Klischees erwünscht – ein satirisches Portrait über die verschiedenen Fraktionen der Reiterwelt. Teil I

Ob jung ob alt, ob klein ob gross, ob dick ob dünn – die Welt der Reiter zeichnet sich dadurch aus, die unterschiedlichsten Individuen in sich zu vereinen. Hier treffen höchst ambitionierte Spitzensportler auf solche, die ihr Sixpack lieber trinken, als trainieren und Modepüppchen teilen ihr Hobby mit Frauen, die dem Begriff Schlammpackung eine ganz neue Bedeutung verleihen dürften. Bei kaum einem anderen Hobby treffen solch unterschiedliche Menschen mit solch unterschiedlichen Ansichten und Motivationen auf einander. Da ist es selbstredend, dass sich mit den Jahren eine beachtliche Zahl an Klischees über die einzelnen „Reiter-Fraktionen“ angesammelt hat. In diesem zweiteiligen Blog habe ich mir ein paar der am häufigsten anzutreffenden Pferd- Reiterkombinationen ausgesucht, und bewusst überspitzte Portraits zu diesen verfasst. Wem es schwer fällt, mit Sarkasmus umzugehen oder über sich selbst zu lachen, der sollte von der Lektüre dieses Blogs besser Abstand nehmen. Allen anderen hoffe ich mit diesen Zeilen das ein oder andere Grinsen auf die Lippen zu zaubern. Und sind wir mal ehrlich – es wären keine Klischees, wenn nicht irgendwo auch ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken würde.

Die Spring-Fraktion

528610_10200875766006200_1576395831_n5648d78c8a860

Fielen Springpferde und -reiter noch vor einigen Jahren dadurch auf, dass sie sich modisch eben gerade nicht, oder wenn, dann nur durch besonders dreckiges und scheinbar beliebig ausgewähltes Zubehör aus der Menge hervorhoben, so hat sich dies in der letzten Zeit massiv geändert. Die Springreiterin von heute setzt auf Strass, und zwar an jedem dafür passenden oder auch unpassenden Ort. Hauptsache, man kommt dem modischen Ideal des wandelnden Christbaumes möglichst nah. Kombiniert wird das Ganze meist mit schrillen Neonfarben. Böse Zungen behaupten, dass die Springreiter diese Outfits nicht deshalb wählen würden, weil sie ihnen so gut gefielen, sondern damit sie von Mitreitern und anderen Verkehrsteilnehmern möglichst früh gesehen würden. Da der gemeine Springreiter dem Dressurreiten oder generell jeder Gangart, die nicht Galopp ist, nämlich tendenziell eher weniger Begeisterung entgegenbringt, kann es schon mal vorkommen, dass die Funktionstüchtigkeit der Bremsen bei seinem reitbaren Untersatz versagt. Daran vermögen auch die Tonnen von Strass, die in Wahrheit wohl auch nur zu Bremszwecken am Springpferd befestigt wurden, nichts zu ändern. Abgesehen von diesen gelegentlichen Aussetzern sind Springpferde, ähnlich wie ihre Reiter, jedoch echt unkompliziert. Kratzer am Sattel und Matsch im Fell werden vom Springpferd mit stoischer Ruhe quittiert. Auch der Springreiterin kann die Tatsache, dass sie mal wieder samt neuer Glitzerreithosen im Wassergraben gelandet ist, nur selten die Laune verderben. Ein bisschen schlägt der Springreiter von früher eben dennoch durch...

 

