Ein Pferdekoller-Abend

Vielleicht werde ich nach diesem Text meinen Namen ändern, das Land verlassen oder als Ausgestossene am Rand der Reitergesellschaft leben müssen, aber ich würde Folgendes gerne mal loswerden: Manchmal, da habe ich einfach keinen Bock über Pferde zu quatschen. 

Es ist nicht das erste Mal, dass mir so eine Bodenlosigkeit durch den Kopf geht, nein, in letzter Zeit hatte ich so einige, scheue Anflüge des „Pferdekollers“. Wirklich auffällig wurde es aber erst vor ein paar Wochen, als ich mich mit ein paar Reitermädels zu einem Schnatterabend ausserhalb von Stroh- und Heuballen verabredet hatte. Auf diesen Abend hatte ich mich im Vorfeld wirklich sehr gefreut und deshalb richtig viel Zeit damit verbracht, nach dem Reiten zu duschen, mich zu schminken und passende Kleider auszusuchen. Treffpunkt war eine mittelschicke Szeni-Bar und ich kam an diesem Abend mit leichter Verspätung. Dafür aber war mir mein Lidstrich so gut gelungen wie bisher noch nie im Leben, was bei meinen Freundinnen zum Glück anstandslos als Entschuldigung durchging. 

Dank meiner Verspätung stiess ich in ein bereits sehr angeregtes Gespräch. Es ging, wie so oft in den letzten Tagen, um Freundin 1’s Problemfall: Jörg (zum Schutz der Persönlichkeitsrechte sind die Namen im Text geändert). Auf den Jörg waren wir anderen immer total neidisch: brünett, sportliche Figur, ein kleiner Macho. Gleichzeitig aber auch sensibel und mit einem Blick, in den sich absolut jede verliebt hätte. Leider aber war es so, dass sich der bei Freundin 1 omnipräsente Holsteiner Wallach Jörg bei ihrem frisch angelachten Freund Jürgen in kürzester Zeit sehr unbeliebt gemacht hatte. Jürgen warf Freundin 1 nämlich vor, dass er immer mehr das Gefühl hatte, eher mit Jörg in einer Beziehung zu sein, als mit Freundin 1 und das sei nicht unbedingt in seinem Interesse. Kaum treffe er sich mit Freundin 1 zu einem romantischen Abend, leiere sie nur noch vom Pferd, den Sinn ihrer Whats-App-Nachrichten könne er nur dank der von Google herausgespuckten Rössli-Foren entziffern und sowieso sei sie für seinen Geschmack doch etwas zu sehr wendy.

Ja, man könne meinen, dass wir langsam alle mitbekommen haben, wie eigenartig Pferdemenschen in Beziehungen sind (spätestens nach Harriet Jensens „Reiter in Beziehungen“, das einige Monate in meinem Facebook-Newsfeed sein Unwesen trieb, da plötzlich jeder zweite das Gefühl hatte, Harriets Text zu paraphrasieren). Nur leider scheint die Ironie hinter den Beschreibungen nicht bis zu Freundin 1 durchgedrungen zu sein, denn am offensichtlichen Scheitern der Beziehung mit Jürgen sah sie bei sich keinerlei Schuld. Nach eigenen Angaben gäbe es sie halt nur im Doppelpack mit Jörg, und wenn auch der allerbeste Mann der Welt vom Himmel fallen würde und dann aber ein Problem mit Jörg hätte, würde sie ihn vom Augenblick des ersten negativen Kommentars zu ihrem Pferd keines Blickes mehr würdigen. Und da konnte nicht mal mein Versuch ihr liebevoll einzutrichtern, dass es auch so etwas wie Kompromisse gibt Abhilfe schaffen. Keine Chance.

Im Verlauf des Abends entpuppte sich auch das Pferd von Freundin 2 als richtiger Typen-Schreck. Pferd 2 war aber allem Anschein nach noch erfolgreicher im Männervertreiben, als Pferd 1, denn während Freundin 1 ab und zu noch von Job und ihrem neuen Auto erzählen kann, gibt es für Freundin 2 ausnahmslos nur Pferd 2. Und nachdem ich bereits einige Male mit ihr im Ausgang war, kann ich das auch so bestätigen. Kaum angetanzt und von einem Typ in eine lauschige Ecke abgeschleppt, ertappte ich sie dabei, wie sie den armen Buben nach einem höchstens zweiminütigen Flirt von den Abenteuern ihres letzten Geländetrainings berichtete. Anhand der lebhaften Gesten ihrer Hände und Füsse, konnte man ihr dabei sogar aus der gegenüberliegenden Ecke des Clubs Wort für Wort folgen. Und trotz solchem Ganzkörpereinsatz sieht es auch am Liebeshorizont von Freundin 2 nicht gerade heiter aus.

Zurück in der Szeni-Bar entglitt unser Gespräch in abwechselndes Wehklagen von Freundin 1 und 2, die darüber wetterten, dass es immer schwieriger werde einen Mann zu finden. Einen, der sich auch wirklich ehrlich und aufrichtig um die Interessen der Frau kümmere und nicht immer nur dem Einen nachhechle. Ich konnte es nicht lassen und warf ein, dass es aber auch schwierig ist mit Reitern zusammen zu sein, ob Beziehung oder Freundschaft, da wir schon sehr durch unsere Pferde eingeschränkt sind.

