Ein Angsthase Auf Vier Hufen: Was kostet das Leben oder auch Stellenwert Pferd?

Wie ihr vielleicht bereits bemerkt habt, ist es etwas ruhiger um mich und meine Tiere geworden…

Seltener sind die Blogeinträge geworden und wenn dann bestimmt nicht aus der persönlichenAngsthasen- Kolumne. Dies hat neben dem stressigen Alltag welchen wir natürlich alle stetig bewältigen müssen vor allem ein Grund: zugegebenermassen trug ich wohl gleich seit dem Start ins neue Jahr ein weiteres Trauma mit mir rum, weshalb dieser Blog möglicherweise etwas mit der eigenen Bewältigung eines seelischen Traumas zu tun hat. Bisher fühlte ich mich dazu noch nicht in der Lage, weshalb ich mich gerne mit Themen befasste, welche mich (und vor allem meine Tiere) nicht betrafen. 

Für den Start ins neue Jahr setzt man sich gute Vorsätze, hofft dass alles besser wird, doch damit dass der Jahresbeginn für mich so misslingen könnte, hätte ich damals noch nicht gerechnet. 

Eigentlich begann das Drama schon an den Weihnachtsfeiertagen. Genauer gesagt genossen wir am 24. + 25. Dezember noch gemütliche Ausritte und der Schock kam dann am 26. Frühmorgens. 

Ich bemerkte zuerst gar nichts, denn als ich wieder einmal viel zu spät in den Stall stürmte und gleich zu Gipsy eilen wollte um sie für die geliebte wöchentliche Stangenstunde vorzubereiten, wieherte Special mir wie gewohnt zur Begrüssung zu. Ich vertröstete ihn mit „Michel kommt dich auch gleich holen“, was er dann jedoch nicht konnte. Als ich Michel’s bleiches Gesicht sah, als er zu Gipsy und mir in den Stallgang kam, wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung ist, denn, wenn ich schon hysterisch reagiere, meint er jeweils nur: „mal abwarten“.  Also liess ich sofort alles stehen und liegen und hetzte zu Special’s Box, welcher mich natürlich wieder freudig begrüsste, doch dann sah ich es: Er konnte sich KEINEN Millimeter bewegen und über bzw. an seinem linken Karpalgelenk war eine riiiiiiesige Schwellung. Tausende Gedanken schossen mir in den Kopf und am liebsten wäre ich tot umgefallen. Natürlich rief ich sofort den Tierarzt (welcher bestimmt erfreut war an Weihnachten um 6.00 Uhr aus dem Bett geklingelt zu werden) und befürchtete das Schlimmste. Ein Bruch konnte glücklicherweise schnell ausgeschlossen werden, da er das Bein voll belasten, jedoch nicht biegen konnte. Gefühlte 20 Spritzen später (aber wenigstens nicht die erwartete EINE Spritze), meinte der Tierarzt wir müssen abwarten und schauen wie sich das Fieber und das Bein mit dem Antibiotika & Co. entwickeln würde. 

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Das war bis dahin der schlimmste Tag in meinem Leben, doch dabei wusste ich nicht, dass es  (abgesehen von dem Tag der Erlösung) nochmals schlimmer kommen könnte. 

