Das Reiterklischee


Dass wir Reiter ein bisschen in unserer eigenen Welt leben, wurde mir vor drei Wochen einmal mehr ganz deutlich vor Augen geführt. Ich habe zu Ehren von Cornet einen Baby-Apéro organisiert. Es kamen ganz viele Gäste und es ergab sich eine gute Mischung aus Reitern und Nicht-Reitern. Es war ein toller Tag, den ich sehr genossen habe.

Während ich mit meinen Reiterkollegen mit ernster Miene über Abstammung, Ausbildungsstand oder Ähnliches fachsimpelte, waren die Gespräche mit den Nicht-Rösselern bei Weitem unterhaltsamer. Mit einem Gast unterhielt ich mich eine gute Stunde lang darüber, wie es denn so ist, wenn man eine „Rösslifrau“ist. Seine Meinung ist, dass Rösslifrauen pausenlos über ihre Rösser labern, nur im Stall rumhängen und überall Pferdehaare mit sich tragen. Ein Klischee, mit dem ich schon oft konfrontiert wurde.

Ich persönlich versuche in solchen Situationen nicht gleich eingeschnappt zu sein, sondern in Ruhe zu erklären, wie das ganze von eigenen Standpunkt aus aussieht. Wenn Leute Fragen stellen, zeugt das von Interesse. Und ich für meinen Teil finde es super, wenn sich jemand für mein Hobby interessiert.

Ja, ich muss gestehen, dass, wenn man sich länger mit mir unterhält, irgendwann das Thema Reiten aufkommen wird. Ist halt einfach so. Denn immerhin betreibe ich ein Hobby, das extrem zeitintensiv und emotional ist. Mein Tagesplan ist geprägt vom Pferd, denn als ich das Reiten als Sport gewählt habe, musste ich lernen viel Verantwortung zu tragen. Verantwortung für ein Tier, dass mich braucht. Das soll jetzt nicht herzig und so rüberkommen, aber es ist Fakt: Das Pferd als Lauftier braucht Bewegung, Arbeit. Ich als Reiter muss dafür sorgen, dass es diesen Bedürfnisse nachkommen kann. Und es reicht einem Pferd niemals, wenn es ein Stündchen easy spazieren gehen kann. Auch steht das Pferd, wenn ich in den Stall komme nicht schon fixfertig parat, sodass ich mich nurnoch raufschwingen kann. Zuerst wird noch geputzt, gesattelt und gezäumt. Wiederum meine Aufgabe.

Hochgerechnet bin ich an einem normalen Tag unter der Woche mindestens drei Stunden im Stall. Muss ich mehr als ein Pferd reiten oder ins Training fahren, dann noch länger. Und das nach der Arbeit oder Uni. So gesehen stimmt es, dass wir Reiter viel im Stall „rumhängen“. Aber das gehört einfach dazu. Und ein Rumhängen ist es sowieso nicht. Die Arbeit mit dem Pferd und um das Pferd ist psychisch und physisch sehr anspruchsvoll.


Ganz oft habe ich schon gehört: Bleib doch zuhause, du bist schon so müde. Die Pferde können einen Tag ohne dich auskommen. Auch das ist ein Punkt, den viele Nicht-Reiter meist nicht nachvollziehen können. Denn so einfach ist es nicht. Wenn man sich dazu entscheidet so ein Tier zu haben, sei es als das Eigen oder als  Reitbeteiligung, völlig egal, dann muss man ein immenses Stück Zeit dafür aufopfern. Wir Reiter haben eine Verpflichtung, und können diese nicht nach Lust und Laune wahrnehmen oder eben wieder nicht. Und ja, manchmal muss man sich wirklich überwinden, trotz einem langen Arbeitstag in den Stall zu fahren.

Obwohl ich voll zum Reiten stehe, versuche ich immer darauf zu achten in welcher Gesellschaft ich in welchem Mass vom Reiten und den Pferden erzähle. Denn nur auf’s Reiten reduziert werden will ich auch nicht. Ich habe noch viele andere Interessen, denen ich zwar nicht so stark nachgehe wie dem Reiten, aber auch diese kommen nicht zu kurz. Und eben, viele können die Leidenschaft für den Pferdesport sowieso nicht wirklich gut nachvollziehen. Aber das ist für mich okay. Ich könnte dafür nicht 90 Minuten lang einem Ball nachrennen. Oder zuschauen wie es andere tun.

Ich finde es schade, dass unser Hobby oft unterschätzt wird. Denn es ist wirklich kein Zuckerschlecken. Aber das, was wir den Pferden geben, bekommen wir in den meisten Fällen hundertfach zurück. Und das macht das Reiten so einzigartig und für mich zum schönsten Hobby überhaupt. 

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