Leider brachte meine Aussage nicht den gewünschten Effekt, stattdessen wurde ich im nächsten Augenblick von Freundin 3 dafür beschuldigt, dass mir mein Pferd wohl peinlich und ich nicht genug emanzipiert sei, um für mein Hobby einzustehen. Ich entgegnete, dass es mir mein Hobby selbstverständlich keineswegs peinlich ist! Trotzdem bin ich sehr vorsichtig damit, wem und wann ich anderen von meinem Pferd erzähle, weil ich weiss, dass viele uns Pferdemenschen nicht verstehen. Und was man nicht versteht, das mag man doch automatisch irgendwie nicht so gut leiden, oder?

Danach versuchte ich noch einige Male, die Diskussion weg von Pferden und hin zu Belanglosigkeiten wie meinem ungewohnt gelungenen Lidstrich zu lenken, aber es half nichts. Offenbar nicht mal der Szenenwechsel von Stall zu Szeni-Bar. Die Pferde hatten uns fest im Griff. 

Meine Laune sollte sich im nächsten Augenblick weiter verschlechtern, denn als ich auf das leuchtende Display meine Iphones blickte, erhaschte ich einige Wortfetzen aus meinem Uni-Gruppenchat. Es ging um einen gemeinsamen Brunch, für welchen Datum und Uhrzeit gesucht wurde. Ich bekam nur noch mit, wie jemand schrieb, dass die Olga am Wochenende sicher keine Zeit hätte, da hocke sie bestimmt wieder irgendwo bei ihrem Pferd. Ich wusste, dass es nicht böse gemeint war. Aber leider hat die Erfahrung gezeigt, dass meine Pferde wirklich unangenehm oft ein Verhinderungsgrund sind. Und leider hatte ich auch an den bereits vorgeschlagenen Brunchdaten schon fix irgendwelche Ausritte oder Reitstunden geplant. Richtiger Mist! Dabei liebe ich das Brunchen doch so sehr!

Meine Stimmung war von diesem Zeitpunkt an leicht im Keller und als Freundin 4 - unbeirrt an ihrem Vodka-Lemon nippend - mit dem Thema Kotwasser und Möglichkeiten zu dessen Bekämpfung auffuhr (sie hat im Übrigen die ganze Palette an hausgemachten Mittelchen an ihrem durchfälligen Pferd 4 getestet und empfiehlt wärmstens die Beifütterung von Joghurt), hatte ich plötzlich das Gefühl, auch ein Jürgen zu sein. Den Abend hatte ich mir total anders vorgestellt und als ich in einem Anflug von Müdigkeit mein Gesicht in den Händen vergrub, merkte ich, dass mir trotz der ausgiebigen Dusche noch immer ein dezentes Lederfett-Düftchen in die Nase stach. Ja, die Pferde haben uns echt fest im Griff.

Später am Abend verliess Freundin 3 sehr plötzlich die Runde, weil sie noch dringendst bei Pferd 3 Fieber messen musste. Das Tier sei ihr heute etwas lasch vorgekommen, meinte sie, und das reiche als Symptom für eine mögliche Krankheit völlig aus, um mittelschwer in Panik auszubrechen. Dank der Abwesenheit von Freundin 3 kam irgendwann auch die stille Freundin 5 zu Wort. Gemeinsam mit Freundin 1,2 und 4 konnten wir Freundin 5 sogar aus der Nase ziehen, dass sie sich jetzt auch einen Schnitterich (Anm: männliche Form von Schnitte) angeschafft hatte, eine richtige 10 sogar! Freundin 1 wollte natürlich gleich wissen, ob Schnitterich ein ebensolcher Pferdehasser sei, wie ihr Jürgen. Und dann, mitten in der schon halbleeren Szeni-Bar, überraschte uns Freundin 5 mit unerwarteter Weisheit:

Das mit ihrem Pferd, das hätte sie ihm in kleinen Portionen beigebracht. Organisation sei in der Anfangszeit ihrer Beziehung das A und O gewesen, aber sie hat den Schnitterich und Pferd 5 mit viel Geschick strikt aneinander vorbeigebracht – bis Schnitterich es mit Freundin 5 so ernst gemein hatte, dass er es unbedingt auch mit Pferd 5 aufnehmen wollte. Und als er sie dann das erste Mal in Reitklamotten und Stiefeln gesehen hat, war es ohnehin um ihn geschehen.

Seit jenem Abend in der Bar ist Freundin 5 unser aller Guru. Auch ich habe mir ihre Taktik sehr zu Herzen genommen und den am Brunchdatum geplanten Ausritt geopfert und meiner Unifamilie zugesagt. Ein bisschen Überwindung hat es schon gekostet, aber dieser Brunch hat auf meiner Epic-Brunches-Skala ganz neue Massstäbe gesetzt. Und als mir Cornet am nächsten Tag aufgekratzt entgegengrummelte, war auch mein Pferdekoller wieder verflogen. 

Und was lernen wir daraus? Genau, manchmal ist weniger Pferd auch einfach mehr.

12278201_10207784929802103_2003555150_n

 

 

 

 

Das könnte Dich auch interessieren‚‚

(1) Kommentare

  • Treue

    Hat schon was wahres dran im Text.Meine Meinung ist,das Hobby verlässt einem nicht,dagegen ein Mann oder Frau schon.Ein Partner kann auch teuer sein im Unterhalt,voralem wenn er mehr oder weniger ame Arbeitslos ist(kenne Freundinnen denen es so ging

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.