Special ist der grösste und stärkste Kämpfer den ich kenne. Obwohl wir ihn an diesem Tag aus dem Kübel von Hand füttern mussten, da er ja nicht zum Trog laufen konnte, freut er sich dennoch uns zu sehen. Am nächsten Tag traute er sich dann schon ein paar Schritte zu gehen und der Tierarzt war erstaunt, dass wir ihm sogar aus der Box entgegen kommen konnten. Er untersuchte ihn nochmals und empfahl uns dann so viel wie möglich mit ihm zu gehen, sofern er dies auch wollte, damit sich die Schwellung zurück bilden konnte. Dies zogen wir dann auch eine Woche durch und dann merkten wird, dass sich zwar das Ödem langsam zurück bildete, jedoch hatte er immer noch einen starken Beugeschmerz aufgrund eines „Knubbels“ am Karpalgelenk, weshalb dieser dann vom Tierarzt punktiert und ins Labor eingeschickt wurde, um zu sehen ob es sich in dieser Flüssigkeit bereits Bakterien gemütlich gemacht haben. Die niederschmetternde Auswertung bestätigte dies leider, weshalb klar war, dass ein Eingriff vorgenommen werden muss. Unklar war jedoch noch, ob dieser von unserem Tierarzt im Stall durchgeführt werden kann, oder ob Special dafür doch in die Klinik muss. Da Special mit seinen hohen Alter natürlich ein Risikopatient war und eine Operation so nahe an einem entzündeten Schleimbeutel nicht gerade eine Kleinigkeit ist, entschieden wir gemeinsam, dass wir dies den Spezialisten überlassen. 

Am 11. Januar war es dann so weit und ich war wohl noch nie so aufgeregt, versucht mich jedoch „im Griff“ zu haben, da ich Special nicht verängstigen wollte. 

In solchen Momenten war ich besonders froh, dass er gerne Anhänger fährt und er nicht noch zusätzlichen Stress mit Verladeschwierigkeiten auf sich nehmen musste. Er stieg also auch an diesem Tag (trotz meiner Verzweiflung) brav ein und wunderte sich einfach, weshalb wir Gipsy für unseren Ausflug zu Hause liessen. 

In der Klinik angekommen bemerkte er auch, dass dies wohl nicht ein solch schöner Ausflug wird, wie wenn wir beispielsweise im Sommer baden gehen, denn wir waren ringsherum von nervösen Pferde und noch nervöseren Besitzer umzingelt.

Bereits bei der Ankunft gab es schon viel zu sehen. 

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Nachdem ich bei der Anmeldung gefühlte 100x seinen Jahrgang (1987) bestätigen musste und auch darüber gewitzelt worden war, dass er ja älter als ich (1989) sei, erfuhren wir dann endlich, wo wir ihn für die ersten Untersuchungen hinbringen durften.  

Dort wurde dann auch gleich eine erste Anamnese erstellt und Special sollte gleich seine Laufkünste unter Beweis stellen, denn noch war ja noch nicht klar, ob die Infektion vielleicht schon aufs Gelenk übergegangen war. 

Der Stein, welcher mir vom Herzen gefallen ist, musste man bis nach Hause gehört haben, als die Oberärztin meinte „Wenn einer SO laufen kann, dann ist das Gelenk eindeutig nicht infiziert“. Natürlich wurde dann auch gleich noch ein Ultraschall gemacht und dort entdeckte man dann eben, dass es sich dabei nicht um (wie bis dahin gedacht) Vereiterungen handelte, sondern um fibröses Gewebe, welches operativ entfernt werden musste.   

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Special beim Ultraschall

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 Danach hiess es nochmals gedulden, bis ein entsprechender Operationsplatz frei wurde und dann ging es auch schon los. Aufgrund meiner Wunschberufswahl (Tiermedizinische Praxisangestellte) hatte ich beim Schnuppern bereits viel gesehen, weshalb mir das viele Blut nichts ausmachte. Was mir jedoch gar nicht gefiel, war der rüpelhafte Umgang mit meinem Senior. Da er (meiner Meinung nach) zu fest sediert wurde, mussten wir ihn zeitweise zu viert festhalten, dass er nicht umfiel und dies wurde mit Schlägen auf den Kopf unterstütz. Dass dies dazu diente, den Augenreflex usw. war mir natürlich klar, jedoch nicht noch mit zahlreichen Ringen an den Fingern, welche auf den knöchernen Schädel einschlagen. Irgendwie war ich in Trance, oder hatte Angst, dass ich ihm nicht mehr beistehen kann, wenn ich mich beschweren würde, sodass ich es wie versteinert mit ansah. Als er dann etwas wacher wurde und wieder auf seinen eigenen vier Beinen stehen konnte, wurde es mir dann doch seelisch zu viel, weshalb ich kurz raus musste (für einen kurzen aber heftigen Heulkrampf). Als ich dann zurückkehrte, stellte ich erleichtert fest, dass sich das Pflegepersonal gerade im Schichtwechsel befand, weshalb auch der Umgang deutlich besser wurde.  

