Das Micklem Bridle – ein Erfahrungsbericht

Mit Trends in der Reiterwelt ist es so, wie überall sonst auch – meist verschwinden sie ebenso schnell wieder, wie sie gekommen sind.  So habe ich mir zunächst auch nichts dabei gedacht, als vor geraumer Zeit auf Facebook und in diversen Reiterforen immer mehr Fotos von Pferden auftauchten, die mit dem sogenannten „Micklem Bridle“ der Firma Horseware geritten wurden. Erst, als die Begeisterungsstürme nicht abzunehmen schienen, und die Zäumung auch nach Monaten noch in aller Munde war, beschloss ich, mich doch einmal etwas genauer darüber zu informieren. Im folgende Blogbeitrag könnt ihr lesen, wie es mir bei meinen Recherchen ergangen ist, und ob ich mittlerweile ebenfalls zum Kreis der „Micklem-Fans“ gehöre.

Das Aussehen

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Ein Blick auf die Zäumung durfte genügen um sich darüber klar zu werden, dass sich das Micklem Bridle nicht in erster Linie auf Grund seines Aussehens so gut verkauft. Ich muss gestehen, dass ich es – als Liebhaberin von Lacktrensen mit möglichst breitem Nasenband – zunächst ziemlich gewöhnungsbedürftig fand. Die Zäumung ähnelt einem feinen Kappzaum und ist je nach Ausführung in schwarz oder braun mit goldenen oder silbernen Beschlägen erhältlich. Anders als viele der anderen „anatomischen Reithalfter“, die sich mittlerweile auf dem Markt tummeln, ist es allerdings relativ unaufdringlich und zeichnet sich dadurch aus, dass vergleichsweise wenig Leder am Pferdekopf ist. Das Micklem wird in sämtlichen Ausführungen in vier Grössen angeboten, nämlich in Pony, Vollblut, Warmblut und Extra Warmblut. Hierbei sei zu erwähnen, dass es gerade im Bereich des Kinnriemens relativ klein ausfällt und Extra Warmblut dementsprechend längst nicht nur für Pferde mit Elefantenschädeln geeignet ist.

 

Die Wirkungsweise

Die Firma Horseware schreibt in ihrer Broschüre, dass das Micklem Bridle so geschnitten sei, dass es jeglichen Druck auf die empfindlichen Stellen des Pferdekopfes vermeide und so verhindere, dass dort Schmerzen oder Taubheitsgefühle entstünden. Konkret bedeutet das Folgendes: Wie diverse andere Zäumungen auch, verfügt das Micklem Bridle über eine breites, anatomisch geformtes Genickstück, das für eine gleichmässige Druckverteilung in diesem empfindlichen Bereich sorgt. Das Backenstück ist so geschnitten, dass es nicht auf dem Jochbein des Pferdes zum Liegen kommt und somit keinen Druck auf diese empfindliche Partie ausübt. Der Nasenriemen ähnelt zunächst dem eines hannoveranischen Reithalfters, liegt allerdings wesentlich höher als selbiger. Das führt gemäss Horseware dazu, dass er weder auf den bei Pferden sehr sensiblen Nasenknochen drückt, noch die zahlreichen motorischen und sensorischen Nerven reizt, die sich in dieser Region des Pferdekopfes befinden. Der Schliessriemen für den Nasenriemen ist wiederrum so angebracht, dass er sich etwa auf der Höhe befindet, auf der bei englischen Reithalftern der Sperrriemen zum Liegen kommt. Da bei Pferden der Oberkiefer wesentlich breiter ist, als der Unterkiefer haben sie hervorstehende Backenzähne. Wird der Nasenriemen so verschlossen, wie bei einem herkömmlichen englischen oder schwedischen Reithalfter, wird Druck auf genau diese Backenzähne ausgeübt. Das Micklem Bridle hingegen lässt diesen Bereich komplett frei. All das soll dazu führen, dass Pferde mit dem Micklem Bridle wesentlich entspannter laufen, vertrauensvoller ans Gebiss treten und besser den Weg in die Tiefe suchen. Bei sämtlichen Ausführungen werden ausserdem zwei Paar sogenannte „Gebiss-Clips“ mitgeliefert, die das Gebiss im Maul fixieren und eine Umverteilung des Zügeldrucks weg von der Zunge auf die Nase bewirken sollen. Aber Achtung: Die Clips sind auf Turnieren nicht zugelassen!

