Hommage an den Sattelschrank

Bekanntlich gibt es bei Menschen gewisse Anzeichen, die darauf hindeuten, wie der Betreffende gerade gestimmt ist. Bei einigen sind es Stirnfalten oder abgekaute Fingernägel, Stresspusteln oder Augenringe. Belustigt musste ich in letzter Zeit feststellen, dass bei mir eines dieser Anzeichen der Zustand meines Sattelschrankes ist. So wie es im Alltag bergab und wieder bergauf zu gehen scheint, so verhält sich auch der Ordnungsgrad in meinem Schrank. 

 

Wenn ich aufgewühlt oder sauer bin, oder mal wieder alle Gefühle gleichzeitig fühle (ja, als Frau geht das), sieht mein Schrank aus, als würde darin etwas sehr Unordentliches sein Unwesen treiben. Etwas, das Schoggi-Packungen liegen lässt, mit vor Schmutz triefenden Gamaschen herumwirft und sich trotzig dagegen weigert, den Sattelgurt zu fetten. Gleichzeitig macht mein Sattelschrank in solchen Zeiten dem Bermuda-Dreieck ernsthaft Konkurrenz, weil ich vollkommen unabsichtlich alles mögliche Zeugs darin zum Verschwinden bringe. Hinzu kommt, dass es fast nichts gibt, was mein Stimmungsbarometer weiter unter den Nullpunkt treibt, als Momente, in denen ich im Stall nach etwas suche und es einfach nicht finde. 

 

Habe ich nach einer solchen Stimmungsphase meine Persönlichkeit bei ein paar Ego-Ausritten gereinigt, geht das Sattelschrankaufräumen los. Tupperwares mit Gutzis und Medis werden hundertfach umgestellt und ausgeräumt, Schabracken werden gewaschen und einer kritischen Selektion unterzogen. Stehe ich dann am Ende des Tages vor meinem aufgeräumten Schrank, dann jubelt das Auge sowie das Herz, weil ich das Gefühl habe, mein Leben ein Stückchen besser im Griff zu haben.

 

Wobei, eigentlich mag ich ein kleines bisschen Unordnung gar nicht so ungern. Nicht, dass ich mir aus Spass an der Freude einplane, im Stall eine 1A Sauerei zu veranstalten, mir geht’s noch gut. Aber manchmal bin ich gerne mal unordentlich und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich es in meinem eigenen Sattelschrank auch sein kann. 

 

Grundsätzlich hat sich aber die Ordnung in meinem Schrank massiv gebessert. Ganz anders als vor etwas mehr als einem Jahr, als ich mit dem ersten eigenen Pferd auch meinen ersten eigenen Sattelschrank zugeteilt erhielt. Diese geballte Ladung an neuer Verantwortung (Tier und Schrank!) hat mich ein gutes Dreivierteljahr so aus dem Häuschen gebracht, dass ich in meinem Schrank fast krankhaft alles Rösselige gehortet habe wie ein Hamster. 

 

Eine Art Sammelstätte ist mein Schrank aber noch immer geblieben: Besonders schöne Fotos von Cornet drucke ich geduldig aus, pinne sie neben anderen Erinnerungen an die Holztüre und führe meinen Wandkalender. Dort trage ich jeden Tag detailliert ein, wie ich Cornet beschäftigt habe. Auf meinem Wandkalender bin ich ehrlichgesagt sogar so stolz, dass ich ihn gerne als PDF in meine Bewerbungsunterlagen einfügen würde. Ich stelle mir dann vor, wie potentielle Arbeitgeber darauf deuten und meinen: Wir brauchen doch noch eine fähige Frau in der Chefetage. Und diese da scheint ziemlich flott zu sein. Sie führt einen fantastisch strukturierten Kalender für ihr Pferd!

 

Obwohl ich sonst absolut nicht an Materialistischem hange (niemand kann eine ehemals liebste Reithose kaltherziger aussortieren als ich), entwickeln gerade Gegenstände bei mir mit der Zeit eine Art Persönlichkeit. Beispielsweise meine Putzkiste, die sich partout nicht schliessen lassen will und welcher ich nun nach ein paar Raufereien, die zu ihren Gunsten entschieden wurden, ihren Willen lasse. Nicht zu vergessen auch mein Peitschenhalter, aka „Waffenlager“: die bestinvestierten 3.- meines Lebens. Aber auch mein blauer Gamascheneimer, der ab und zu ein Doppelleben als Cornet’s Teekessel führt, liegt mir sehr am Herzen. 

 

Am meisten Charakter spreche ich aber einem meiner Sättel zu. Mein Verhältnis zu ihm gleicht einer Hassliebe, denn wenn er Cornet nicht so gut passen würde, hätte ich ihn schon lange weggegeben. Der gute LaBelle, den ich von einem Bereiterfreund übernommen habe, hat wahrscheinlich schon mehr Ärsche gesehen, als ein SBB-Sitz in der S26 und doch macht er noch immer seinen Job. Das hat meiner Meinung nach ganz viel Hochachtung und einen Ehrenplatz in meinem Schrank verdient. 

 

Ihr fragt Euch jetzt vielleicht, warum ich über so etwas Banales wie den Sattelschrank einen Text schreibe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass heutzutage viel zu viel Druck besteht ständig alles richtig machen zu müssen. In der Reiterwelt sowieso. Alles muss sitzen und glänzen. Als ich vor ein paar Tagen vor meinen Sattelschrank stand und mir dachte, ich hätte gerade die Tore zu einem Chaos-Parallel-Universum aufgestossen, wurde mir bewusst, dass mein Sattelschrank all dem widerspricht. Er ist mein kleiner Raum, in dem ich hässliche, neongrüne Schabracken hüten, nach einem anstrengenden Training alles wahllos reinschmeissen, dann wieder drastisch aufräumen und auch mal so ein richtig blödes Bild von Cornet aufhängen kann. Mein Sattelschrank ist eine Welt für sich. Eine Welt für mich.

 

Sattelschrank zu Zeiten des Aufruhrs (inkl. Katze). Und wie siehts in Euren Schränken aus? 

12695454_10208239244959698_1606228417_o

Das könnte Dich auch interessieren‚‚

(0) Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.