Kopfarbeit fürs Pferd

Phhhuuuu…. Das ist eine Diagnose: Das Pferd darf die nächsten drei Monate nur Schritt geritten werden, darf nicht auf die Weide, da es sonst mit den anderen herumtollt… und das nachdem bereits drei Monate Schonzeit hinter ihm liegen. Genau diese Diagnose erhielt eine Freundin vom mir vor zwei Wochen. Ihr Pferd hatte sich auf der Weide eine Zerrung des rein sehnigen Fesselträgers zugezogen. Die Ultraschalluntersuchung im NPZ in Bern von letzter Woche gab dann die ernüchternde Diagnose. Die Ultraschalluntersuchung ist in einem solchen Fall eine der massgebenden Untersuchungen. Die Gliedmassen wurden im Quer- und Längsschall untersucht und mit der gegenüberliegenden Gliedmasse verglichen. Ebenso wurde der Querdurchmesser der Gliedmasse angeschaut, welcher bei der Stute meiner Freundin rund 0,5 cm grösser war. Auf den Ultraschall-Bildern war aber auch eine gewisse Strukturunregelmässigkeit sichtbar.

So und nun heisst es, eben wiederum bis Mitte April Schonzeit – doch was kann man in einer solchen Situation alles mit dem Pferd machen? Ich meine, und da geht ihr bestimmt alle einig mit mir: irgendwann mag man nicht mehr „nur“ einen Schrittausritt machen… und gerade in dieser Jahreszeit, ist es ja eh nicht immer einfach, da die Wege oft vereist sind und dem Pferd fällt die Decke bestimmt auch auf dem Kopf, nicht nur dem Reiter.

Ich habe mir nun also diese Situation als Grundlage für meinen neuen Blog genommen und hoffe somit allen, die momentan in einer solchen Situation stecken, eine kleine Hilfestellung bieten zu können um diese Zeit besser und einfacher überwinden zu können.

 

Als erstes die „Seven Games“ von Parelli

Die Natural Horsemanship Methode von Pat und Linda Parelli wendet diese „Sieben Spiele“ als Grundlage für ihr restliches Programm an. Diese Spiele beruhen auf den „Spielen“, die Pferde miteinander spielen. Die ersten drei Spiele sind die „Prinzipien“- oder Grundspiele, die sich auf den Aufbau von Vertrauen und Akzeptanz durch dein Pferd konzentrieren. Die letzten vier Spiele sind die „Zweck“-Spiele, welche die Kommunikation zwischen dir und deinem Pferd verbessern. Detaillierte Beispiele der Sieben Spiele von Pat Parelli findest Du auc auf Youtube.com oder im Internet. Die sieben Spiele finden alle am Boden statt, mit dem Pferd am Bodenarbeitsstrick. Die „seven Games“ eignen sich im Übrigen auch für Reiter welche nicht eingeschränkt sind durch eine Verletzung ihres Pferdes und fördern die Beziehung zwischen Pferd und Reiter – das schadet bestimmt keinem!

 

1 Das Friendly Game oder Freundschaftsspiel

Bei diesem Spiel geht es darum, Deinem Pferd Vertrauen in sich selbst, seine Umgebung und in dich und das, was du ihm beibringst zu geben. Im praktischen Sinne bedeutet dies, das Pferd an einen Punkt zu bringen, an dem es sich wohlfühlt, wenn Du in seiner Nähe bist, es berührst und um es mit Parellis Worten zu sagen „sich die Zeit zu nehmen, die es eben dauert“.

Beginne damit, dass dein Pferd sich wohlfühlt, wenn Du Dich in seinem Bereich aufhältst. Hier ist das Konzept der Schwelle sehr wichtig. Wenn dein Pferd Widerstand zeigt, wenn Du es berühren willst, dränge es nicht. Verwende ein Seil (oder einen Carot-Stick und ein Savvy Seil, wenn Du das hast) und wirf ihn leicht über seinen Hals, Rücken, Hinterhand, um die Beine, etc. Wende einen leichten, kontinuierlichen Rhythmus an. Diese Übung ist eine Möglichkeit, zu testen, an welchen Stellen sich das Pferd gern berühren lässt und an welchen Stellen es Widerstand zeigt.
Der Carot-Stick ist ein wichtiges Werkzeug in der Parelli-Methode, vor allem für die Sieben Spiele. Der Carot-Stick ist keine Gerte; er wird als Verlängerung des Arms verwendet.

