Klischees erwünscht – ein satirisches Portrait über die verschiedenen Fraktionen der Reiterwelt. Teil II

Wie bereits angekündigt, präsentiere ich euch nun die zweite Ladung meiner Portraits über die verschiedenen Reiterfraktionen, die sich in den hiesigen Ställen so tummeln.  Auch diesmal gilt wieder, dass die Texte mit einer guten Portion Humor genossen und der Inhalt nicht zu ernst genommen werden sollte. Jegliche Parallelen zu realen Personen sind zwar gewollt, aber dennoch als vollkommen zufällig zu erachten. Beginnen wir also nun also, ganz im Sinne von „Alter vor Schönheit“, mit den Urgesteinen der Reiterwelt.

 

Die Senioren-Fraktion

Das Pferd eines Senioren kennt nur zwei Gangarten – Tippelschritt mit durchgedrücktem Rücken und Renngalopp. In ersterer bewegt es sich typischerweise die ersten hundert Meter vom Stall weg, um dann den Rest des Ausrittes in wilder Jagd zu absolvieren. Da die Wahl der Route bei diesen Ritten meist ziemlich beliebig ausfällt und nicht selten über frisch angesäte Felder oder auch über stark befahrene Landstrassen führt, sind weder Bauern noch Verkehrsteilnehmer die grössten Fans von Seniorenpferden und ihren Reitern. Dabei ist im Übrigen gar nicht sicher, dass letztgenannte auch tatsächlich den ganzen Ritt über mit ihren Pferden zusammen bleiben – das hängt im hohen Masse von der Beschaffenheit des vom Seniorenpferd gewählten Weges sowie davon ab, wie tief die Äste auf diesem hängen. Trotz ihrem eher risikobehafteten Reitalltag scheinen Seniorenpferde niemals krank oder verletzt zu sein. Böse Zungen behaupten allerdings, dies läge nur daran, dass ihre Besitzer gern einmal die Brille zu Hause vergessen und daher gar nicht mitbekommen, wenn ihr eigentlich vierbeiniger Partner auf einmal nur noch auf drei Beinen in der Box steht. 

Die Junioren-Fraktion

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Während das Seniorenpferd im Normalfall erst „erneuert“ wird, wenn wirklich gar nichts mehr geht, und sich das Pferd nur mehr zu Kaffeefahrten, aber nicht mehr zu wilden Jagden eignet, sieht der Fall bei Juniorenpferden ganz anders aus. Wer ein Juniorenpferd im Stall hat, dem wird nämlich auffallen, dass es auffallend oft seine Grösse und Farbe wechselt. Dies liegt jedoch nicht, wie man vielleicht meinen könnte, daran, dass bei dieser Art von Pferd ein Chamäleon mit eingekreuzt wurde, sondern daran, dass diese Gattung Pferd sowohl Stall als auch Besitzer häufig schneller wechselt, als man schauen kann. Proportional zu Alter und Körpergrösse sportlich versierter Junioren wächst nämlich auch deren Ehrgeiz, was bedeutet, dass das aktuelle Pferd in regelmässigen Abständen zu alt, zu klein oder sportlich zu wenig erfolgversprechend erscheint. Das Juniorenpferd ist daher mit pubertierenden Jugendlichen bestens vertraut und könnte, sollte es mit der Sportkarriere einmal vorbei sein, wohl locker einen Doktortitel in Jugendpsychologie beantragen. Pferde, die diese Karriere bis zum Ende durchziehen, und sich nicht bei Teenie Nummer fünf entscheiden, den Dienst zu quittieren, sind wahre Goldschätze! Allen anderen winken bereits Stöckchen und Knotenhalfter.

 

Die Hypochonder-Fraktion

Die Kombination Hypochonder und Pferd ist in so ziemlich jedem Stall vertreten. Das Hypochonderpferd zeichnet sich, ähnlich wie das Parellipferd, dadurch aus, dass es im Schnitt höchstens all halbe Jahr mal einen Reiter auf seinem Rücken zu spüren bekommt. Anders als der Parellianer begründet der Hypochonder seine Reitabstinenz allerdings nicht damit, dass er dem Reiten religionsbedingt abgeschworen habe, sondern beteuert stets, dass er ja so gerne würde – das eigene Pferd aber nun mal leider immer krank sei. Die Frage, worum es sich denn bei der aktuellen Krankheit genau handle, sollte man dieser Art von Pferdebesitzer übrigens nur stellen, wenn man gerade sehr, sehr viel Zeit hat. Da der Hypochonder nämlich so ziemlich alle Bücher, die sich mit dem Thema Pferdekrankheiten befassen, auswendig wiedergeben kann, und in etwa die Hälfte aller dort gestellten Diagnosen sich auch auf sein eigenes Pferd übertragen lassen, können diesbezügliche Ausführungen äusserst langwierig ausfallen. Von aussen betrachtet leiden Hypochonderpferde meist lediglich an einer einzigen Krankheit: an Verfettung auf Grund von Bewegungsmangel. Und an chronischer Unerzogenheit – denn wer krank ist, mit dem kann man doch nicht schimpfen!

