Die Welt als Pferd wahrnehmen Teil I: so fühlen und reagieren Pferde

Vom Wesen der Pferde
Pferde brauchen die Gesellschaft von Artgenossen. Ihnen ist es nicht nur wichtig diese zu sehen, zu hören sowie zu riechen – auch Körperkontakt muss möglich sein.

Die Rangordnung regelt das Leben in der Herde. Und bei jeder neuen Bekanntschaft – ob Pferd oder Mensch, haben Pferde das Bedürfnis, die Rangordnung zu klären. Dabei kann es durchaus auch zu Auseinandersetzungen kommen. Ist die Rangfolge jedoch einmal geklärt, so gehen Pferde einem Konflikt wenn möglich aus dem Weg. 

Den grössten Teil des Tagesverlaufs eines Pferdes in der freien Wildbahn, nimmt die Nahrungssuche ein. Deshalb schadet es den Pferden nicht nur seelisch, sondern auch körperlich, wenn sie 24 Stunden am Tag in der Box stehen müssen.

Normalerweise stellen sich Pferde einer Gefahr nur, wenn ihnen jede Möglichkeit zur Flucht genommen wird. In dem Fall wehren sie sich mit Hufen und Zähnen.

So fühlen Pferde
Pferde sind keine Sportgeräte, die nur Hunger, Durst, Müdigkeit und Schmerz verspüren.  Sie kennen auch tiefgründige Emotionen wie zum Beispiel: Aufregung, Freude, Zuneigung, Unlust, Langeweile, Angst usw. und sind zu einem gewissen Mass auch fähig, die Gefühle ihres menschlichen Gegenübers zu erfassen und darauf zu reagieren.

Wie die meisten von euch sicherlich beim Reiten gemerkt haben, haben Pferde einen sehr ausgeprägten Tastsinn und eine sensible Haut.
Bei manchen Pferden reicht eine leichte Berührung bereits für eine rasche Reaktion. 

Gerade diese Woche habe ich Special (der Senior) auf der Weide beobachtet, wie ihn eine kleine Mücke auf dem Rücken störte, wenn ich ihm Schenkelhilfen gebe, tut er jedoch so, als ob er erst ein festes Drücken wahrnehmen könnte, dabei spürt er Fliegenbeine bereits im Fell und ist somit eigentlich allesandere als unempfindlich. 

Ein anderes Phänomen ist die unterschiedliche Wahrnehmung von gleichen Gegenständen. Heute ist der farbige Blumentopf unscheinbar und morgen löst er einen „Schnauben-Drachen-Panikanfall“ beim Pferd aus.

Für den Mensch ist dies nicht ganz nachvollziehbar. Will das Pferd uns ärgern, oder geben wir die falschen Hilfen?
Dabei ist die Erklärung viel einfacher: Die Pferde nehmen nämlich die Welt anders wahr als wir. Da sie weniger Farben, jedoch deutlichere Kontraste sehen. Ebenfalls können Pferde nicht mit räumlicher Tiefe sehen. Sie hören Geräusche, die ausserhalb unseres Frequenzbereichs liegen (abgesehen von einem „Fluchtmenschen“ wie mir ;-)) 

Deshalb sollten wir im Training gezielt ihre Sinne ansprechen. 
Für den feinen Tastsinn sind verschiedene Sinneszellen zuständig, die mechanische Kräfte in Nervenerregung umwandeln (Mechanorezeptoren), weshalb die Berührungen der Haut direkt ans Gehirn weitergeleitet werden. 
Weitere Rezeptoren informieren die Schaltzentrale im Pferdekopf über Form und Härte von Gegenständen, Vibration, Hautdehnung, Temperaturempfindungen und Schmerz.
Da diese Rezeptoren am Körper unterschiedlich dicht verteilt sind, reagiert das Pferd an manchen Stellen wie der Gurtlage emp­findlicher als etwa an der Kruppe.

Nach Verletzungen der Haut ist es besonders sensibel: Denn auch noch lange, nachdem die Wunde an der Gurtlage geheilt ist, kann das Pferd beim Putzen zicken. 

Special beispielsweise hatte vor ca. sechs Jahren eine Wunde am Wiederrist, welche durch einen Sattedruck entstanden ist. Noch heute versucht er eine Schabracke durch Zittern des Rückens zu verschieben, weil er Angst hat, dass ihm der Sattel wieder Schmerzen zufügen könnte.

So reagieren Pferde
Ein gut ausgebildetes Pferd kann feinste Berührungssignale unterscheiden. Es weiss genau, ob der Schenkel am oder hinterm Gurt ist.
Wenn es nicht auf feinste Signale reagiert, ist es nicht körperlich unemp­findlich, sondern es versteht das Signal nicht, ist stark abgelenkt, akzeptiert den Menschen nicht als  Führungsperson oder hat gerade Angst. 

Ich habe auf eher fleissigen Pferden reiten gelernt, weshalb es für mich klar ist, dass ich das Pferd mit einer „feinen“ und eher ruhigen Hand reite, sowie mit den Beinhilfen sparsam umgehe.
Meine Gipsy reagiert ebenfalls ziemlich prompt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich etwas nur DENKEN muss und sie führt es dann sofort aus.

Dies wurde meiner guten Freundin Karin dann auch zum Verhängnis, da sie sich eher „treibige“ Pferde gewohnt ist und Gipsy auf ihr Klammern mit immer erhöhender Geschwindigkeit reagierte. Leider habe ich diesen wohl doch ziemlich amüsanten Augenblick nicht mit erlebt, aber da unsere Reitlehrerin immer wieder gerne davon erzählt, fühlt es sich an, als wären wir live dabei gewesen, weil wir es uns ziemlich gut vorstellen können, wie unsere Gipsy mit Karin durch die Halle flitzte.

Bessere Kommunikation zwischen Mensch & Pferd
Mit groben Hilfen wird ein Pferd nicht sensibler, sondern es wird nur das bisherige Vertrauen zerstört.

Besser wendet man konsequent die gleiche Reihenfolge an: 

-Berührungssignal (der Druck sollte immer gleich bleiben, da das Pferd sonst immer unsensibler wird und dann stärkere Berührungsreize benötigt).

-Reaktion des Pferds

-Belohnung (muss nicht immer Futter sein, meine Stute geniesst auch ein Lob durch meine Stimme, oder wenn die Berührung/Druck endet, wenn sie richtig reagiert).

Natürlich muss das Training vor allem auf die Sinneswahrnehmung der Pferde abgestimmt werden. 

Ein eher faules Pferd wird durch den dauerhaft treibenden Schenkel desensibilisiert. Es muss lernen, dass sich Vorwärtsgehen lohnt, weil die Hilfen dann aussetzten.

Ein eher nervöseres Pferd entspannt hingegen, wenn man die Hilfen sanft, aber konsequent einsetzt.

Gerne gehe ich in einem weiteren Blog noch genauer auf die anderen Sinne (Seh- und Hörfähigkeit etc.) der Pferde ein. 

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