Mein Leben ohne Pferd

Bevor sich jemand von Euch vom Titel beirren lässt und fürchtet, ich hätte mich von meinem Pferd getrennt: Cornet steht noch immer in meinem Besitz! Das herbe Schicksal hat uns aber die letzten zwei Wochen voneinander getrennt, denn meine Wenigkeit wurde von der Uni nach New York delegiert, um dort einer Konferenz beizuwohnen. Da ich Cornet leider nicht in die U.S.A. mitnehmen durfte, musste er in der Schweiz bleiben (welche man übrigens drüben in der westlichen Hemisphäre oft und gerne mit Schweden verwechselt).

Es war eigentlich keine allzu lange Zeit, die ich von Cornet getrennt war, und doch war es eine Umstellung in vielerlei Hinsicht. Einmal der Fakt, dass ich nicht jeden Abend in den Stall radeln musste, um Cornet zu bewegen und mich unterbewusst zu vergewissern, dass er noch immer glücklich, gesund und ganz ist. Ausserdem drehte sich meine Tagesplanung nicht mehr primär darum, wann und wie lange ich meine Zeit mit Cornet einteilen sollte. Und wenn wir schon von Zeit reden: ich hätte nie geglaubt, was so eine fünf-Stunden-Zeitverschiebung ausmachen könnte. Ich leide noch immer. 

Long story short: Ich war auf Pferdeentzug. Und ich muss sagen - es lief besser als erwartet. Obwohl ich auf Reisen immer schrecklich Heimweh habe (mehr als eine Woche ausserhalb der Reichweite meiner Wohnung liegt für mich Bünzli nicht drin), hatte ich richtig Spass in New York. Klar habe ich Cornet vermisst, aber ich habe ihn in den Händen der allerbesten „Stallgspändli“ gelassen, die sich wunderbar um mein Pferd kümmern würden, das wusste ich genau. War ich deshalb so unbeschwert während meiner Reise? Ich ging, wenn es der Konferenzplan zuliess, in den unterschiedlichsten Diners und Restaurants essen, flanierte mit den anderen Delegierten in unseren Anzügen so richtig businesslike durch die Strassen New Yorks, traf viele neue, spannende Menschen, führte die besten Diskussionen seit Langem und ging fast jeden Abend aus. 

In der Halbzeit meiner Abwesenheit habe ich mir, eines Abends auf meinem Hotelbett sitzend, die beängstigende Frage gestellt: Wo wäre ich, wenn es das Reiten in meinem Leben nicht gäbe?

Ob sich sonst schon ein Reiter mit solchen Gedanken auseinandergesetzt hat? Ich für meinen Teil hatte schon ein paar dieser Ich-Schmeiss-Alles-Hin-Und-Kauf-Mir-Einen-Töff-Momente. An diesem besagten Abend in New York habe ich mir, als bekennende Tagträumerin, ein paar Minuten Zeit genommen und versucht mir mein Leben vorzustellen - ohne Pferd:

Das allererste, was mir als Frau wohl typischerweise einfiel, ist, dass ich ohne das Reiten und die ganze Arbeit drumherum, aufgehen würde wie ein Kuchenteig. Bei der Menge an Kalorien, die mich tagtäglich schwach werden lassen, würde man mich innerhalb kürzester Zeit nicht mehr wieder erkennen. Aus Langeweile würde ich noch mehr naschen als sonst und wäre irgendwann so richtig dick, vorlaut (weil überzuckert) und hätte ständig Kekskrümel an Händen und Mundwinkel.

Ich kann mir vorstellen, dass ich sehr, sehr viel Freizeit hätte. Ich würde mich vermehrt meinen anderen Interessen widmen und wäre vielseitiger versiert. Ich würde wahrscheinlich wieder zeichnen, dem Schiessverein beitreten und Leichtathletik trainieren. Die entpferdete Olga würde vermutlich sogar gerne verreisen und mehr ausgehen. Vielleicht hätte ich auch mehr enge Freunde, da ich meine Freundschaften mit mehr Freizeit auch besser pflegen könnte. Und ich könnte mir vorstellen, dass mein cornetloses Selbst das Reitervolk sehr speziell finden würde. Bei denen dreht sich ja das ganze Leben um das Ross! Dabei gibt es noch so viel anderes…

Definitiv hätte ich einen ganzen Haufen mehr Geld. Unumstritten. Ich glaube das viele Geld, das ich zusätzlich hätte, würde mich ganz irr machen. Was macht man denn schon nur mit der ganzen Boxenmiete, die man monatlich jeweils auf der Seite hätte? Ein paar Quadratmeter Regenwald kaufen? Spass beiseite. Der Wirtschaft zuliebe sollte Kapital ja bekanntermassen ständig in Umlauf bleiben. Dem würde ich natürlich pflichtbewusst nachgehen, ganz im Stil von: Shoppen! Schuhe! Kleider! Schmuck! Es wäre der Wahnsinn! Denn für den Preis, den man für durchschnittlich gute Lederstiefel zahlt, könnte man wohl das halbe Sortiment eines H&M-Stores mit nach Hause nehmen. 

Die Sache mit dem Körperumfang ausgenommen; gar keine so üble Vorstellung, mein Leben ohne Pferd, nicht wahr? Selbstverständlich ist es für mich, auch trotz der sich als überraschend angenehm erwiesenen Cornet-Abstinenz, keine ernsthafte Option, sich vom Reiten zu trennen. Aber die Gedanken an diese Träumereien blieben mir bis zu meiner Heimkehr in die Schweiz. Obwohl ich so müde war, wie schon lange nicht mehr, fuhr ich nach meiner Ankunft in den Stall. Ich muss hinzufügen, dass mein Weg zum Stall aus zehn Minuten steiler Bergfahrt besteht, was mich an jenem Tag so zerstörte, dass ich beinahe im Begriff war, mitten auf dem Trottoir einzuschlafen. Und in diesem Moment des geistigen und körperlichen Schwächezustandes, blitzte es mir durch den Kopf: Ja, hättest du kein Pferd, könntest du jetzt im Bett liegen und zwei Tage durchschlafen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne sich Sorgen zu machen… wie wahr.

Im Stall angekommen, schleppte ich mich mürrisch zu Cornet’s Box, in der Hoffnung, dass mir keine Menschenseele begegnen würde, da ich wahrscheinlich nicht mehr in der Lage war eine anständige Konversation zu führen. 
Und plötzlich hörte ich ein Grummeln. Ganz, ganz leise, ein anderer hätte es wohl überhört. Aber ich wusste sofort woher es kam und war plötzlich hellwach. Im nächsten Moment blickten mir grosse, tiefdunkle Augen entgegen und ich fühlte mich zuhause. Zur richtigsten Zeit am allerrichtigsten Ort. Cornet’s blosse Anwesenheit nahm mir meine schlechte Stimmung und alle negativen Gedanken. Ich habe keine Ahnung woher dieser Zauber kommt, aber ich kann mir nichts auf der Welt vorstellen, das dieses Gefühl ersetzen könnte. Als ich einfach so da stand, den Geräuschen im menschenleeren Stall lauschte und Cornet über die weichen Nüstern strich, schämte ich mich dafür, dass ich tatsächlich mit einem Leben ohne dieses Tier sympathisiert hatte. Unvorstellbar! Für kein Geld, keine Schuhe und keine Kleider dieser Welt. Und wieder blitzte es mir durch die Gedanken: Ein Leben ohne Pferd? Ohne mich.

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