Special schlug sich deutlich tapferer, als ich es tat

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Für Special ging derweilen ein ganz anderer Kampf los, doch dazu muss ich kurz ausholen. Es gibt Pferde, welche ihr Geschäft (Urin) nur zu Hause vollbringen können. Special gehört leider dazu, weswegen er sich sichtlich unwohl fühlte, als ihm immer wieder kleinere „Missgeschicke“ passierten. Auch der Eimer welchen ich ihm bei drunter hielt (als seine Blase drohte zu platzen), verschaffte keine Erleichterung. 

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Deshalb blieb auch meine Angst, dass er nach diesem üblen Tag vielleicht nicht mehr einsteigen wollte, unbegründet, denn er wollte nur noch nach Hause und rannte uns fast um, als er den Eingang des Anhängers entdeckte. 

Nachdem wir über die weitere Therapie in Kenntnis gesetzt worden waren, welche zu meinem Erstaunen ohne zusätzliche Schmerzmittel verlaufen soll, machten wir uns dann auf den Heimweg.  

Als angehende Tierheilpraktikerin war ich natürlich auch erleichtert, dass die Ärztin eine weitere Antibiotika- Gabe als unnötig einstufte. 

Wieder zurück im Stall konnte es Special natürlich nicht schnell genug gehen, weshalb es ihm wohl auch nicht aufgefallen ist, dass er vorübergehend in Gipsy’s Box (welche ebenfalls noch nichts von ihrem „Glück“ wusste) einquartiert wurde, denn solang er einen kompletten Verband besitzt, galt strikte Boxenruhe. Nicht nur für Special war es ein langer Tag, auch wir waren durch die Anspannung fix und fertig. Dennoch malte ich mir natürlich wieder das Schlimmste aus, was passieren könnte, wenn ich den frisch operierten Senior einfach alleine lassen und nach Hause gehen würde. Deshalb war ich Michel natürlich mehr als dankbar, als er anbot, in der Nacht nochmals nach ihm zu schauen! <3

Nach der "Erleichterung" wurde gleich wieder Gefressen, als wäre nichts gewesen (zu meiner Freude) 

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Am nächsten Tag kam dann unser Tierarzt die Wunde begutachten und von da an begann die „Spülprozedur“, welche anfangs glücklicherweise vom Tierarzt selber übernommen wurde, da ich wohl bei jeder kleinsten Veränderung (ob positiv oder negativ) in Panik geraten wäre. Auch wurde der Verband gewechselt, sodass er nun aus zwei Teilen bestand, sodass wir gleich schon wieder etwas Schritt führen durften. Dies ging die nächsten fünf Tage so weiter, bis wir das „OK“ vom Tierarzt für etwas Trab bekamen am 6. Tag. 1.5 Wochen nach der Operation durften wir dann zum ersten Mal wieder raus ins Gelände (spazieren), da der Winter glücklicherweise noch etwas auf sich warten liess. Special hatte es dringend nötig, da er langsam den „Hallenkoller“ kriegte und auch die frische Luft tat ihm natürlich nicht nur fürs Gemüt gut. Und so konnten wir ihm wieder mehr Abwechslung bieten und gleichzeitig das Training steigern. Am 23.1. wurde er dann in Absprache mit dem Tierarzt wieder etwas (aus dem Sattel aus) gearbeitet. Dies überliess ich zuerst Michel, da ich 1. wollte dass er nicht gleich schwer tragen musste und 2. konnte ich mir vorstellen, wie viel „Freude“ sich während der Schonzeit angestaut hatte. Dies wurde dann auch gleich mit einer Bockeinlage während des Angaloppierens zum Ausdruck gebracht ;-). 