 

Die Modelle

Als ich begann, mich für das Micklem Bridle zu interessieren, konnte man es in zwei Ausführungen erwerben – als Multi Bridle oder als Competition Bridle. Mittlerweile hatte Horseware allerdings ein Herz für „Fashion-Victims“ wie mich, und hat mit dem „Diamant Competition Bridle“ und dem „Deluxe Competition Bridle“ noch zwei Modelle auf den Markt gebracht, die optisch um eigenes ansprechender sind, als ihre Vorgänger. Da sie sich jedoch in ihrer Wirkungsweise nicht vom ursprünglichen Competition Bridle unterscheiden, werde ich hier nur die zwei Grundmodelle vorstellen.

 

Das Multi Bridle

Das Micklem Multi Bridle zeichnet sich dadurch aus, dass man es nicht nur als normale Zäumung, sondern ausserdem auch als Kappzaum sowie in drei verschieden gebisslosen Varianten verwenden kann. Diese Varianten werden so verschnallt, dass sie in ihrer Wirkung vom Lindel  bis hin zum Crossover Bitless Bridle eine unterschiedlich scharfe Einwirkung auf das Pferd ermöglichen. Das Zubehör für die gebisslosen Varianten ist beim Kauf dabei. In Folge dessen hat das Multi Bridle einen etwas breiteren Nasenriemen, als das Competition Bridle, in den ausserdem in der Mittel ein Ring eingelassen ist, an dem man eine Longe befestigen kann. Auch die Ringe, mit denen der Nasen- mit dem Schliessriemen verbunden ist, sind etwas breiter, damit die gebisslosen Varianten problemlos verschnallt werden können.

 

Das Competition Bridle

Das Competition Bridle unterscheidet sich vom Multi Bridle lediglich dadurch, dass es nicht möglich ist, es gebisslos oder als Kappzaum zu verwenden. Dadurch, dass der Ring auf dem Nasenriemen fehlt und die Verbindungsringe zwischen Nasen- und Schliessriemen kleiner sind, wirkt es optisch etwas ansprechender und dürfte somit für Reiter, welche die Zäumung sowieso nur fürs Reiten mit Gebiss verwenden möchten, die erste Wahl sein. Die Beschläge des Competition Bridles sind ausserdem silberfarben, während die des Multi Bridles goldfarben sind.

 

Obschon der Name anderes vermuten lässt, ist übrigens nicht nur das Competition sondern mittlerweile auch das Multi Bridle an sämtlichen Turnieren zugelassen.

Meine Erfahrungen

Kommen wir nun zum wohl wichtigsten Teil meines Berichts, nämlich zu meinem eigenen Erfahrungen mit dem Micklem Bridle. Ich begann mich dafür zu interessieren, da mein eigenes Pferd sehr sensibel am Kopf und ziemlich heikel in der Anlehnung ist. Da er exterieurbedingt ausserdem eher Mühe damit hat, sich fallenzulassen, beschloss ich, es einmal mit dem Mickelm Bridle zu probieren. Obschon mir das Competition Bridle optisch besser gefällt, entschied ich mich damals für das Multi Bridle. Meine Überlegung war, dass ich, sollte Qugel nicht gut darauf laufen, so immerhin noch einen Zaum zum gebisslosen Reiten sowie fürs Longieren hätte.

 

