Interview mit Tierarzt Patric Luder zum Thema Impfen

 

Mit den Fragen an den Tierarzt Patric Luder, versuchen wir etwas Licht ins Dunkle zu bringen und hoffentlich einige Fragen zu klären.

Frage: Einmal generell, wieso müssen oder sollten wir unsere Pferd impfen? Es gibt ja in der Schweiz keine Impfpflicht ausser für Sportpferde.

Patric:

Dank der gezielten, flächendeckenden Impfstrategie (nicht nur in der Pferdemedizin, auch in der Humanmedizin) konnten schlimme Krankheiten und seuchenhafte Ausbrüche in unseren Graden eingedämmt oder sogar ausgerottet werden -man denke an die Tollwut beim Tier, übertragbar auf den  Menschen-erst in den 1990 ern in der Schweiz ausgerottet oder der „Pestwelle“ der Menschen im Mittelalter, welche aber hundert-tausende Opfer in Europa gefordert hat. Die Erkrankung am Tetanus-Toxin ist ein weiteres Beispiel, wie eine grausame Infektion mit einer so einfachen Massnahme wie dem Impfen eingedämmt werden konnte, zumindest hier bei uns. Fallberichte von erkrankten Arbeitstieren in den Dritt-Welt Ländern gibt es aber noch zur genügend - schreckliche Geschichten.

 

Frage: Wie funktioniert eine solche Impfung? Was sollte genau im Pferdekörper passieren?

Patric:

Vereinfacht gesagt aktiviert die Impfung das Immunsystem des Pferdeorganismus, und bereitet dieses darauf vor, im Falle einer echten Infektion vorbereitet zu sein, sofort zu reagieren und das schädliche Agens abzuwehren.

Frage: Aus was besteht so eine Impfdosis.

Patric:

Wir verwenden keine Lebendvakzine, sondern Totvakzine (Influenza, Tollwut, Herpes 1,4)  und abgeschwächte Toxine (Tetanus) und Kombinationen davon. Ein Impfstoff enthält auch immer Adjuvantien, sogenannte Helferstoffe, welche die Immunantwort weiter steigern sollen.

Frage: Pferde die im Sport laufen und an entsprechenden Anlässen teilnehmen,  müssen jährlich gegen Influenza geimpft werden. Im internationalen Sport sogar alle 6 Monate. Wieso sind die Impfvorschriften so streng?

Patric:

Das Equine Influenza-Virus hat verschiedene Subtypen-und es bilden sich - dank seiner Eigenschaften des Antigendrift (Punktmutationen) und Antigenshift (genetisches Reassortiment) - stets neue Subtypen. Das Virus überträgt sich mittels Tröpfcheninfektion sehr rasch und in sehr grosser Zahl von Pferd zu Pferd, ist über mehr als 35 Meter übertragbar, überlebt lange in der Umwelt und wird vom infizierten Pferd über 10 Tage kontinuierlich ausgeschüttet. Es ist hochansteckend und sehr krank machend. Die Pferde haben Fieber bis 40 Grad, husten heftig und schmerzhaft, sind lethargisch, fressen nicht, steif etc. Es ist vor allem der Respirationstrakt betroffen, Komplikationen können Sekundärinfektionen mit Lungenentzündungen werden, Kieferhöhlen-, aber auch Herzentzündungen. Die Rekonvaleszenz dauert mehre Monate (!). Auch Managementfaktoren verkomplizieren einen Ausbruch mit Influenza; Quarantäne-Einrichtungen, Desinfektion der Ställe, Pferde-und Personenverkehr in einem Stall minimieren, etc.-sehr aufwändige Massnahmen.

Deshalb ist der Prävention mittels der Vakzine eine so grosse Bedeutung beizumessen. Die Problematik ist aber eben, wegen der zu Beginn erwähnten Eigenschaften des Influenzavirus, dass trotz der Impfung keine absolute Immunität aufgebaut werden kann (hohe Mutationsrate der Influenzaviren). Pferde können immer noch erkranken: zeigen aber einen milderen Verlauf, und Pferde können immer noch Viren streuen: aber viel weniger. Die Zusammensetzung der Impfstoffe für die Equiden in Europa werden immer wieder angepasst an die gerade aktuellen, krankmachenden Influenza-Viren (OIE, Paris).

Zur Prävention ist auch das Einhalten des Impfschemas wichtig. Die Grundimmunisierung mit Booster und die halbjährliche oder jährliche Revakzination. Wie intensiv geimpft wird (jährlich oder halbjährlich) ergibt sich aus dem Infektionsdruck, welcher bei Sportveranstaltungen mit verschiedenen Pferden aus verschiedenen Ställen, Kantonen, und Ländern natürlich unterschiedlich hoch ist.

 

 

Frage: Was gibt es für Impfprobleme, Nebenwirkungen, Folgeerscheinungen oder Folgeschäden?

Patric:

Nebenwirkungen können lokale Schwellung, Ödem oder Schmerzen sein. Seltener Fieber, Husten, Nasenausfluss, und Leistungsabfall. Deshalb empfehlen wir nicht zwei Wochen vor einem wichtigen Event zu impfen, nach dem Impfen eine Ruhephase einzuplanen, und bei empfindlichen Pferden Entzündungshemmer einzusetzen.

 

 

Frage: Kannst du dir erklären aus welchem Grund, das Thema Impfen so umstritten ist und solche Diskussionen auslöst?

Patric:

Natürlich ist eine Diskussion über die z.T intensive Impfstrategie wie bei Influenza gerechtfertigt, in Anbetracht der Problematik des nur ungenügenden oder nur kurzdauernden Schutzes nach einer Impfung-und in Anbetracht der möglichen Nebenwirkungen. Nichtsdestotrotz ist eine Infektion für das Individuum und seuchenhaften Ausbreitung viel schwerwiegender-und rechtfertigen das Impfen, in meinen Augen. 

Die Forschung setzt auch in der Pferdemedizin an, Impfstoffe zu entwickeln, welche nicht nur die humorale (Antikörper-Produktion) sondern auch zelluläre Immunantwort stimulieren, welche einen längerdauernden Impfschutz gewährleisten sollten.

In unserer Praxis beraten wir unsere Kunden hierin, welche Impfungen bei welchem Pferd (Nutzung, Alter, Haltung, Einsatz, Trächtigkeit, Standort...) wir als sinnvoll empfinden, und welche nicht. Tollwut, Herpes, Druse, West Nile sind einige Beispiele, die einer individuelle Diskussion bedürfen.

 

Ich bedanke mich recht herzlich für deine Bereitschaft mir auf meine Fragen, Antworten zu geben. Ich hoffe wir konnten unseren Lesern etwas Klarheit über das Impfen bereiten. Schlussendlich liegt es immer noch in der Verantwortung von jedem Pferdebesitzer selber, ob er seine Pferde impfen will oder nicht. Bezüglich den Sportanlässen gelten nach wie vor die Impfvorschriften, die eingehalten werden müssen.

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