Fuchsjagd - eine Komödie in fünf Akten

Wenn es draussen herbstelet, das Wetter zwar kälter aber trotzdem sonnig wird und die Pferde etwas lüpfig werden, dann liegt für mich ganz klar eines in der Luft: Fuchsjagd!

Ja, fuchsjagdtechnisch konnte ich bisher schon so einige Erfahrungen sammeln. Jedes einzelne Mal war es ein Ereignis, auf das ich mich im Voraus immer total freute, mittendrin die Tatsache verfluchte, dass ich mir das antat und im Nachhinein meistens Schmerzen an den unterschiedlichsten Körperstellen hatte. Aber so lernresistent wie ich anscheinend bin, meldete ich mich bisher jedes Jahr wieder an irgendeiner Jagd an, um ein paar frische Nahtoderfahrungen zu sammeln -kleiner Spass (Bitte nehmt den dieswöchigen Text mit ganz viel Humor).

Da ich es dieses Jahr zur Abwechslung gemieden habe, mir irgendeine Anmeldung unter die Krallen kommen zu lassen, war ich nur als (verspäteter) Zuschauer dabei. Mir kamen aber nur schon beim Zusehen ganz viele, tolle Erinnerungen in den Sinn. Diejenigen aus einem ganz besonderen Jahr möchte ich heute in einem Bericht zur allgemeinen Belustigung mit Euch teilen. Vielleicht gibt dieser Text ja einigen unter Euch einen kleinen Einblick in die Struktur einer Jagd und einen Ausblick darauf, wie es manchmal auch ablaufen kann. Viel Spass! 

1. Akt: Die Besammlung

Wir schreiben eines der letzten vergangenen Jahre (nenne keine Einzelheiten, da sich sonst einige angesprochen fühlen könnten). Es ist der neblige Morgen eines herbstlichen Sonntages und ein paar verlorene Seelen streichen hoch zu Ross auf den Feldern des Föhrenhofes umher. Einige davon suchen den Fuchs vom Feld mit der verhängnisvollen Nummer sieben – nämlich mich. Artig rufe ich meine Nummer aus, begrüsse jeden meiner Gruppe mit einem kameradschaftlichen High-Five und strecke (natürlich nuur den Volljährigen!) ein Gläschen Weisswein zu. Das bringt Kreislauf und Laune in Schwung.

Nach kurzem Beschnuppern und Vorstellen erkläre ich den Ablauf und ermahne alle meine Reiter mit erhobener Peitsche –davon erhoffe ich mir ganz viel Autorität- dass das Überholen des Fuchses absolut untersagt ist. Durch den Weisswein leicht erheitert füge ich noch hinzu, dass jeder, der es trotzdem wagt zu überholen, der Gruppe eine Flasche "Wiiisse" spendieren muss. Alle lachen, mich eingeschlossen. Ich weiss zu dem Zeitpunkt nicht, dass mir das Lachen schon noch vergehen wird.

Während wir auf den Start warten, merke ich, dass meine Stute die restlichen Pferde mit interessiertem Blick abzuchecken scheint. Mein Trupp besteht aus einer bunten Mischung und dies nicht nur auf die Fellfarbe bezogen: Da hätten wir ein paar braune, scharrende Standart-Warmblüter, ein glotziges Ex-Rennpferd, dessen Beine so dünn sind wie meine Unterarme, einen schweren Irländer mit beängstigend viel Behang (paranoid wie ich bin, sehe ich ihn daran irgendwo an einem Ast hängenbleiben), einen hübschen Schecken, ein richtig fies aussehendes Pony und etwas, was meiner Meinung zufolge nach Fribi x Araber x Spanier aussieht. Dieser Mix erweckt auch deshalb mein helles Interesse, weil seine Reiterin im nächsten Augenblick verkündet, dass ihr Pferd noch gar nie gesprungen sei.

Ich, gerade dabei mir den Fuchsschwanz mit einer Sicherheitsnadel an der linken Schulter zu befestigen, steche mir vor Schreck schmerzhaft in den Finger und blicke auf. Erstmal Fuchsjagd reiten, fachsimpelt die Mix-Besitzerin zu ihrer Mitreiterin gewandt fort, dann wüssten die Fährden nachher schon um was es geht. Mein Finger schmerzt und ich sehe an einigen Gesichtern in der Gruppe, dass sie dasselbe zu denken scheinen wie ich. Die Bemerkung der Mix-Reiterin geht glücklicherweise rasch in wagemutige Wettgespräche über, wessen Pferd das schnellste sei und wer wen beim Finish über den Haufen reiten werde. Dem Pony scheint alles egal. Es guckt so böse, als würde es im nächsten Moment trotzig die Hufe vor der Brust verschränken.

