Hippotherapie - Ein Fallbeispiel (Teil 1)

Das Pferde gute Therapiepartner sind, durfte ich selbst miterleben. In unserem Reitstall bieten wir für die ganz Kleinen seit einigen Jahren eine Reitform, die sich „Führzügel“ nennt, an. Dabei werden sie von älteren Reitern geführt und können dabei Schritt für Schritt ohne grosse Hektik von diesen lernen. Diese Stunden eignen sich auch gut für körperlich und geistig benachteiligte Kinder.

Seit ca. zwei Jahren kommen Bettina und Lara regelmässig zu uns. Beide Mädchen haben ein Handicap, das im Rahmen der „Führzügel“-Reitstunden anzugehen versucht worden ist und von dem beim Reiten mit der Zeit immer weniger zu sehen war. Die Fallgeschichten beider Mädchen werden in zwei Artikeln beschrieben.

Bettina hatte als kleines Kind epileptische Anfälle und hat heute noch Gleichgewichtsstörungen. Als sie das erste Mal zu uns auf den Hof kam, merkten wir gleich, dass es viel Zeit brauchen wird, um mit ihr nur den kleinsten Fortschritt zu erlangen. Sie liebte Pferde, ihr Aussehen und ihre Bewegungen. Doch als das Pferd sie begrüssen wollte und mit der Nase näher an sie herankam, erschrak sie und versteckte sich hinter der schützenden Schulter ihrer Mutter. Wir redeten ihr zu, dass sie keine Angst haben musste. Um sie davon zu überzeugen, hielten wir unsere Hand dem Pferd hin und dieses schnupperte daran. Bettina war sich noch immer nicht sicher, doch sie wagte es und streckte ihre Hand ganz langsam aus. Das Pferd blieb dabei völlig ruhig. Bettina zuckte zusammen, als das weiche Maul ihre Hand berührte, doch kurz darauf umspielte ein Lächeln ihre Lippen. Wir lobten sie sogleich, damit sie wusste, dass sie alles richtig getan hatte. Die Idee hinter dem Loben war natürlich, ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Ein kleiner Schritt war bis dato gemacht worden, doch der nächste machte Bettina wieder grosse Angst. Im Prinzip ist es keine grosse Sache, auf ein Pferd zu steigen, doch Bettina war diese Prozedur nicht ganz geheuer. Wir redeten ihr gut zu, versicherten ihr aber zugleich, dass sie es nicht tun müsse, wenn sie nicht wolle. Im Endeffekt muss es das Kind selbst wollen und man darf es keinesfalls zu etwas zwingen, das es nicht möchte oder zu dem es psychisch wie auch physisch noch nicht bereit ist. Als wir sie fragten, ob sie an dem besagten Tag lieber nur zusehen möchte, verneinte sie und sagte, dass sie es doch selber versuchen möchte. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und stieg mit unserer Hilfe auf das Pferd. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass die Mutter ganz stolz war auf ihre Kleine. Ich freute mich innerlich sehr über diesen Erfolg von Bettina. Als Folge davon, meldete ich mich noch am gleichen Tag freiwillig als ihre Führerin. Ich war mir von Anfang an der Schwierigkeit und Ernsthaftigkeit der Lage sehr wohl bewusst und mir war auch klar, dass wir sehr behutsam mit Bettina umgehen werden müssen.

Als Bettina oben auf dem Pferd sass sagte ich zu ihr, dass wir zwei kleine Schritte vorwärts gehen würden, wobei sie sich an der Mähne festhalten könne. Ohne zu zögern griff sie nach dieser. Ich war sehr darauf bedacht, dass das Pferd keine allzu hektischen Bewegungen machte und bewegte meinen Körper deswegen ganz langsam nach vorne. Das Pferd hatte die Unsicherheit von Bettina schon längst gespürt und folgte mir deswegen bedächtig. Als Bettina aufschrie, zuckte ich zusammen und dachte schon sie wäre heruntergefallen. Bettina wurde lediglich über die Bewegung, welches das Tier mit seinem ganzen Körper ausgeführt hatte, eingeschüchtert.

Es vergingen unzählige Reitstunden, in denen wir uns lediglich gemütlich im Schritt bewegten. Wir versuchten Bettina immer wieder dazu zu animieren, dass sie selbst einmal versuchte, das Pferd zu führen. Doch sie hatte immer noch Angst, innerlich loszulassen und selbst zu agieren. Doch mit der Zeit summierten sich die kleinen Triumphe, was uns in unserer Tätigkeit nur noch mehr bestätigte. Wir wussten, dass wir auf dem richtigen Weg waren, auch wenn dieser lange und nur langsam beschritten werden konnte.

Nach einem Jahr hatte Bettina riesige Fortschritte gemacht. Sie durfte erstmals alleine reiten. Sie wurde nicht mehr von uns geführt, verblieb jedoch in der „Führzügel“-Reistunde. Der Grund dafür war und ist immer noch, dass sie in diesen Stunden keine Hektik verspürt und sich zudem zu einer der Besten innerhalb der Gruppe entwickelt hat. Ihr Selbstbewusstsein ist enorm gewachsen. Mittlerweile ist sie schon seit gut zwei Jahren bei uns. Was mir persönlich am meisten Freude macht, ist die Tatsache, dass sie mit uns vermehrt spricht. Anfangs war sie sehr schüchtern und ihre einzige Kommunikationsart bestand in einem kopf-bewegenden Bejahen oder Verneinen unserer Fragen. Mittlerweile kann man mit ihr ganze Gespräche führen. Ausserdem kann sie neue Aufgaben und Anforderungen schneller auffassen als früher. Sie ist imstande, kleine Springhindernisse zu bewältigen und dazu noch im Trab. Es wird noch eine Zeit lang dauern bis sie in die Kinderreitstunde wechseln kann, doch ich bin davon überzeugt, dass der Tag, an dem sie diesen Schritt wagen kann, kommen wird.

Link Fallbeispiel (Teil 2)

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