fell anderes Pferd, Erde) und bewegt dann die Zunge. Meistens wird dies mit einer Vorwärts- Aufwärtsbewegung des Kopfes (und wieder zurück) verbunden. Die Stute leckt z. B. ein neugeborenes Fohlen. Sie lecken sich jedoch auch die nötigen Mineralstoffe aus der Erde. 

 

Meine Pferde beim Pferdeeis- Lecken =): 

 

Im zweiten Teil geht es gleich alphabetisch weiter…

Das könnte Dich auch interessieren

(0) Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
Rückenprotektor
Stübben Rückenprotektor
CHF 207.90
Zum Artikel
Zum Artikel