2. Akt: Der Abritt

Pünktlich auf die Minute werden wir von einem Mann in knallgelb zum Start gewunken. Begleitet wird unser Abritt von den Klängen der Blaskapelle, die sich mit ihren grünen Uniformen herrlich im Landschaftsbild tarnt. Die fesche Marschmusik, welche die bärtigen Männer zum Besten geben, nimmt das Pony dann gleich dankend zum Anlass, um den ersten Buckelversuch zu starten. Zufrieden stelle ich fest, dass seine Reiterin sich solch spontane Einlagen gewohnt ist, denn sie hält sich wacker im Sattel. Das Pony gibt nach kurzem Widerstand resigniert auf und schaut noch böser als zuvor.

Der Rest der Truppe findet sich währenddessen in eine erstaunlich zivilisierte Zweierreihe hinter mir und meiner Stute ein. Kurz darauf geht ein fröhliches Geschnatter los, die Pferde schnauben aufgeregt und die Sonne wärmt wohlig unsere Rücken. Ich habe mich inzwischen auch beruhigt, weil meine Schäfchen reiterlich sowie persönlich einen ganz guten Eindruck machen und stimme mich in das Gelächter ein.

3. Akt: Die Jagd

Höflich aber bestimmt ermahne ich alle nochmals, dass es wirklich sehr uncool ist, wenn man überholt. Wir legen eine für alle passende Reihenfolge fest und nachdem wir eine Strecke im Schritt und Trab geritten sind, kommt schon das erste Feld mit den ersten Sprünge in Sicht. Ich werfe einen Adlerblick über die Schulter: alle noch da, alle in Formation –gut, Galopp!

Die ersten paar Galoppsprünge geniesse ich den Gegenwind und winke den Zuschauern. Hinter mir höre ich das rhythmische Donnern einer Horde galoppierender Pferde. Alles scheint nach Plan zu verlaufen...bis ich plötzlich beidseitig von einer Art Druckwelle getroffen werde: Der Irländer überholt mich in einem uneleganten Töltgalopp, bricht dann zu meiner Linken weg und wuselt mit gefährlich wehendem Behang Richtung Anhänger. Im gleichen Augenblick prescht eines der braunen WB’s rechts an mir vorbei. Offenbar Springpferd, schiesst es mir durch den Kopf, da das Tier wie besessen auf den Sprung zurennt. Ich blicke erneut über die Schulter, sehe, dass auch weitere Pferde im Begriff sind dem Beispiel der zwei Übeltäter zu folgen und bremse die Gruppe mit einem Handzeichen ab.

Obwohl ich wirklich kein Spielverderber sein möchte, halte ich kurz eine Standpauke. Aber offenbar ist der Ausdruck des „Galopps in Einerreihe“ für einige Pferde und Reiter ein sehr dehnbarer Begriff und so mausert sich meine Gruppe während der nächsten Felder zur absoluten Chaoten-Truppe. Das Motto: „ride it like you stole it“.

Noch so einige Male werde ich trotz mahnend erhobener Peitsche von allen Himmelsrichtungen her überholt.  Was nun? Einen, zwei oder gleich neun Zähne zulegen, um wieder an die Spitze zu gelangen? Oder lieber versuchen die restliche Gruppe unter Kontrolle zu halten? Ich entscheide mich für Letzteres, da es mir verantwortungsbewusster scheint und schicke einige Stossgebete zum Himmel, wenn wieder eines meiner Schäfchen in halsbrecherischem Tempo an mir vorbeizieht.

Während ich langsam ein bisschen den Spass an der Sache verliere, kommt der Fribi-Araber-Spanier-Mix immer mehr in Fahrt. Auf dem dritten Feld quasi crash-kurs-mässig eingesprungen, findet er offensichtlich so Freude an den Sprüngen, dass er nicht nur die aufgebauten Baumstämme in sagenhafter Manier nimmt, sondern auch gleich ein paar imaginäre Sprünge mit dazu. Weit zurückliegend höre ich seine Reiterin nur noch: „De Wahnsinn! ARRIBAAAA!“, kreischen.

Spätestens im vierten Feld wird mir ausserdem klar, warum man das Rennpferd nicht mehr auf der Bahn haben wollte. Obwohl es so glotzt, als würde es vor Spannung gleich explodieren, ist es eines der wenigen, das gesittet, ja man könnte fast schon sagen langsam, als Schlusslicht der Gruppe dahergecantert kommt.

Einige Male suche ich am Ende eines Feldes verzweifelt nach dem Schecken und stelle dann fest, dass ich ihn deshalb nicht ausfindig machen kann, weil dessen ursprünglich leuchtende Blesse und eigentlich schneeweisser Bug komplett geschwärzt sind von den Matschfontänen, die man abbekommt, wenn man hinter den überholenden Rennsemmeln reitet. Fast schon gleichmütig stelle ich fest, dass auch ich von Kopf bis Fuss mit einer fetten Schicht aus Dreck, Schlamm, Gras und Blättern überzogen bin und starte einen letzten, trägen Versuch meine Schäflein dazu zu bringen, wenigstens ein Feld in Formation zu bleiben.

