Macho- Hengst vs. Zicken- Stute

Was ist an den Geschlechtsvorurteilen dran? 

Genau wie Frauen angeblich nicht einparken können und Männer nie zuhören, gibt es auch bei den Pferden solche „Geschlechtervorurteile“. 

Genauso voreingenommen war ich auch bei unserer ersten „Besichtigung“ von Gipsy. Da sagte ich mir schon: „Nein eine zickige,  launische Stute will ich bestimmt nicht als erstes eigenes Pferd“. Überhaupt war es nie meine Absicht jemals eine Stute zu besitzen, denn ich kam bis dahin eigentlich am besten mit den Wallachen im Stall zurecht.  

Aber wie es das Schicksal so wollte, trat Gipsy mit dem falschen Geschlecht (und auch allen anderen eher ungewollten Eigenschaften wie: Irländer, braun, zu klein geraten etc.) als erstes eigenes Pferd in mein Leben. Jeder der mich kennt weiss, dass wenn ich nicht auf ihren geduldigen und liebenswürdigen Charakter zählen könnte, ich wohl das Reiten schonlängst ganz an den Nagel gehängt hätte.  Ich merkte jedoch auch schnell, dass Gipsy keine typische Stute ist. Denn sie benimmt sich im Alltag eher wie ein ausgeglichener Wallach.  Die typischen Merkmale einer rossigen Stute wie z. B. klemmen unter dem Sattel, oder das „Herumzicken“ zeigt sie praktisch gar nicht. Einzig beim Putzen ist sie kitzliger als sonst (was sie sowieso nicht mag). 

Was hat es also mit dem Spruch: „Einen Hengst musst du bitten, einen Wallach musst du fragen und mit einer Stute musst du diskutieren“ auf sich und wie verhalten sich die Pferde in der Natur? Pferdekenner erkennen das Geschlecht eines Pferdes meistens bereits aus der Ferne. Aber vor allem bei Zuchtpferden achtet man neben dem Rassetyp auch auf den sogenannten Geschlechtstyp. 

Der Macho (Hengst)

Die männlichen Geschlechtshormone des Hengstes wirken anabol: sie fördern den Aufbau von Muskelmasse, steuern ausserdem den Sexualtrieb und unterstützen damit das dominante und teils aggressive Verhalten. Sie sind also so gesehen allzeit „auf Droge“, was halt auch sein Negatives mit sich bringt. ;-)   

Äusserlich fallen sie durch ihre ausgeprägte Halsung auf und oftmals fällt auch das Langhaar an Schweif und Mähne etwas üppiger aus.  Stetig lassen sie einen wissen, dass man es denn mit einem „richtigen Mann“ zu tun hätte, weshalb sich auch häufig durch die falsche Haltung die typischen Hengstmanieren entwickeln. Denn Hengste sind nicht von Natur aus eine Gefahr für uns Menschen oder ihre Artgenossen, sie sind eigentlich sozial engagierte Chefs- als Stuten- „Beschützer“, Fohlen- „Bewacher“, Artgenossen-Aufpasser. 

In der Wildnis müssen Hengste natürlich auch mit anderen „echten Männern“ um die Gunst der Stuten konkurrieren, wobei sie dann Imponiergehabe und durchaus auch Kampfverhalten zeigen, jedoch gehört dies auch schlicht ihren natürlichen Aufgaben.  

Ihre Kämpfe (oder auch Kampfspiele) üben sie in einem ritualisierten Ablauf aus mit gegenseitigem Ansteigen, Niederknien, Umkreisen und Bissen in die Hinterhand.  Jedoch immer so, dass es möglichst selten zu echten gegenseitigen Beschädigungen kommt.

Werden die Hengste artgerecht gehalten, verhalten sie sich Menschen gegenüber nicht auffallend aggressiv, da der Mensch weder ein Sexualpartner noch ein Konkurrent darstellt. Jedoch neigen sie dazu, im gemeinsamen Umgang (sei dies beim Reiten oder sonst), immer wieder den Rang des Menschen in Frage zu stellen. 

Durch souveränes und klares Handeln ihrer Bezugsperson lassen sie sich meist sehr gut korrigieren. Einige Hengsthalter berichten, dass ihre Hengste im Umgang und im Training sogar sehr leicht zu leiten seien da sich stets bemühten, dem Menschen zu gefallen, was so gar nicht zum Bild des „gefährlichen“ bzw. des „aggressiven“ Hengstes passt! 

