Kleider machen Reiter

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer guten Rösslifreundin über Mode. Die ganze Diskussion fing damit an, dass sie mir von einer dramatischen Szene berichtete, die sich letzten Freitag vor dem Ausgang in ihrem Wohnzimmer abgespielt hatte: Kleider, Kleider überall – aber einfach nichts zum Anziehen! Und gerade von uns Frauen wird erwartet, dass wir gefälligst darauf zu achten haben, welche Kleider wir herumtragen.

Nachdem sich meine Freundin mit ihrem Pferd auf den Grasplatz verzogen hatte, grübelte ich alleine weiter und zog das Thema Mode vom Ausgang in den Stall: Man könnte glauben, im Reitsport herrsche eine gewisse Uniformität, denn was braucht es dazu schon? Eine Hose, festes Schuhwerk, einen Helm und irgendetwas für obenrum – basta?

Prüfend schielte ich hinab auf mein eigenes Outfit: An diesem Tag trug ich ein weites Männershirt, das mir gaaanz zufällig aus dem Schrank meines Freundes nach Hause gefolgt war, eine leicht verwaschene, schwarze Pikeurhose, die ich vor vier Jahren gekauft habe und noch immer über alles liebe, braune Kniesocken, die auch schon bessere Tage gesehen haben und schwarze Sneakers. Weder besonders modisch, noch teuer – eine vollkommen zufriedenstellende und vor allem funktionale Kleiderwahl, fand ich, und machte mich ans Satteln.

Wie so oft zuvor, überbrückte ich das Einschritten mit Instagram (ich weiss, das tut man nicht, genauso wie man auch beim Brevet gelernt hat, dass man nicht mit Sneakers im Stall gschäftelet). In meinem Feed fand ich die Seite Aztec Diamond Equestrian, einem ‚fashion forward equestrian clothing brand’. Ich stöberte interessiert, fiel augenblicklich in den Insta-Bildli-Sog und klickte mich gute 20 Minuten lang durch weitere Accounts wie Equiline, Scarabeus und Eskadron.

Wie schick die Models auf den Bildern alle aussahen! Den Hintern, in einer fancy roten Hose mit Logoprint ideal in Szene gesetzt, die Fäuste aufgestellt, den Blick fest in Richtung Sieg. So wie es eben muss. Gleich daneben ein Bild im Dressurviereck: ein Rappe in einer so raumgreifenden Trabverstärkung, dass mir nur schon vom Anschauen schwindlig wurde. Darauf die Reiterin: das babyblaue Poloshirt in die Jeansstoff-Reithose gesteckt, thront sie in einem hassenswert ausbalancierten Sitz im Sattel. In den Lackstiefeln spiegelt sich kitschig das Licht der Sommersonne.

Aber nicht genug der Perfektion: die lächelte auch noch! Warum? Warum sehen diese Insta-Models alle so aus, als wäre Reiten das einfachste der Welt? Der einzige Ausdruck, zu dem ich während einer ausgesessenen Verstärkung fähig bin, ist pure Verzweiflung, weil mich das Ans-Pferd-Klammern einfach nur zu Tode anstrengt. Es muss die Hose sein. Oder das farblich auf die Hose abgestimmte Shirt. Oder die Jacke mit dem Markenlogo. Das muss es einfach sein. Kleider machen Leute, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Machen sie demzufolge auch Reiter? War ich etwa mein Reiterleben lang nur ein Markenlogo vom Aussitz-Glück entfernt?

Der Abend des besagten Tages sollte in die Geschichtsbücher eingehen: Nach genauer Planung einiger Sparmassnahmen bestellte ich eine der sagenumwobenen Vollbesatz-Grip-Reithosen in meiner Traumfarbe Dunkelblau. Die Marke nenne ich nicht, aber es war dieselbe Hose, die eine der Reiterinnen aus Instagram trug. Folglich saugut und sündhaft  teuer.

Im Besitz der Super-Hose fühlte mich ein bisschen wie Mrs Harris, die im Film Mrs Harris Goes to Paris jeden Rappen zusammenkratzt, um sich ein Kleid von Dior zu kaufen. Natürlich war meine Reithose nicht von Dior und wahrscheinlich kann man das auch nicht so vergleichen. Aber das Gefühl, sich so etwas Kostbares geleistet zu haben und aus meinem alltäglichen Lieber-Unscheinbar-Bleiben herauszubrechen, tat irgendwie richtig gut. Und das habe ich auch ausgestrahlt! Feierlich kann ich von sage und schreibe drei Komplimenten an meinen Hintern in dieser Hose berichten (wofür ich mich selbst absolut grundlos mit zwei Branche-Riegeln belohnt habe).