Beachte die folgenden Richtlinien für das Friendly Game (Freundschaftsspiel): Rhythmus, Entspannung und Rückzug. Wenn Dein Pferd sich mit etwas nicht wohlfühlt, ziehe Dich zurück. Sobald sich dein Pferd überall ruhig berühren lässt (mit Seil/Savvy Strick, Karottenstick und schließlich der Hand), bist du bereit, um zum nächsten Spiel überzugehen.

 

2 Das Porcupine Game (Stachelschwein-Spiel)

Dieses Spiel heisst so, da es dem Pferd beibringt, sich von einem Druckpunkt wegzubewegen. Bei diesem Spiel ist es wichtig, progressiv vorzugehen, d.h. dass dein Pferd Dir mehr gibt und dafür weniger Stimulierung benötigt.

Ein guter Ausgangspunkt ist es, Deine Hand auf Zone 1 (die Nase) zu legen und dein Pferd anzuhalten, auf diese Berührung hin rückwärts zu treten. Steigere den Druck langsam, bis das Pferd reagiert und rückwärts tritt.

 

www-gentlehorsman-de 

Bildquelle: www.gentlehorsman.de

Bei diesem Spiel ist die Idee von „Phasen“ ideal. Im obigen Beispiel entspricht Phase 1 dem kleinstmöglichen Druck. Es ist im Grunde schon das Anlegen der Hand an das Pferd. Wenn das Pferd nicht reagiert, gehst Du zu Phase 2 über: ein wenig mehr Druck. Wenn dies nicht funktioniert, gehst Du zu Phase 3 über, dann zu Phase 4, welchen Druck Du auch brauchst, um eine Antwort zu bekommen. Damit ist kein Schlagen, Hauen, etc. gemeint. Bei Phase 4 anzukommen bedeutet, dass du den Druck kontinuierlich gesteigert hast. Sobald das Pferd reagiert, lässt Du den Druck vollkommen nach.

Mit Zeit, Übung und vor allem Wiederholung braucht Dein Pferd immer weniger Phasen, um die gewünschte Reaktion zu zeigen. Der Moment, in dem Du den Druck nachlässt, ist eine Variante des Friendly Games – „Du hast getan, was ich wollte, daher lasse ich den Druck nach“.

 

3 Das Driving Game (Fahrspiel)

Während das Porcupine Game kontinuierlichen Druck anwendet, geht es im Driving Game um rhythmischen Druck oder schliesslich die „Suggestion“ von Druck. Das Driving Game ist eine logische Fortführung des Porcupine Games.

Wende die gleichen vier Phasen an, diesmal verwendest Du jedoch statt der Hand mit kontinuierlich steigendem Druck einen Carot-Stick, mit dem du auf das Pferd „klopfst“. Phase 1 ist leichtes, rhythmisches Klopfen, Phase 2 etwas stärker, usw. Es ist wichtig, dass du in jeder Phase einen gleichmässigen Rhythmus aufrechterhältst. Geschwindigkeit und Rhythmus des Drucks sollten sich nicht ändern, nur die Kraft hinter dem Druck.

Dieser Vorgang kann zum Rückwärtsrichten, für Hinterhandwendungen, etc. angewendet werden. Wie oben festgestellt solltest Du für eine detailliertere Beschreibung und echte Demonstration der Sieben Spiele auf ParelliConnect.com oder auf Youtube.com gehen.

 

4 Das Yo-Yo Game

Es ist recht einfach zu sehen, warum man dieses Spiel so genannt hat. Mit den vier Phasen richtest du Dein Pferd die gewünschte Anzahl Schritte zurück und verwendest dann eine einladende Bewegung, um es zurückzuholen. Wie Pat sagt „Je besser sich dein Pferd rückwärts richten lässt, desto besser tut es alles andere“.

Wende die vier Phasen an, um dein Pferd wegzuschicken. Phase 1 ist eine sehr kleine Bewegung (ein Wackeln mit dem Finger zählt in der Tat als Phase 1), Phase 2 ist deutlicher, usw. In dem Masse wie Du die Phasen änderst, nimmst du auch einen strengeren Gesichtsausdruck und eine dominantere Körperhaltung ein. Wenn du das Pferd wieder zurückbringen willst, nimmst Du das Seil mit einer kontinuierlichen Bewegung auf, bei der Du eine Hand über die andere bewegst, und nimmst einen einladenden Gesichtsausdruck ein. Körpersprache ist in den Sieben Spielen sehr wichtig, in diesem Teil des Jo-Jo Spiels ist sie jedoch besonders entscheidend.