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Ein Connemara-Hengst (Foto: Wikipedia)

Da ich ziemlich leicht zu durchschauen bin und mich dazu noch sehr ängstlich verhalte, wäre mir das Projekt „Hengst“ eine zu grosse Herausforderung, welcher ich mich ungern stellen würde. 

 

Die Zicke (Stute) 

Wie bereits erwähnt gelten Stuten allgemein eher als zickig, so unterscheiden sie sich im Verhalten vor allem den Artgenossen gegenüber ganz deutlich von ihren männlichen Kollegen. Auch im Aussehen sind sie eher weiblich geprägt und vor allem der mütterliche Gesichtsausdruck von Zuchtstuten (auch ehemaligen) ist selbst von Laien korrekt zuzuordnen.  Ausserdem fehlt ihnen der starke Hals des Hengstes, gerne sind sie rumpfiger und sehen deshalb gemütlicher aus als Wallache. 

Für den Leistungssport züchtete man deshalb einen weniger ausgeprägten Geschlechtstyp, als für die Zucht. 

Gipsy mit dem "mütterlichen Gesichtsausdruck" (Foto: Katja Stuppia) 

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Untereinander sind Stuten häufig wenig nachsichtig, weshalb sie zu Streitigkeiten neigen und diese dann aber auch anders austragen, als es Hengste oder Wallache tun würden. 

Sie stehen meist quiekend hartnäckig Kruppe an Kruppe, drücken sich so gegenseitig weg und keilen richtig aus.  In der Natur kommt es innerhalb einer Herde oft zu vielen kleinen Auseinandersetzungen, da Stuten einfach weniger „nett“ zueinander sind,  als es Hengste wären.  Auch ist erwiesen, dass bei gleichem Raumangebot wesentlich mehr Wallache als Stuten in der Gruppe gehalten werden können, weil Stuten einfach mehr Freiräume für sich beanspruchen. 

Bevor ihr jetzt völlig geschockt oder empört seid: Einzelne Stuten schliessen natürlich auch feste Freundschaften miteinander oder, wenn sie gemeinsam gehalten werden, mit Wallachen.

Da hat Special also Glück, dass er sich mit einer gnädigen Stute angefreundet hat ;-) 

Special & Gipsy in love <3

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Wer einmal eine Stute reiten durfte weiss, dass sie im Umgang und beim Training gerne dazu neigen, zu „diskutieren“. Es scheint so, als hätten sie häufiger „Einwände“ vorzubringen als es  Wallache tun würden und zeigen insbesondere zyklusbedingt auch Schwankungen in ihrem Verhalten. Doch auch hier gilt wie bei jedem Geschlecht, wenn sie artgerecht und liebevoll gehalten werden, zeigt eine solche Stute plötzlich Teamgeist mit richtigem Kämpferherz. 

Dazu habe ich noch ein neues Lieblingsshirt gefunden :-P

T-Shirt

In freier Wildbahn übernehmen Leitstuten (wie das auch die Menschenfrauen tun ;-) ) die Führungsrolle in der Herde. Denn wer einmal gesehen hat, wie eine nicht deckbereite Stute sich dem Hengst behaupten kann, weiss dass auch hier das weibliche Geschlecht das stärkere ist ;-) 

 

Das dritte Geschlecht (Wallach)

Wallache sind quasi „Hengste in mild“. Jedoch muss man immer bedenken, dass die Kastration ihnen zwar die Hauptquelle für männliche Sexualhormone nimmt, je nachdem wie lange sie jedoch bereits unter deren Einfluss gelebt haben, bleiben entsprechende Verhaltensweisen und Körpermerkmale mehr oder weniger intakt. Deshalb können auch Wallache, Stuten für einen eigenen Harem beanspruchen oder mit anderen Wallachen um deren Gunst sogar kämpfen. 

Special als „milder Hengst“ ;-)  

Special

Meistens sind sie aber sehr friedfertige, leicht zu handhabende und oft bis ins hohe Alter ausgesprochen verspielte Wesen,  welche auch im Sport Grosses leisten können, weil ihnen nicht immer die Hormone dazwischen funken. 

