Flegelphase beim Pferd

Ich habe es schon immer gesagt, aber kaum einer will es mir glauben: Im süssen, braven Cornet steckt nämlich eine kleine Sau. Immer wieder bekomme ich zu hören, wie super er alles für sein Alter macht und wie anständig er ist. Meist sind alle hin und weg von seinem betrügerisch treuen Blick. Aber stille Wasser sind tief. 

Gerade erst letzte Woche ist er vier Jahre alt geworden. Mit jedem Tag merke ich, dass er stärker wird und in alle Himmelsrichtungen wächst. Zum einen freue ich mich, dass er endlich langsam nach Pferd aussieht, zum anderen merke ich, dass auch er sich seiner Kraft immer mehr bewusst wird. Und ich wittere, dass sich die Pubertät mit rasenden Schritten nähert...

Die Flegelphase beim Pferd ist vor allem in den jüngeren Jahren keine Seltenheit. Die Tiere werden erwachsen, stark und loten ihre Grenzen aus. Genauso wie es Teenager während der Pubertät tun. In dieser Zeit kann auch das liebste Kind auf einmal randalieren und sich zum Beispiel die Nase piercen oder eigenhändig die Haare mit Tinte blau färben (ja, jene zum Schreiben und ja, davon kann meine Mutter ein Lied singen).

Zugegeben ist es für mich ein leidiges Thema über die Flegelphase von Cornet zu schreiben, da dies irgendwo durch meine Autorität sehr in Frage stellt. Momentan werde ich nämlich bei allem was ich tue hinterfragt und meiner Fehler und Führungsqualitäten (sowie leider auch die Abwesenheit derer) unverblümt bewusst.

Naiv wie ich bin, habe ich wiedermal den Fehler gemacht, mich betreffend der Pferde-Pubertät in diversen Internetforen schlau zu machen. Und ich musste dann feststellen, dass ich im Vergleich zu den Leiden einiger anderer Pferdemamas dieser Welt, mit Cornet’s mentalen Aussetzern dann doch nicht so schlecht bedient bin. Und ich hoffe das bleibt auch so!

Trotzdem: Dass da was mit der Psyche vom lieben Cornet zu laufen scheint, merke ich sehr wohl. Ab und an glaube ich nämlich, dass mein Pferd plötzlich mit dem dritten Auge gesegnet wurde, da er auf einmal Dinge sieht, die sich mir absolut nicht erschliessen. Ausserdem durchlaufen wir, dank der gleichzeitigen Rosse ALLER Stuten im Stall, eine unterhaltsame Hengstphase. Es wird wie ein brunftiger Elch übers ganze Bünztal gebrüllt und man(n) lässt alles raushängen, was man so zu bieten hat. Wenn es dann aber drauf ankommt (Cornet kommt auch mit Stuten raus) dreht er sich mit unverständnisvoll hängenden Ohren vom - sagen wir mal „einladenden" und „willigen“ - Geschehen ab. Der Arme weiss wohl doch nicht so genau wohin mit all den Gefühlen. Oder es gibt auch jene Augenblicke, da drückt sein Opa Pilot wieder durch und ich komme in den Genuss eines Startfluges mit Oldenburg-Air. Fünf Minuten später ist er dann wieder das brave, folgsame Lämmlein, für das ihn alle halten.

Was ich in solchen Momenten mache? Drüber-Weg-Reiten. Auf Diskussionen lasse ich mich nicht ein. Denn so würde ich den Esel nur noch provozieren und wir wissen alle, wer so einen Zweikampf stärkemässig gewinnen würde. Gewalt fängt dort an, wo Wissen endet. Dagegen hilft nur arbeiten, beschäftigen, konsequent sein, bis es sitzt.

Dazu gehört für mich auch, dass ich vor allem jetzt ausgiebig lobe, wenn etwas klappt. Und ich sage mal ganz vorsichtig, dass die guten Momente die schlechten eindeutig überwiegen. Er soll sich weiterhin verinnerlichen, dass das Leben schöner ist, wenn er MIT mir arbeitet und nicht gegen mich. Zum Glück ist Cornet ein Pferd, das grundsätzlich gefallen möchte und sich nie bösartig widersetzt. Beim Reiten habe ich es mir angewöhnt, nach den Trainingseinheiten sofort abzusitzen und den Gurt zu lockern. Ich denke das ist die grösste Belohnung für ihn. Und ich bin mehr als froh, dass ich mir so lange Zeit genommen habe, um ihn vom Boden aus folgsam zu erziehen. Aber so wie das Leben halt ist, sieht in der Theorie alles einfacher aus als in der Praxis: diese ist durchzogen von Rückschlägen, in welchen man wieder zwei Schritte zurück machen muss, um allfälligen Trotz im Keim zu ersticken.

Mir dämmert es, dass ich auf unserem Weg noch sehr viel von, über und mit Cornet lernen werde. Und irgendwie freue ich mich darauf, auch wenn es wohl noch so einige Nerven und blaue Flecken kosten wird. Es wird die Reise meines Lebens.

 

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