Ein paar Tage später kam dann die Drainage raus und ca. 1 Monat nach der Operation traute auch ich mich dann wieder auf einen gemeinsamen Ausritt mit ihm. 

Ich war sehr froh, als die Drainage raus konnte, denn die Säuberung wurde immer schwieriger...

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Zu diesem Zeitpunkt dachte ich: „Jetzt wird alles gut, denn das Gröbste ist überstanden“, was ich im Anschluss während seiner Genesungsphase nie mehr traute zu denken, denn genau dann stürzte er beim Spazieren (ohne auch nur den kleinsten ersichtlichen Grund, abgesehen von seiner eigenen Schusseligkeit) und riss die ganze Operationswunde nochmals auf. 

Stellenwert (altes) Pferd

Da wurde ich zum ersten Mal richtig wütend. Natürlich nicht auf meinen Tollpatsch, sondern auf mich. Hatten die Anderen doch Recht und es war einfach nicht mehr „lohnenswert“ bzw. ist der Aufwand nicht mehr gerechtfertigt oder gar tragbar? Und auch wenn mir während dieser Zeit immer wieder unbegreifliche Blicke zugeworfen wurden, oder mich Aussagen wie „er ist doch schon alt, willst du wirklich noch so viel Geld in ihn investieren“ versuchten zu verunsichern, bin ich heute dennoch der Meinung, dass es sich IMMER lohnt. 

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Natürlich muss vorher immer abgewogen werden, ob dies im Sinne des Tieres ist und ob man im Notfall auch auf einen finanziellen Hintergrund zurückgreifen kann. 

Generell finde ich, dass die Pferde heutzutage viel zu schnell einfach ausgetauscht werden. 

Pferd springt nicht mehr – Pferd wird (ohne medizinische Untersuchung) ausgetauscht, sogar schon bevor es nach dem letzten Stopp sich wieder in seiner Box befindet. 

Das Pferd verletzt sich am Turnier und muss für mehrere Monate pausieren, doch dies wird es wohl nicht mehr beim gleichen Besitzer tun, denn bevor die Saison vorbei ist, wurde es bereits ersetzt. 

Natürlich möchte ich nicht alle Reiter in den gleichen Topf werfen, aber leider stelle ich wirklich je länger je mehr einen solchen „Trend“ fest.  

Aber vielleicht „ticke“ ich hier halt auch etwas anderes, denn egal was für Ziele gesetzt werden, diese bestimme ich immer zum Wohle der Familie, wozu das Pferd für mich nun mal dazu zählt! 

Doch ab wann verliert ein Lebewesen seinen Stellenwert? Sollten wir einem treuen Gefährten nicht erst recht dankbar sein, für die geleistete Arbeit, die gemeinsam erreichten Ziele, sowie die vielen schönen gewonnenen Erinnerungen? Für mich habe ich mit jedem neuen Familienzuwachs bereits die Entscheidung getroffen: Solange das Tier genügend Lebenskraft und auch den Willen zeigt, tue ich alles mir Mögliche, um dem Tier zu helfen. 

Special begleitet mich schon fast 15 Jahre. 

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Hier zeige ich euch gerne nochmals seinen Heilungsverlauf (und das als CUSHING - Pferd!) auf, damit soll allen Pferdebesitzern Mut gemacht werden!

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Ich weiss, dass der Tag aller Tage irgendwann eintreffen wird, doch bis dahin geniesse ich (jetzt noch intensiver) jeden weiteren geschenkten Tag mit meinem geliebten Seelenpferd und nehme auch die (dank ihm) täglich dazukommenden grauen Haare auf mich ;-) 

Mit Special wird es einem nie langweilig, denn er weiss uns täglich neu zu beschäftigen. Hier bei einer seiner "Flucht" aus der Box. :P

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Bis bald – euer Angsthase!

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