 

Bildquelle: www.pferdspiegel.de

 

5 Das Circling Game (Zirkelspiel)

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen dem Circling Game und Longieren zu erkennen. Im Circling Game ist das Pferd dafür verantwortlich, Gangart, Geschwindigkeit, Richtung und Fokus aufrechtzuerhalten. Es ist kein „geistloser“ Zirkel: das Pferd muss seine Aufmerksamkeit ständig auf das richten, was DU willst. Gleichzeitig musst Du die drei Teile des Zirkelspiels entwickeln: das Weg-Schicken, das Erlauben und das Zurückbringen.

Das Weg-Senden ist genau das, wonach es klingt: das Pferd auf einen Zirkel mit festgelegtem Umfang senden. Stelle Dich dazu auf eine Stelle und schicke das Pferd zum Ende des Seils. Dann führe das Pferd nach vorn, bis es sich mit relativ straffem Seil im Kreis bewegt. Wenn sich das Pferd im Kreis bewegt, bleibst Du „neutral“ (Gesicht in die gleiche Richtung, folge dem Pferd nicht mit den Augen oder drehe den Kopf). Solange das Pferd auf diesem Weg bleibt, greifst Du nicht ein. Dies ist das Erlauben. Wenn Du das Pferd wieder zurückholen willst, bedienst Du dich der gleichen Körpersprache wie beim Zurückholen im Jo-Jo Spiel.

Übe das Circling Game in beide Richtungen mit unterschiedlichen Seillängen und Geschwindigkeiten (Schritt und Trab).

 

6 Das Sideways Game (Seitwärts-Spiel)

Am besten fängt man damit an, das Pferd so hinzustellen, dass sein Kopf auf eine Wand oder eine Begrenzung hin zeigt. Gehe mit rhythmischem Druck mit einem Carot-Stick (mit dem Du ihn nicht wirklich berührst, aber den Stock und den Schlag hinter der Hinterhand des Pferdes schwenkst) auf das Pferd zu, das immer noch senkrecht zu der Begrenzung steht. Dies führt wahrscheinlich nicht gleich zu einer perfekten Seitwärts-Bewegung, aber durch abwechselnde Wiederholungen und Rückzug vermeidest Du Frustrationen, indem du das gewünschte Ergebnis erzielst.

Wenn du Bedenken hast, dass Dein Pferd vielleicht nicht gut darauf reagiert, stelle Dich auf die andere Seite einer Begrenzung und verwende den Carot-Stick als Armverlängerung, um Druck auf die Hinterhand zu suggerieren.

 

7 Das Squeeze Game (Engpassspiel)

Bei diesem Spiel machst Du dein Pferd damit vertraut, zwischen verschiedenen Dingen „eingezwängt“ zu sein. Zu Beginn sollten diese Objekte relativ weit auseinanderstehen, damit dein Pferd es willig versucht. Spiele zum Beispiel das Circling Game etwas näher an einer Wand als normal, mit einem etwas kürzeren Seil als normal. Wenn du 3 bis 5m Platz zwischen Dir und der Begrenzung lässt und Dein Pferd dazu anhältst, durch diesen Zwischenraum zu gehen, spielst Du das Squeeze Game.

Ähnlich wie bei den Phasen fühlt sich dein Pferd wohler, wenn du den Zwischenraum zunehmend kleiner machst, je länger (und effizienter) Du dieses Spiel spielst. Es geht dabei um Schwellen. Wenn dein Pferd durch eine 5m Lücke geht, aber nicht durch eine 3m Lücke, zwinge es nicht, durch die 3m Lücke zu gehen. Ziehe Dich zurück, gehe zurück zu einer 5m (oder sogar 7m) Lücke und arbeite Dich langsam wieder bis zu dieser Schwelle vor.

 

Arbeit an der Doppellonge

Eine tolle Alternative zum Reiten ist natürlich auch die Arbeit an der Doppellonge. Du hast dadurch die Möglichkeit Dir und Deinem Pferde die Arbeit abwechslungsreicher zu gestalten und ist eine tolle Ergänzung! Um mit der Doppellonge sinnvoll arbeiten zu können ist die Technik des Longierens ganz wichtig und nicht immer einfach zu erlernen: Das Handhaben der Longe und Peitsche sind das Basis-Element. Zudem ist es bestimmt einfach die ersten Übungen mit einem erfahrenen Trainer und einen routinierten Pferd zu machen. Das hält das Chaos evtl. etwas in Grenzen.

Zur Ausrüstung gehört: eine Doppellonge, ein passender Sattel oder ein Longgiergurt, eine lange Longierpeitsche und Gamaschen. Dir empfehle ich Handschuhe zu tragen.