Weil wir aber auch jedes weitere Feld so schnell überreiten, dass selbst der Fotograf Mühe hat, gescheite Fotos von uns zu schiessen, sind wir gegen Mitte der Jagd oft mit den früher gestarteten Gruppen gleichauf. Wehmütig darf ich dann einigen anderen Füchsen dabei zusehen, wie ihnen die Gruppe in einer hassenswert korrekten Gliederung und einem streberhaften Mindestabstand von eineinhalb Pferdelängen folgt. 

Während dem Mittagshalt werde ich zu allem Überfluss auch noch von einem älteren Ehepaar angequatscht, das mit der Autokolonne mitfährt, die der Fuchsjagd folgt. Wer denn der Fuchs von Feld sieben sei, da dort die Spitze ständig wechsle? Ich fühle mich etwas gekränkt, deute mit Müh und Not lächelnd auf meinen traurig wedelnden Fuchsschwanz und eile beschämt davon. In grossem Bogen vorbei am Pony, das angestrengt damit beschäftigt ist rumzustehen und das pferdige Pendant zu Grumpy Cat zu verkörpern. 

Der zweite Teil der Jagd verläuft nicht minder ereignisreich und gerade als ich das Gefühl habe, die schlimmsten Gesetzesbrecher meiner Gruppe seien langsam müde, beschliesst das Pony, dass heute doch noch nicht genug Ghetto gemacht wurde und zieht an. Wie ein frisch geborenes Fohlen bockt es am Rest der Gruppe vorbei an die Spitze und übernimmt die Führung. Doch zu seinem Pech hat es die Rechnung ohne den eingesprungenen Fribi-Araber-Spanier-Mix gemacht, der ihm dicht auf den Fersen folgt. Wie das Ganze ausgeht bekomme ich aber nicht mehr mit, weil mir aus heiterem Himmel eine Glocke entgegenfliegt, die mir trotz Ausweichmanöver hart gegen die rechte Backe klatscht.

Während des ganzen Desasters ackert meine Stute, die gute Seele, in einem unsitzbar hüpfenden Galopp brav über die Felder und Sprünge und ich bin ihr plötzlich sehr, sehr dankbar. Ihr und dem unnütz geglaubten Rudertraining, dem ich die Kraft in den Oberarmen zu verdanken habe. Trotz meiner schwächelnden Kraft und Motivation kommt plötzlich sogar etwas Heiterkeit auf und ich muss über das Ganze lachen. Statt Füchse jage ich heute Braune und Schecken! Auch gut!

4. Akt: Das Finish

Ungelogen bin ich sehr froh, als ich endlich die abgesteckte Finish-Strecke erblicke. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont! Als sich meine Truppe am Start in einer Linie nebeneinander aufreiht, fiebere ich voll mit. Welcher meiner Quatschköpfe wird Gruppensieger?

Die Fahne fällt, das Rennpferd verpasst den Start, weil es verträumt gen Himmel glotzt und das Pony startet viel zu früh. Feld Nummer sieben ist trotz der Rufe der Zuschauer, die sich über den Fehlstart des Ponys empören, nicht mehr zu bremsen, nein, das Geschrei spornt sie nur noch weiter an. Der Ire schafft endlich etwas, das nach Galopp aussieht, hat aber gegen den Mix und dessen heiser krächzende Reiterin keine Chance.  

In der Mitte der Strecke erwacht zu meinem Erstaunen in einem der braunen Warmblüter – in der Eile des Geschehens habe ich mir keine Mühe gemacht, die vier Braunen auseinanderzuhalten- irgendein verpennter Urinstinkt und er jagt mit aufgestelltem Schweif allen anderen um die Ohren. So haben wir einen überraschenden und überraschten Gruppensieger.

Da der Urinstinkt des Braunen beim Tages-Finish gegen die restlichen Gruppensieger auf mysteriöse Art und Weise wieder einschlummert, kann sich der röchelnde Braune aus Feld sieben leider nicht gegen den Rest behaupten. Er beendet aber das Rennen mit ein paar sauberen und ziemlich sicher ungewollten fliegenden Wechseln.

5. Akt: "Immer wieder dieselben Lieder"

Am Ende des Tages falle ich scheintot ins Bett. Ich bin mit den Kräften ziemlich am Ende und möchte nur noch schlafen. Einige Tage und Entspannungsbäder später bekomme ich per Mail die Fotos der Jagd (die meisten davon verschwommen). Ich sehe sie alle durch. Zwei-, dreimal. Mir kommen die fröhlichen Gesichter meiner Reiter in den Sinn, die mir beim Abschied grinsend verkündeten, dass das die – pardon- geilste Jagd war, auf der sie jemals waren. Ich lächle, als ich auf den Fotos den haarigen Irländer entdecke, das Grumpy Pony und die restlichen Pferde. In Gedanken durchlebe ich die Jagd nochmals. Erinnerungen fürs Leben. Ob mich vielleicht nächstes Jahr wieder das Fieber packt? Ich glaube schon! 

 (Bild: Sven Rudinsky. Conaya und ich geniessen eine Pause an der Fuchsjagd 2013 KVB Bünztal)

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(1) Kommentare

  • (Y)

    so geil XD

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