Vielleicht fragen sich jetzt einige: Was ist denn mit der los? Es ist doch nur eine Reithose. Das stimmt auch. Und genau darin liegt der Punkt: Es war nur ein Stück Stoff, das mir eine erstaunliche Selbstsicherheit gab. Als ob mich das Markenlogo an der Pobacke zu einer ernsthafteren, fast schon professionelleren Reiterin machen würde. Zu einer, die einen Wechsel genau bei X zustande bringt und sich in einer Verstärkung nicht hechelnd die nächste Ecke herbeiwünscht. Oder zu einer, die nicht nur ein perfektes Pferd und den dazu passenden, perfekten Sitz, sondern auch noch ein perfektes Styling hat.

Vielleicht ist das eben der ganze Zauber, für den einige so viel bezahlen: dieser magische Ego-Boost, wenn man weiss, dass man heute seinen Wünschen und Träumen entsprechend verpackt ist. Wer von uns möchte schon kein so richtig ernsthafter Reiter sein und vor allem so behandelt werden und und zu allem hin noch verdammt gut aussehen?

Kritisch wie ich bin, suchte ich richtig pingelig nach einem Unterschied, den es zwischen der superduper Hose und meiner alten Pikeur gab. Der Strech-Stoff der neuen Hose war seidenweich und sass (ich wüsste wirklich nicht, wie ich es anders erklären sollte) wie eine zweite Haut. Dank dem Grip hielt, nein, klebte ich so gut am Sattel, dass ich gar nicht mehr Leichtreiten wollte, weil Sitzenbleiben viel entspannender war als das repetitive Auf und Ab. Die Hose überlebte unterdessen sogar fünf Waschgänge und diese Tatsache ist ein Qualitätssiegel sondergleichen, da ich die göttliche Gabe habe, meine Kleider in regelmässigen Abständen zerstört oder missbildet aus der Waschmaschine zu ziehen. Um aber ehrlich zu sein, machte weder der Grip, noch der angenehme Stoff eine meiner reiterlichen Schwächen wirklich wett. Das wäre ja irgendwie zu schön um wahr zu sein.

Auch wenn ich genau weiss, dass die Hose nichts an meinen Fähigkeiten ändert, bin ich jedes Mal überzeugt, dass ich doch ein kleines Stückchen besser sitze und doch ein kleines Mü mehr Körperspannung habe. Sie zaubert ein schöneres Selbstbild im Sattel und es ist mir ehrlichgesagt völlig egal, dass dieser Effekt möglicherweise nur in meinem Kopf passiert. Wenn ich entscheiden könnte, ob ich eine Hose trage, die mir das Gefühl gibt, meinem Ideal ein Stückchen näher zu sein, oder eine, in der ich mich fühle wie der Wald-und-Wiesen-Durchschnitt (zu dem ich eigentlich gehöre), würde sogar ich Fashion-Banause die Superhose wählen. Selbst wenn sie mir nicht automatisch eine Plakette auf meinem Wald-und-Wiesen-Concours holt.

Letzte Woche, als ich mit meinem Freund den Tag in dessen Stall verbrachte, fiel mir zum Thema Kleider im Reitsport ein weiterer Punkt auf. Seine Pferde stehen in einem sehr hübschen Neubau, einem richtigen Sportstall, dessen Infrastruktur wirklich keine Wünsche offen lässt. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir an diesem Tag nur Markenreitsachen aus meinem Schrank herauslegte (wie zum Beispiel meine Superhose), um mich dem gehobeneren, professionellen Umfeld anzupassen.

Ich glaube, dass Mode nicht nur das Selbstwertgefühl steigern, sondern auch wunderbar verschleiern kann. Das macht die Unterscheidung zwischen Schein und Sein manchmal fast unmöglich. Doch allerspätestens im Sattel fällt jede noch so gut gebaute Fassade, denn Kleider machen vielleicht Leute, aber sie machen gemeinerweise keine Reiter.

Obwohl die Grip-Hose mein Herz erobert hat, wird Markenkleidung für mich ein kleiner Luxus bleiben. Und genau diese Tatsache finde ich irgendwie schön. Ich liebe es, wenn ich mir selbst ab und zu etwas richtig Kostbares gönnen kann. Trotzdem habe ich beschlossen, mich reitermodetechnisch mehr up to date zu halten. Nicht, um mit irgendwelchen Leuten im Stall mitzuhalten, sondern weil ich glaube, dass die Reitermode-Szene eine spannende Nische der Pferdewelt ist, die sich mir bis jetzt noch nicht wirklich erschlossen hat und Stoff für spannende Gedanken hergibt. Da ich ein sehr visueller Mensch bin und Gefallen daran finde, ordentliche, saubere Bildkompositionen anzuschauen, bin ich das perfekte Opfer für hübsche, mich durch ihre Perfektion fast ein bisschen beleidigende Instagram-Bildli.

Was ist eure Meinung zur Mode im Reitsport? Wie steht ihr dazu und wie stark achtet ihr auf Marken? Was sind eure Kriterien beim Reitkleiderkauf? Ich freue mich schon auf euer Feedback!

Cornets Hintern: auch ohne Markenhose eine Augenweide.

Das könnte Dich auch interessieren‚‚

(0) Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.