Die Dressur-Fraktion

15122_10200923875928918_1202310150_n5648d78b74f61

Auch beim Anblick eines Dressurpferdes kommt der Betrachter nicht umhin, mit grossen Mengen an Strass, Glitzer und – anders als beim Springpferd, bei welchem dieses im Nu verkratzt wäre – Lackleder konfrontiert zu werden. Auffällig ist jedoch, dass sich die Verzierungen hier nur an Orten befinden dürfen, die ausserhalb des Blickwinkels des Dressurpferdes liegen. Ansonsten könnte es womöglich sein eigenes Spiegelbild im glänzenden Lack oder in einem Swarovskistein erblicken und in Folge dessen panisch die Flucht ergreifen, was der die Kontrolle liebenden Dressurreiterin auf seinem Rücken grosses Unbehagen bereiten würde. Wenn man ihren Besitzerinnen Glauben schenken darf, so haben Dressurpferde nebst spektakulären Gängen nämlich vor allem eins: Angst. Und zwar vor so ziemlich allem. Daher verbringen sie ihre Zeit auch am liebsten innerhalb der eigenen vier Wände, also entweder in der Box oder in der Reithalle. Wer letztere betritt, während ein Dressurpferd trainiert wird, der sollte tunlichst darauf achten, für die Zeit seines Aufenthalts in der Halle möglichst alle Laute verursachenden Körperfunktionen, inklusive Magenknurren und Atmen, einzustellen, um das empfindsame Dressurpferd nicht aus seinem psychischen Gleichgewicht zu bringen. Andernfalls kann er erleben, wie sich dessen Reiterin in Sekundenschnelle vom elfenhaften Wesen in einen feuerspeienden Drachen verwandelt, der einem wutschäumend nahelegt, die eigene Unfähigkeit gefälligst zu einem anderen Zeitpunkt oder, noch besser, in einem anderen Stall auszuüben. Zur weiteren Unterstützung seiner mentalen und physischen Fähigkeiten verfügt das Dressurpferd über eine Anzahl an Therapeuten, die ihresgleichen sucht! Vom Physiotherapeuten über die Akupunkteurin bis hin zum Ernährungsberater gehört zum Hofstaat eines echten Dressurpferdes jeder, der dazu beitragen könnte, seine Leistungsfähigkeit, und wenn auch nur um einen hundertstel Prozentpunkt, zu steigern. Natürlich ist auch die Ausrüstung eines Dressurpferdes entsprechend handverlesen und niemals von der Stange – ob Sattel, Trense oder Gebiss, eine Massanfertigung ist das einzige, was den Ansprüchen von Pferd und Reiter auch nur annähernd gerecht werden könnte! Die einzige Wellnessbehandlung, in deren Genuss ein echtes Dressurpferd wohl nie kommen wird, ist die einer Schlammpackung. Denn dazu müsste es ja auf die Weide, und auf der könnten Gänseblümchen wachsen. Und vor denen hat es Angst.

 

Die Freizeit-Fraktion

Wer ein Freizeitpferd von weitem sieht stellt sich nicht selten einmal die Frage, was genau er da vor sich hat: Einen Yeti? Ein Schottisches Hochlandrind? Oder doch den kantonalen Matschtransport? Erst beim Näherkommen wird ersichtlich, dass sich unter den Bergen von Fell und eingetrocknetem Lehm ein Wesen befindet, das einem Pferd nicht unähnlich zu sein scheint. Der Grund für sein –  gelinde gesagt – rustikales Aussehen ist der, dass der Freizeitpferdebesitzer, ganz anders als die Dressurreiterin, alles, was vier Wände hat, aufs schärfste verurteilt und ablehnt. Mit dem Argument, dass Wildpferde ja auch keine Boxen hätten, wird das Freizeitpferd 365 Tage im Jahr 24 Stunden am Tag auf einer Koppel gehalten, die je nach Grösse und aktueller Witterung manchmal mehr die Namen „Schlammloch“, „Eislaufbahn“ oder „Steppenwüste“ verdient hätte. Trotz teils widriger Bedingungen würde es für den Freizeitreiter jedoch nie in Frage kommen, sein Pferd in einen Stall zu stellen oder es gar mit etwas so unnatürlichem wie einer Decke zu belästigen! Dies würde das arme Tier nur in seiner Wildpferde-Ehre kränken! Ähnlich naturbelassen wie die Haltung des Freizeitpferdes ist auch seine Fortbewegung unter dem Reiter. Je nach Lust und Laune schiesst es entweder in schönster Giraffenhaltung über die Wiesen oder saugt à la Rüsselschwein jeden Grashalm am Wegesrand genüsslich ein. Einen Reitplatz oder gar eine Halle bekommt es selten zu sehen – wegen der vier Wände, versteht sich. Den Freizeitreiter stört das jedoch nicht, will er doch sein Pferd so artgerecht wie möglich reiten – und was könnte schon artgerechter sein als das, was das Tier sich selbst aussucht? Auch in Sachen Ausrüstung weichen die Ansichten von Dressur- und Freizeitreiter diametral voneinander ab. Kann es ersterem nicht exklusiv genug sein, so ist der Freizeitreiter prinzipiell der Ansicht, teures Material sei, wenn es nicht sowieso als zu unnatürlich abgetan wird, nur Geldmacherei. Da ohnehin jede Schabracke nach einem Ritt mit dem schlichtweg unentmatschbaren Freizeitpferd die gleiche Farbe – nämlich schlammbraun – aufweist, und ein glitzerndes Stirnband unter den Bergen von Schopf, den diese Pferde oft mit sich herumtragen, gar nicht erst zu sehen wäre, besitzt der Freizeitreiter prinzipiell nur das, was absolut notwendig ist. Auch bei der Hufpflege legt er, wenn überhaupt, gerne einmal selbst Hand an. So ein bisschen raspeln sollte ein echter Freizeitreiter ja wohl auch noch selbst hinkriegen, und überhaupt – Wildpferde haben ja auch keinen Hufschmied!

