Ein Fohlen aus der eigenen Stute- Teil 1: Der Besuch beim Hengst

Den Traum vom selbst gezogenen Fohlen aus der eigenen Stute hatten schon viele Pferdebesitzer. Das Kleine im Bauch der Mutter heranwachsen zu sehen ist eine tolle Erfahrung. Bei der Geburt dabei zu sein ein absolutes Highlight, welches man so schnell nicht vergisst. Und das Fohlen aufwachsen zu sehen ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Aber was muss beachtet werden und was heisst es denn überhaupt ein Fohlen aus der eigenen Stute zu züchten? Diesen Fragen und noch vielen mehr werden wir in der dreiteiligen Serie „ Ein Fohlen aus der eigenen Stute“ auf den Grund gehen.

Der Besuch beim Hengst

Der Besuch beim Hengst ist eine ganz spannende Angelegenheit. Bevor es jedoch überhaupt soweit ist, muss der passende Vater für das Fohlen ausgewählt werden. Unzählige Hengste der verschiedensten Rassen stehen einem zum Decken zur Verfügung. Ganz klar ist bei dieser grossen Anzahl an potentiellen Vätern die Auswahl nicht ganz einfach. Und so wird bereits die Hengstwahl zur grossen Herausforderung. Beim einen Hengst ist man von der Optik begeistert. Bei anderenvon der Leistung und der Nächste besticht durch seinen hervorragenden Charakter. Es braucht daher Zeit und Geduld, den passenden Hengst auszuwählen. Die Auswahlkriterien sind von Person zu Person verschieden und unterscheiden sich auch zwischen Privatperson und Züchter. Bei der ganzen Euphorie der Hengstselektion darf nicht vergessen werden, dass auch die Mutter eine entscheidende Rolle spielt. Die Faustregel besagt, dass das Fohlen rund 70% der Gene seiner Mutter und nur 30% seines Vaters vererbt. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit,ein top Fohlen aus einer unterdurchschnittlichen Stute zu erhalten, relativ gering ist. Daher ist es für Züchter wichtig, gutes Stutenmaterial im Stall stehen zu haben.

Hat man sich für einen Hengst entschieden, beginnen die ganzen Vorbereitungen und Abklärungen. Je nach Standort und Angebot des Hengstes stehen einem eine künstliche Besamung oder der Natursprung zur Verfügung. Beide Arten der Besamung haben ihre Vor- und Nachtteile.Die Vorteile der künstlichen Besamung, sei es Frisch- oder Tiefgefriersamen sind die grössere Hygiene, das geringere Risiko von Deckinfektionen, die grössere Auswahl an Erbgut und die geringere Verletzungsgefahr. Beim Natursprung dagegen wird die Stute besser stimuliert und nimmt unter Umständen besser auf. Denn durch den Hengst werden die Anzeichen der Rosse gefördert, was sich positiv auf die Befruchtung auswirkt. Ebenfalls ist die Verwechslungsgefahr des Erbgutes geringer. Welche Besamungsvariante bevorzugt wird, hängt stark von der persönlichen Einstellung ab, sowie auch von den rassetypischen Gewohnheiten oder Vorschriften. In der Freibergerzucht ist der Natursprung oder besser gesagt das Decken an der Hand noch üblich. Rund 98 % der Freiberger in der Schweiz werden an der Hand gedeckt. Jedoch ist auch von vielen Freibergerhengsten Tiefgefriersamen erhältlich. Von den Warmblutpferden werden in Deutschland rund 80% künstlich besamt. Bei den Vollblut- Rennpferden hingegen ist die Besamung auf künstlichem Weg nicht erlaubt.

Die Stuten sind mit etwa 18 Monaten geschlechtsreif. Die Zuchtreife erlangen sie aber je nach Rasse erst mit drei Jahren oder sogar noch später. Pferde sind saisonal fortpflanzungsaktiv, da die Fohlen unter Wildbedingungen im Frühjahr und im Sommer die beste Überlebenschance hätten. Die Zuchtsaison dauert daher etwa von April bis September. Auch hier gibt es rassenabhängige Unterschiede. Der Sexualzyklus der Stute wird hormonell gesteuert und kann in die Rosse und Zwischenrosse unterteilt werden. Die mittlere Dauer des Zyklus beträgt zwischen 21-22 Tagen. Die Dauer der Rosse ist sehr unterschiedlich und kann durch viele Faktoren beeinflusst werden. Wie zum Beispiel durch die Tageslänge und deren Lichteinflüsse oder die Temperatur. Eine durchschnittliche Rosse dauert jedoch ca. sieben Tage. In dieser Zeit muss die Stute vom Hengst belegt werden. Beim Natursprung und dem Decken an der Hand wird die Rosse durch das Fecken überprüft. Dabei lässt man den Hengst am besten durch ein Fenster die Stute beschnuppern, kneifen und liebkosen. Zeigt die Stute eine deutliche Rosse, ist sie bereit für den Deckakt. Die Rosse ist durch das häufige ablassen von weisslich gelbem Urin, das vermehrte anheben des Schweifes und das Öffnen und Schliessen der Scheide zu erkennen.

Der Natursprung ist wie der Name schon sagt, der natürliche Weg der Fortpflanzung beim Pferd. Die beiden Tiere werden bei dieser Variante gemeinsam auf die Weide oder einen Paddock gelassen, wo sie sich ungestört fortpflanzen können. Rund 95% der im Natursprung gedeckten Stuten nehmen auf. Beim Decken an der Hand werden beide Tiere festgehalten. Der Sprung an der Hand ist die älteste aller Reproduktionsmethoden in der Pferdezucht. Aufgrund des geringen Aufwandes und der einfachen Infrastruktur ist diese Methode ebenfalls die kostengünstigste. Die Züchter lassen den Hengst erst bei erfolgter Erektion des Penis auf die Stute aufspringen. Der anschliessende eigentliche Deckakt ist nur von kurzer Dauer und muss bis zur Ende der Rosse mindestens alle 48 Stunden wiederholt werden. Um die Verletzungsgefahr für den Hengst zu senken, werden viele Stuten gebunden. Das Binden ist eine sehr umstrittene Massnahme, Pferde am Ausschlagen zuhindern und wird von vielen Leuten nicht gern gesehen.

Seit rund 25 Jahren hat die Bedeutung der künstlichen Besamung in der Pferdezucht deutlich zugenommen. Der Samen wird durch einen Tierarzt oder eine Fachperson in die Gebärmutter der Stute eingeführt. Bei dieser Reproduktionsmethode hat das Muttertier keinen Kontakt zum Vater des Fohlens. In der Schweiz werden rund 35% der Warmblutstuten mit Kühlsamen belegt und weitere 35% mit Gefriersamen. Die Tendenz, Gefriersamen von erfolgreichen Hengsten zu nehmen, steigt stetig.

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