Das perfekte Pferd?

Vor ein paar Tagen hat mir eine ebenfalls reitende Bekannte mitgeteilt, dass sie sich jetzt auch ein junges Pferd zulegen will. Ich war zu diesem Zeitpunkt, dank eines geschwollenen Cornetbeines ungewisser Ursache, mitten in einem Stimmungstief. Meine Gedanken gingen ohne meinen sonst so rationalen Verstand wandern und ich grübelte schon den ganzen Tag darüber, für welchen meiner Fehler mich das Karma mit diesem Cornetbein bestraft.

Deshalb blickte ich meine Bekannte wohl etwas zu entsetzt an und meinte halb dramatisch, halb belustigt: Wirklich? Sieht das denn etwa so nach Spass aus, was ich hier gerade durchmache?

Wie ich in einem der letzten Texte geschrieben habe, habe ich neben geschwollenen Cornetbeinen auch sonst alle Hände voll mit einer Sache zu tun, die ich Pferdepubertät nenne. Wir durchleben Stimmungsschwankungen von fast schon lächerlicher Motivation, wobei man gerne schonmal gleich zwei Trabstangen auf einmal nimmt, bis hin zu Stadien absoluter Ignoranz: Was ist das da an meinem Bauch? Ein Bein? Könnte auch eine Fliege sein. Mal genervt mit dem Fell zuckeln, vielleicht hört es auf. Und weil er auch noch ein Bub ist, wird auf der Weide ständig mit dem 1,82 grossen „Kumpel“ um die Gunst der zottligen Shettystute gerauft, wie zwei wülde Hengste in der Prärie. Daher wohl auch das angelaufene Cornetbein. Ich habe ja zum Glück sonst keine Sorgen im Leben.

Meine Bekannte, völlig unbeeindruckt von meinem hysterischen Redeschwall, meinte daraufhin trocken: Ja klar. Mit einem jungen Tier kannst du dir ja dein perfektes Pferd formen!

Ein perfektes Pferd, was ist denn das und wo kriege ich so eins? Gemäss meiner Bekannten handelt es sich dabei um etwas, was sich für mich nach dem stereotypischen "Selbstfahrer“ anhört: Das perfekte Pferd ist brav und mault nicht rum, auch wenn der Reiter mal fies, unfähig oder ängstlich ist. Es kann alle Dressurprogramme auswendig, nachdem man sie so zwei, höchstens drei Mal zuhause geritten ist. Im Parcours braucht man dem perfekten Pferd nur den Sprung zu zeigen und bis zur Landung kann man dann nur noch das Beifahrersein und den Gegenwind geniessen. Die Gänge des perfekten Pferdes sind schwungvoll und trotzdem so bequem zu sitzen wie ein Ledersessel. Idealerweise hat das perfekte Pferd ein einzigartiges Exterieur (mindestens ein Black Beauty), hat keine Angst vor gar nichts, ist trotzdem extrem vorsichtig und ehrgeizig. Es wird niemals ernsthaft krank und stirbt in hohem Alter friedlich und rasch an einem Herzinfarkt auf der Weide.

Geschockt von so viel Realitätsfremdheit meinte ich nur, dass solche Pferde dafür a)sauteuer und b)meistens bisschen blöde sind, weil sie wahrscheinlich auch ohne zu hinterfragen von der Klippe springen würden und zog genervt von dannen.

Wie immer wenn mich etwas aufregt, liess mich das Gespräch nicht los und ich musste mich unweigerlich fragen: ist dieses Bild eines perfekten Pferdes wirklich mein Ziel mit Cornet? Das beschriebene Bild ist ja nicht grundsätzlich schlecht. War ich deswegen etwas entnervt von dieser Vorstellung, weil Cornet und ich noch weit davon entfernt sind? Ich will nicht motzen, er ist noch jung und muss das alles noch gar nicht können. Die Tatsache, dass ich es gerade selber in der Hand habe wie Cornet später wird, ist aber wahr und etwas beängstigend. Ich bin mir bewusst, dass er in meinen Händen nie sein volles Potential wird ausschöpfen können. Trotzdem versuche ich alles in meiner Macht stehende, um meinen Job „perfekt“ zu machen. Aber so ein Pferd soll Cornet einfach nicht werden! So ein Pferd möchte ich nicht.

In Gedanken versunken musste ich daraufhin feststellen, dass es sich bei mir mit Pferden ein bisschen so verhält wie mit meiner Präferenz bei Freunden. Mit meinem perfekten Pferd möchte ich diskutieren! Ich möchte ein Gegenüber mit Charakter, um mich auch mal zoffen zu können. Streitigkeiten sehe ich deswegen positiv, weil so ein Dialog entsteht und man gezwungen wird eine Lösung zu finden, die für beide passt. Ich brauche ein Pferd, das mich fordert und fördert. Um ehrlich zu sein, möchte ich aber am Ende des Tages dann doch diejenige sein, die Recht hat.

Wenn ich mit dem perfekten Pferd arbeite, möchte ich mich nicht anstrengen. Damit meine ich nicht das oben beschriebene Reiten, bei dem ich eigentlich gar nichts machen soll. Vielleicht tönt es jetzt völlig seifig, aber kennt Ihr das Gefühl, wenn das Pferd auf Eure Hilfen zu hören scheint, bevor ihr sie überhaupt gegeben habt? Solch ein zwangloses Verständnis ist mein Ziel und macht für mich das Ganze perfekt.

Mein perfektes Pferd braucht ausserdem Talent! Ich brauche keinen Dresden Mann um glücklich zu werden, trotzdem will ich stolz auf mein Tier sein. Mein Herz hängt zwar am Springen, aber wir werden das machen, worin Cornet’s Stärken liegen und er mir am ehesten anbietet. Zur Zeit bietet er mir zwar weniger irgendwelche sportlichen Leistungen, sondern meistens eher mit voller Kraft voraus eine der verstochenen Schultern oder das Fudi zum Kraulen an... aber ich bin da zuversichtlich. Konkret meine ich den Punkt aber so, dass ich Cornet in seinen Talenten fördern und nicht meinen eigenen Kopf durchsetzen will. Von mir aus reite ich auch die nächsten zwanzig Jahre Gymkhana oder schubse Kühe. (Ich hoffe mein Karma wird durch so viel Selbstlosigkeit wieder rein?)

Ja, das perfekte Pferd sollte bestenfalls nicht ständig kränkeln. Am liebsten wäre uns allen doch ein möglichst robuster Gefährte, der nicht jedes Wetter fühlt und nach der ersten Schneeflocke sofort flachliegt. Ich möchte auch mal im Wald einen Baumstamm nehmen oder einen kurzen Trab auf dem Asphalt einlegen, um ein Auto zu umreiten. Aber Krankheiten haben die blöde Angewohnheit, dass man sie im Voraus einfach nie vollkommen ausschliessen kann. Und wir Frauen leiden ja alle irgendwo durch chronisch am Helfersyndrom, sodass manche von uns auch ein Krüppelchen ins Herz schliessen.

Und am Ende des Tages hat das perfekte Pferd auch keine Farbe. Lange Zeit war ich felsenfest der Überzeugung, dass ich NIE! NIEMALS! einen Braunen haben werde. Und was habe ich jetzt? Genau, ihr wisst ja schon…

 

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