Im Spiel mit Artgenossen zeigen sie das typische ritualisierte Kampfverhalten der Hengste. Beobachtet man sie auf der Weide oder im Offenstall so fällt auf, das sie oft sehr nett miteinander umgehen und wenig dazu neigen, untereinander zu streiten.

 

Mein persönliches Fazit: 

Dank Gipsy bin ich nicht mehr so besessen vom „Geschlechtstyp“, wie vor ihrem Kauf. Jedoch würde ich wohl instinktiv mich immer noch eher zu einem Wallach hingezogen fühlen. Denn wir haben sooo viele Stuten in unserem Stall, bei welchen ich wirklich den „echte Stute“- Stempel aufdrücken könnte, weshalb ich bei Gipsy eher an einen glücklichen Zufall denke. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass sie bereits zwei Fohlen aufziehen durfte und deshalb eher normal im Kopf tickt, als solche Stuten die die Natur noch nicht vollkommen ausleben durften. Ausserdem spiel wie bei jedem anderen Lebewesen die Haltung & der Umgang wohl die grösste Rolle. 

 

Nun würden mich natürlich eure eigenen Erfahrungen brennend interessieren! Denkt ihr in etwa gleich, oder sind meine Vorurteile immer noch zu (falsch) ausgeprägt? 

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(5) Kommentare

  • Stute gegen Wallach

    Ich bin eher eine "einfache Frau" und habe noch kein eigenes pferd. Ich bin von kindesbeinen an immer besser mit männern zurecht gekommen als mit frauen, arbeite in einem männerberuf und habe mit stuten sowie mit wallachen erfahrungen gemacht. Ich sage immer:" wenn ich jemals ein eigenes pferd haben werde, dann wird das ein wallach." Alle stuten die ich kenne (ausser eine einzige ausnahme) sind zicken. Das liegt mir irgendwie nicht so, habe ich gemerkt. Natürlich gibt es stuten die nicht zickig sind und sich wie wallache verhalten (das wäre dann in meinem fall eine bevorzugte variante falls es bei mir doch eine stute gäbe) und genau so gibt es wallache die sich, zickig wie sie sind, wie stuten verhalten ( keine option für mich;-)). Mit hengsten kenne ich mich nicht so aus, ich kenne einige die lange hengst waren und daher noch so ein bisschen hengstig getan haben und sich manchmal auch noch etwas stark machen können, sind im umgang aber extrem liebe und verschmuste geschöpfe. Fazit; theoretisch ist doch das geschlecht egal, es muss einfach mit dem reiter zusammenpassen aber irgendwie denke ich trotzdem dass ich selber lieber einen wallach möchte.

  • Es muss einfach passen ;-)

    Liebe Michaela, vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht! Genau dieser Meinung bin ich mittlerweile auch: es muss einfach passen! Denn meine Stute ist eigentlich ALLES was ich NIE wollte (Stute, braun, Irländer)… Jedoch hätte ich mein liebstes Hobby ohne sie wohl schon laaange an den Nagel gehängt ;-) Und trotzdem ist mein Seelenpferd (welches mir oftmals das Leben erschwert) ein Wallach. Aber schlussendlich gehören wir alle zusammen und so lebt es sich auch ganz gut ;-)

  • frauenbewerten.de

    Was für ein schönes Pferd :-) Dass sie bis ins hohe Alter ausgesprochen verspielte Wesen sind wusste ich allerdings nicht. Wieder etwas dazu gelernt! und danke :-) LG Waltraud

  • Vielen Dank Waltraud ;-)

    Ja den Spieltrieb verlieren einige von ihnen wahrscheinlich nie! Zumindest liebt es mein 29 j. Senior-Wallach immer noch Dinge durch die Gegend zu werfen oder uns bei der Bodenarbeit zum Spiel aufzufordern. ;-)

  • Dein Artikel

    Bin seit über 35 Jahren Besitzer eigner Pferde. Deine Beurteilung in Bezug auf die Geschlechter find ich interessant.

    Mein erstes Pferd war ein Wallach, spät kastriert und hatte noch Hengstmanieren. Mit diesem Kerl hab ich Einiges erlebt, bin mit ihm sogar mal im Fluss geschwommen. Ich hab ihm vertraut und er mir, auch wenn ich bei ihm in der Box egeschlafen habe. Diesen großen Freund werde ich nix

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