Folgende Hilfen stehen Dir bei der Arbeit an der Doppellonge zur Verfügung: die Stimme, die Peitsche und die Longe. Die richtig gegebenen Hilfen führen dann wie beim Reiten auch zur Losgelassenheit des Pferdes. Wichtig ist es auf den Gang Deines Pferdes zu achten: die Nachhand sollte fleissig sein und aktiv abfussen, damit Dein Pferd wie beim Reiten „von Hinten nach vorne“ läuft. Das Pferd sollte nicht hastig oder im Hals zu eng werden.

Die Arbeit an der Doppellonge bietet echt viel Spass - für Reiter und Pferd!

 

Zirkuslektionen

Was man früher nur im Zirkus zu sehen bekam, wird heut zu tage immer mehr auch von uns „nicht Zirkusleuten“ als tolle und spassbringende Übung in den Alltag mit dem Pferd miteinbezogen.  Einem Pferd das Lachen bei zu bringen oder den eindrucksvollen Spanischen Schritt zu lehren hängt mit viel Übung und Geduld zusammen.

Wichtig: Kläre bitte jeweils ab, ob die Zirkuslektion die Du Deinem Pferd beibringen willst auch wirklich nicht schädigend ist für die eventuell Vorliegende Verletzung Deines Pferdes!

Als Beispiel hab ich Dir hier „das Kompliment“… Du findest jedoch mittlerweile sehr viele tolle Videos und Texte dazu in Internet! Stöbere doch einfach mal ein bisschen durchs Netz.

 

Das Kompliment

Die meisten beginnen die Zirkusarbeit mit dem Üben des Kompliments. Diese Übung ist die Grundlage vieler weiterer Lektionen. Die Bewegung, die man den Pferden bei dieser Lektion antrainiert, kommt in ähnlicher Form auch in der Natur vor. Ob bei spielerischen Rangordnungskämpfen oder wenn Pferde auf erfinderische Art an Futter kommen möchten und dafür ihre Vorderbeine austrecken müssen.

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Zunächst stellst Du Dich rechts neben Dein Pferd, wobei Du nach vorne schaust. Gib das Kommando „Kompliment“ und tippe dabei gleichzeitig das vordere Röhrbein des Pferdes an. Dieses Stimmkommando verwendest Du jetzt wiederholt bei jeder Übung, damit sich Dein Pferd daran gewöhnt. Auf diese Weise lernt es, später auch nur auf das Kommando hin und / oder durch leichtes Touchieren mit der Gerte am „Punkt“ für Kompliment die Zirkuslektion auszuführen.

Mit Deiner rechten Hand hebst Du jetzt den Pferdehuf hoch. Deine linke Hand hält eine grosse, lange Karotte. Diese setz Du hier als Lockmittel ein, um das Pferd dazu zu bewegen, den Kopf zwischen die Vorderbeine runter zu nehmen. Bewege die linke Hand immer weiter nach hinten, so dass das Pferd sich immer mehr absenken muss, wenn es an die begehrte Möhre gelangen will. Sei in dieser Phase sehr geduldig mit dem Pferd. Es ist ein enormer Vertrauensbeweis des Tieres, wenn es sich in diese ungewohnte Haltung begibt, da ihm aus der halb am Boden befindlichen Position eine Flucht nur schwierig möglich ist.

Um die Zirkuslektion Kompliment zu vertiefen, wiederholst Du das „Spiel mit der Karotte“ einige Male, wobei Du erkennen wirst, dass sich das Pferd immer weiter runter traut und immer mehr streckt. Um das Pferd bei der Erarbeitung der Zirkuslektion Kompliment nicht einseitig zu arbeiten, solltest Du das Kompliment auch auf beiden Seiten üben.

 

Du siehst, es gibt wirklich viele verschiedene Möglichkeiten Dich und Dein Pferd bei Laune zu halten, auch wenn eine längere Schonzeit vor Dir und Deinem Liebling liegt. Sei kreativ und ideenreich!

 

 

Musstest Du auch schon einen längere Zeit einen Gang zurück schalten mit Deinem Pferd? Was hast Du während dieser Zeit mit Ihm gemacht? Oder hast Du noch weitere Tipps und Ideen? Schreib sie hier in die Kommentare! Besten Dank und allen die grad eine nicht so „tolle Zeit“ vor sich haben: haltet durch, gute Besserung und viel Kraft!

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(1) Kommentare

  • Sehr Informativ

    Ich fand den Artikel sehr informativ, da habe ich wieder was neues was ich mit meinem Pferd machen kann.

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