 

Die Webstar-Fraktion

Die sozialen Medien haben sie hervorgebracht, und sie vermehren sich wie die Karnickel; die Rede ist von den sogenannten „Webstars“, wobei das Prädikat „Star“ in der Regel selbst verliehen und oftmals reichlich übertrieben ist. Um ein Webstar zu werden, braucht man nämlich nichts weiter zu tun, als eine Facebook-Seite, einen Instagram-Account oder einen Youtube-Channel (oder im Idealfall gleich alles) für sich und sein Pferd einzurichten und dann mehr oder weniger sinnentleert darüber zu berichten, wie toll man den Alltag mit seinem „Once-in-a-lifetime-soulmate-Herzenspferd“ verbringt. Quantität scheint bei solchen Updates ganz klar wichtiger zu sein, als Qualität, und hat ein Webstar erst mal eine gewisse Popularität erreicht, so generiert auch ein graues Bild mit schwarzem Fleck (Schatzipferd nachts im Nebel auf der Weide) locker 1'000 Likes und eine gefühlte Millionen Herzchensmilies. Warteten kleine Mädchen früher sehnsüchtig auf das Erscheinen der nächsten Wendy am Kiosk, so können sie heute bequem vom Smartphone aus jeden Schritt ihrer selbsternannten Idole mitverfolgen und – was noch besser zu sein scheint – gleich auch kommentieren. Auf die Rechtschreibung scheint es dabei weniger anzukommen, wichtig ist jedoch, so lassen zumindest meine Beobachtungen schliessen, möglichst jedes Wort abzukürzen und im Gegenzug dafür möglichst viele Vokale aneinander zu hängen. Lesen lässt sich das dann in etwa so:„Di neue Schabiiii von Eskiii sit so qaaaail an ihm aus!! *.*“
Das Pferd eines Webstars muss deshalb auch vor allem eins sein: Farbkompatibel mit so ziemlich jeder Eskadron-Kollektion, die es gibt. Allgemeine Schönheit, genug Geduld, um sich stundenlang ablichten zu lassen sowie ein Gangwerk oder Sprungvermögen, das spektakuläre Fotos zulässt, runden das ideale Webstar-Pferd ab. In den meisten Fällen gehen die Webstars mit ihren Pferden auf Turniere, wobei sich mitunter auch die ein oder andere Wendy in die Weiten der sozialen Netzwerke verirrt und alle an der innigen Verbundenheit zu ihrem Seelenpferd teilhaben lässt.

Doch wie so jeder Promi kommt auch der Webstar nicht umhin, mit den Schattenseiten seines Ruhms konfrontiert zu werden. Kommentarfunktion sei dank befinden sich unter seinen Fotos und Videos nämlich nicht nur Herzchen und Küsschen, sondern auch diverse Anmerkungen, Tipps und Hasstiraden von Leuten, die es eben besser wissen. Und wenn ihr euch jetzt fragt, was mit „es“ gemeint ist – alles. Vom selbsternannten Sattelexperten über den Offenstall-Aktivisten bis hin zur Tierkommunikatorin, die sich neulich Nacht mit dem Webstar-Pferd über dessen unendliche Qualen ausgetauscht hat, meinen alle, zu wirklich jedem kleinsten Detail ihre Meinung abgeben zu müssen.
So kommt es, dass Videos und Bildbeschreibungen von Webstars mittlerweile zu 99% aus Rechtfertigungen für das bestehen, was gezeigt wird. Steht das Pferd beim Eintreten in den Stall noch in der Boxe, wird der Internetgemeinde vorsorglich gleich der Weideplan mitgeteilt, und jedem Foto, auf dem ein Sattel zu sehen ist, wird hinzugefügt, dass der Sattler ja ohnehin bald kommt. Trotz allem betont ein echter Webstar stets, wie dankbar er doch ist, dass sich so viele Leute in sein Leben einmischen wollen. Denn ganz egal, wie unangebracht viele Kommentare auch sein mögen - Hauptsache, die Likes stimmen!

 