 

Die Parelli-Fraktion

Eines gleich vorweg: Parallipferde haben Probleme. Immer. Und diese Probleme gilt es zu therapieren. Sollte der unhaltbare Zustand eintreten, dass das Pferd eines Parellianers sich sowohl im Umgang als auch beim Reiten als völlig problemlos erweist, so wird es unter Einsatz von Stöckchen und Regentänzen, auch bekannt als „Join-Ups“, so lange traktiert, bis es beschliesst, doch zum Angriff überzugehen. Nun kann der Parellianer endlich sein geballtes Repertoire an sogenannten Spielen zücken und versuchen, das wilde Tier wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Dass dies nur selten gelingt, stört ihn dabei wenig, denn der Weg ist für den Parellianer das einzige Ziel. Begleitet wird er auf diesem von unzähligen Gurus, die er je nach Mondposition und aktuellem Kontostand entweder vergöttert oder vollkommen verachtet. Da Parellipferde nur selten geritten werden, laufen auch viele Anhänger der Pferdemutti-Fraktion Gefahr, in dieser Sparte zu landen. Meist jedoch scheitert es hier daran, dass der Einsatz von Stöcken und Co. den echten Pferdemuttis  dann doch als zu gewaltsam erscheint, obsc5hon der Parellianer stets beteuert, dass seine Methode die einzig wirklich gewaltfreie sei.

 

Die Pferdemutti-Fraktion

An ein Muttipferd werden hohe Anforderungen gestellt – muss es bei seiner Besitzerin doch häufig als Ersatz für Kind, Ehemann und Teddybären gleichzeitig herhalten. Die selbsternannten Pferdemuttis haben die Angewohnheit, ungewöhnlich oft von sich selbst in der dritten Person zu sprechen und ihrem Pferd so schmeichelhafte Kosenamen wie „Baby“, „Schätzchen“ oder „Schatziputzi“ zu geben. Dies tun sie mit einer solch hohen und quietschenden Stimme, dass für gewöhnlich jeder, ob Pferd oder Mitreiter, postwendend die Flucht ergreift. Das Muttipferd selbst hingegen lässt das Alles mit einer stoischen Ruhe über sich ergehen, bei der Aussenstehende nur annehmen können, es sei wohl bereits taub.  Tatsächlich jedoch handelt es sich bei dieser Art von Pferden meist einfach um überdurchschnittlich brave Tiere, die aus reiner Herzensgüte keine Anstalten machen, sich den Liebesbekundungen ihrer Besitzerinnen durch Flucht oder Verteidigung zu entziehen. Paradoxerweise gibt es dennoch kaum eine Reiterspezies, die ängstlicher ist, als die der Pferdemuttis. Zuckt das Pferd auch nur mit dem Ohr, so sind sie in Sekundenschnelle neben anstatt auf dem Pferderücken anzutreffen, und jedes Gähnen in der Boxe wird als zähnefletschendes Unwohlsein interpretiert, das dazu führt, dass „Mami“ das Reiten an diesem Tag (und die ganze darauf folgende Woche) besser sein lässt. Von einem chronischen Hörschaden mal abgesehen fehlt es Muttipferden jedoch meist an nichts und sie sind wohl die einzigen Pferde im Stall, die nebst jeder nur erdenklichen Innovation in Sachen pferdefreundlicher Ausrüstung auch noch über fünfzehn Winterdecken mit Füllungsunterschieden von jeweils zehn Gramm verfügen. Sie wollen ja nicht, dass Schatzputzimausi sich erkältet!

 1016623_10205629743212659_1753040274491052902_n5648dc923f128

Das war er nun also, der erste Teil meines Blogs. Im zweiten Teil dürft ihr euch unter anderem auf die lebensnahen Portraits der Wendy- und der Hypochonder-Fraktion freuen. 

Das könnte Dich auch interessieren

(0) Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.