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Lehrmeister fürs Leben

Bei meinem letzten ausgedehnten Ausritt überkam mich mal wieder ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich liebe es, in der wärmenden Abendsonne über Felder und durch die vom Herbst orange und rot verfärbten Wälder zu streifen. Dort kann ich immer richtig abschalten und meinen Gedanken freien Lauf lassen. So kam es - wahrscheinlich aus einem nicht all zu seltenen Anfall von plötzlicher Verlustangst - dass ich mir überlegt habe, wie mein Leben denn ohne Pferde aussehen würde. Eines ist klar, ich hätte viel mehr Geld. Wahrscheinlich wäre ich mittlerweile Millionärin - so fühlt es sich auf jeden Fall an. Auch meine Zeit wäre nicht mehr so knapp. Ich könnte mal einen Abend auf der Couch verbringen anstatt bis in die Nacht hinein im Stall umher zu rennen, das Chaos in den Boxen der Pferde - manchmal eher Schweine - zu beseitigen und versuchen, sie immer bei Laune zu halten. Oder ich müsste mich in der Concours-Saison nicht jeden Sonntag zu den unchristlichsten Zeiten aus dem Bett schälen um mich in die Schlacht auf dem Abreiteplatz zu wagen. Doch wären wir Reiter glücklich so? Ich denke nicht. Deshalb habe ich diesen Gedankengang ganz schnell um 180 Grad gedreht und mir überlegt, was wir denn alles NICHT hätten ohne Pferde oder welche wichtigen Lektionen wir ohne unsere Leidenschaft - den Reitsport - NICHT gelernt hätten. Ich kann eine ganze Liste von Dingen aufzählen, die mir eingefallen sind. Also los:

 

  • Das was mich meine 6 jährige Stute wohl am besten gelehrt hat, ist Ruhe und Geduld. Es fing schon bei der Suche nach ihr an. Ich habe mir etliche Pferde angeschaut und probegeritten, mich mit unzähligen Besitzern oder Händlern unterhalten und so gingen einige Wochenenden drauf. Weiter ging es dann beim Training und im alltäglichen Umgang mit ihr. Manchmal braucht es 20 Anläufe bis sie merkt, dass diese Kuh, die da auf der Weide steht, sie nicht fressen wird. Sogar noch mehr Zeit braucht es meistens, um sie zu überzeugen, dass diese Kombination auf einen Galoppsprung gebaut ist und nicht als In-Out zu springen ist. Mit der Zeit jedoch lerne ich immer mehr, wie wichtig es ist, einfach geduldig zu sein und Ruhe zu bewahren. Denn Nervosität, Ärger und Ungeduld verschlimmern das ganze Szenario nur noch. Eine Eigenschaft, die man auch im sonstigen Leben sehr gut gebrauchen kann oder?

 

  • Vertrauen. Warmblüter sind ungefähr 500 bis 700 kg schwer, Fluchttiere und dazu noch unglaublich stark. Uns Reitern macht es nichts aus, auf ihnen zu reiten - am besten noch ohne Sattel und Trense - und zu betüdeln und am liebsten würden wir doch gleich in ihrer Box schlafen um dem Liebling immer möglichst nahe zu sein. Ich glaube, mehr muss ich zum Stichwort Vertrauen gar nicht sagen...

 

  • Verantwortung ist ein weiterer sehr wichtiger Punkt. Wer schon einmal mit einem Pferd ausreiten gegangen ist weiss zum Beispiel, wie wichtig es ist, manchmal die Verantwortung für das ganze Paar zu übernehmen und nicht gleich bei jedem Jogger, der aus dem Wald gerannt kommt oder bei jedem Knacken im Unterlaub wegzurennen. Ausserdem ist Verantwortung tragen zu können auch wichtig, da unsere domestizierten Pferde nicht mehr im Stande sind, wirklich völlig für sich allein zu sorgen. Sie sind auf uns Menschen angewiesen. Wir müssen sie füttern, uns um ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit kümmern und für eine artgerechte Haltung sorgen um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

 

  • „Bevor ein Mensch auf ein Pferd steigt, muss er drei Dinge beherrschen: 1. Balance, 2. Rhyhtmus 3. Koordination und 4. …“ „4.? Wir haben drei gesagt!“ „Ausdauer“. Dieses Zitat stammt aus dem Film „Ostwind“ und ich finde es einfach völlig zutreffend. All das sind wichtige Dinge, die man zum Reiten beherrschen muss und die Pferde uns lehren. Etwas weiteres, das auch in diese Sparte gehört wäre noch ein gutes Körpergefühl. Denn ein Bewegungslegastheniker, der wie ein Sack Mehl auf dem Pferd hängt, wird wahrscheinlich nie gut reiten.

 

  • Zeitmanagement. Das kriegt man am besten zu spüren, wenn man mehrere Pferde zu reiten, die Boxen zu misten, dazu die Uni zu besuchen und am besten noch einen Nebenjob zu erledigen hat. Dann warten natürlich auch immer noch die Freunde, die Familie und die Beziehung - wenn es den Freund denn nicht schon in die Flucht geschlagen hat bei dem ganzen Stress.

 

  • Früh aufstehen. Prüfung 10; B/R90; Prüfungsbeginn 7:15. Am besten noch eine Stunde Autofahrt entfernt. Vorher muss das Pferdchen noch gefüttert, geputzt und noch eingeflochten werden. Mehr sage ich dazu nicht…

 

Natürlich ist diese Liste noch lange nicht vollständig. Es gibt noch sehr viel mehr Dinge, die uns unsere pferdigen Partner schenken und lehren. Doch die Punkte oben sind auf jeden Fall für mich die allerwichtigsten und relevantesten.

Also mein Fazit - Pferde sind die besten Therapeuten und Lehrmeister der ganzen Welt. Wer braucht schon Psychologen, wenn er doch anstelle auf dem Rücken eines Pferdes umherstreifen kann? Ausserdem kann noch der erfahrenste Reiter immer wieder etwas von den Pferden lernen. Genau das fasziniert mich immer wieder so im Umgang mit diesen wunderbaren Tieren.

Genau für solche Momente leben wir Reiter doch!
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