Die Wendy-Fraktion

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Anders als das Juniorenpferd oder das Webstarpferd muss das Wendypferd keine grösseren sportlichen Leistungen erbringen. Denn merke: Das Wendypferd muss gar nichts! Stattdessen schwebt es aus freien Stücken und ohne Zwang auf einer Glitzerwolke neben seiner Besitzerin, respektive Seelenverwandten, durch die Welt. Die wallende Mähne des Wendypferdes wippt dabei im Gleichtakt mit der blonden Lockenpracht der Wendy, sie scheinen eins zu sein, eine verschmolzene Einheit, die sich mit blosser Telepathie zu verständigen vermag. Niemals würde eine Wendy ihrem Pferd etwas abverlangen, das es nicht vollkommen freiwillig tut, und das muss sie auch gar nicht. Ihr Pferd tut nämlich ohnehin alles nur pferdemögliche, um sie glücklich zu machen. Es liebt seine Besitzerin. Bedingungslos.
So, soviel zur schönen Theorie. Kommen wir nun zur harten Realität.
Tatsächlich ist es so, dass Wendypferde praktisch nie etwas tun, das ihnen nicht in den Kram passt – aber das heisst nicht, dass dies auch immer im Sinne ihrer Besitzerinnen ist. Da sich diese den vierbeinigen Partner häufig nämlich mehr nach Farbe und schönen Augen ausgesucht haben als danach, ob er zu ihrem reiterlichen Können passt, sind diese Pferde meist echte Schlitzohren, an denen sich auch so mancher Parellianer die Zähne ausbeissen würde. Unternimmt eine Wendy den Versuch, ihr Pferd zu einer Tätigkeit zu überreden, die gerade nicht in seinem Sinne ist, quittiert es den Versuch meist mit lässiger Ignoranz. Sollte dies ausnahmsweise einmal nichts nützen, so verfügen diese oft so unschuldig aussehenden Wesen auch noch über ein beachtliches Repertoire an Beiss- Tritt- und Buckeltechniken. So weit müssen sie jedoch meist gar nicht gehen, gibt sich die Wendy als heillose Romantikerin, die jegliche Form von Gewalt oder auch Konsequenz partout ablehnt, doch ohnehin schon vorher geschlagen. So kommt es, dass Wendypferde oft viele Tage ihres Lebens glücklich und unberührt auf grünen Weiden verbringen und ihren für sie so charakteristischen Fellglanz durch diverse Schlammbänder unterstützen. Sollte es dann doch mal so weit kommen, dass eine Wendy ihr Pferd soweit gebracht hat, dass es sich reiten lässt, dann stellt sich schon das nächste Problem. Denn mit solch profanen Dingen wie Rittigkeit oder gar einer Grundausbildung geben sich Wendypferde meist nicht ab. Für gewöhnlich war ein Wendypferd nämlich schon von Geburt an der Auffassung, dass die Weide ein schönerer Ort sei, als der Reitplatz, weshalb es dort auch die meiste Zeit seiner – eigentlich für die Ausbildung gedachten – Jugend verbrachte. Bis Wendy kam und es, geblendet von seiner Schönheit, „rettete“. Doch auch für diese potenziell harmonieschädigende Unannehmlichkeit hat die Wendy eine Lösung parat: Den Halsring. So ein Stück Seil hat wahrlich fantastische Auswirkungen! Ein Halsring suggeriert nämlich immer absolute Harmonie und zeigt, dass man ein eingespieltes Team ist, dessen Arbeit auf purem Vertrauen beruht. Immer. Auch wenn das Pferd gerade bockend über den Platz rennt. Denn immerhin hat es dabei ja nur einen Halsring an.
Wenn die Realität mit ihren bewegten Bildern dann doch einmal zu grosse Disharmonien offenbart, so tröstet sich die Wendy damit, dass sie ja wenigstens noch schöne Fotos von ihrem Glitzerpferd mit Halsring schiessen kann.
Muss ja niemand wissen, dass man eine Sekunde nach dem ach so harmonischen Wiesengaloppfoto  nicht mehr auf dem Pferd sass, und sich Fury bockend allein auf den Weg nach Hause gemacht hat. Ausserdem ist das auch absolut entschuldbar – höchstwahrscheinlich war der Buckler, der die Wendy auf den Boden befördert hat, Ausdruck eines tiefsitzenden Traumas, welches das Wendypferd nun schnellstmöglich auskurieren muss. Auf der Weide, versteht sich. Dies ist nämlich eine weitere Eigenart von Wendypferden: Glaubt man ihren Besitzerinnen, so haben diese Pferde stets eine traumatische Vergangenheit hinter sich und sind geschundene Seelen, die nur mit ganz viel Liebe, Geduld und – vor allem – Selbstbestimmung wieder dazu in der Lage sind, neuen Lebensmut zu fassen.

Mag diese Aussage beim Anblick eines typischen Wendypferdes zunächst einmal etwas seltsam anmuten, so ist sie, wenn man es sich einmal genauer überlegt, gar nicht so unwahrscheinlich. Die Chancen stehen nämlich gut, dass das Wendypferd in seiner Jugendzeit auf der Weide mindestens einem Pferd der Freizeitreiter-Fraktion begegnet ist. Und es ist durchaus vorstellbar, dass der Anblick eines solch schlammbedeckten Zottelmonsters dem zartbesaiteten Wendypferd die Wallemähne zu Berge stehen liess. Zumindest dann, wenn man, wie eine echte Wendy, über sehr viel Fantasie verfügt. 

 

Mit diesen Zeilen wären wir nun am Ende meiner Portraitserie. Ich hoffe, sie konnte euch das ein oder andere Schmunzeln entlocken. Ich für meinen Teil werde mir nun durch die goldene Lockenpracht kämmen, den Halsring aus dem Spind holen und meinem traumhaft schönen Pferd vorschlagen, einen wunderbar harmonischen Winterausritt zu machen. Wendys an die Macht! :D 

 

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(1) Kommentare

  • Toll!

    Was für ein köstlicher Beitrag!
    Entspricht leider oder zum Glück der Wahrheit. So bleibt es immer spannend in der Reiterwelt =D

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