Mein erster Eindruck des Zaums war positiv – das Leder ist weich und scheint von guter Qualität zu sein. Der Zaum wird vollständig zusammengebaut geliefert, allerdings war bei mir damals das Genickstück falschherum eingebaut. Das sollte man also auf jeden Fall noch einmal kontrollieren, bevor man ihn verwendet. Das aller erste Mal verwendete ich den Zaum in der Reitstunde, dort noch ohne Gebissclips, da ich wollte, dass sich mein Pferd langsam daran gewöhnen konnte. Zunächst einmal bemerkte ich keinen allzu grossen Unterschied, doch schon im laufe der Stunde schien es mir, als sei Qugel leichter im Genick, und am Ende der Stunde streckte er sich sehr schön vorwärts-abwärts, was durchaus keine Selbstverständlichkeit bei ihm ist. Meine Reitlehrerin war auf jeden Fall schon mal sehr angetan. Als ich das nächste Mal ausreiten ging, schnallte ich zum ersten Mal die Gebissclips ein – und war begeistert. So gut hatte mein Pferd noch nie den Weg in die Tiefe gesucht! Als ich versuchte, mit den Gebissclips dressurmässig zu reiten, verflog meine Begeisterung allerdings schnell. Sie sind sicherlich gut für Anfänger, da das Gebiss quasi nur noch pro forma im Pferdemaul liegt, aber eine differenzierte Hilfengebung ist so eigentlich nicht möglich. Für Laien sah es von Aussen wohl gut aus, wenn ich Qugel mit diesen Clips geritten habe, tatsächlich jedoch hatte ich gefühlte 100'000 Kilo in der Hand, da er seinen Kopf komplett auf den Nasenriemen stütze. Dass dies der Fall war bewiesen mir auch die schwarzen Abdrücke, die der Zaum immer dann auf seinem Nasenrücken hinterliess, wenn ich die Clips eingeschnallt hatte. Spasseshalber schnallte ich das Gebiss dann mal aus, und ritt nur mit den Zügeln am Nasenriemen. Das fühlte sich genau gleich an, wie mit den Clips – von aussen fanden es alle beeindruckend, dass mein Pferd auch ohne Gebiss „am Zügel“ lief, gefühlt hatte ich bei dieser Art des Reitens aber das gesamte Eigengewicht meines Pferdes in der Hand. Da diese Art von gebissloser Zäumung ausserdem gar nicht für das Reiten in konstanter Anlehnung entwickelt wurde bin ich der Meinung, dass auch die Clips nicht verwendet werden sollten, wenn man ernsthaft Dressur reiten möchte. Sie schonen zwar die Maulwinkel, lassen die Zügelhilfen aber sehr undifferenziert ankommen und erschweren es eher, eine leichte und konstante Anlehnung zu erarbeiten.

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Nachdem ich die Clips allerdings wieder ausgeschnallt hatte, konnte ich schnell markante Verbesserungen beim Reiten feststellen. Ich verwende das Micklem Bridle nun seit bald einem Jahr, und seither lässt sich Qugel viel besser und konstanter in Dehnungshaltung reiten, tritt fleissiger ans Gebiss heran und allgemein hat sich die Qualität der Anlehnung deutlich verbessert. Auch meine Reiterlehrerin, die mein Pferd ausserdem regelmässig in Beritt hat, ist der Meinung, dass er damit deutlich besser läuft, als früher. Natürlich ist das Micklem Bridle keine Wunderwaffe und ersetzt keinen guten Reiterunterricht, aber ich persönlich bin überzeugt, dass diese Zäumung für die Pferde deutlich angenehmer ist, als herkömmliche Reithalfter.

Mittlerweile habe ich mir auch die Zeit genommen, alle gebisslosen Varianten einmal durchzutesten. Hier muss ich ganz klar betonen, dass sich meiner Meinung nach keine der Varianten dazu eignet, in Anlehnung zu reiten, und zumindest ich sie durchweg für lockere Ausritte im Gelände verwendet habe. Daher kann ich auch nicht viel mehr sagen, als dass sie sich problemlos so verschnallen lassen, wie das Prospekt es verspricht, denn um die Wirkungsweisen zu beurteilen, bin ich auf dem Gebiet der gebisslosen Zäumungen nicht versiert genug.

Einzig und allein der Kappzaumvariante gegenüber bin ich etwas skeptisch eingestellt. Ich verwende das Micklem in dieser Form (ohne Gebiss, das könnte man ja auch drinnen lassen) öfter mal, um Bodenarbeit zu machen, in die ich dann auch kleinere „Longierelemente“ einbaue. Hierfür ist es bestens geeignet und eine gute Alternative gegenüber dem Stallhalfter, das ich sonst verwendet habe. Mit einem richtigen Kappzaum lässt es sich allerdings nicht vergleichen. Sobald man nämlich etwas Zug auf der Longe hat, sei es weil man etwas Stellung geben will oder weil das Pferd mal dagegen zieht, beginnt das Micklem Bridle zu verrutschen. Da es deutlich leichter ist, als ein normaler Kappzaum, und der Nasenriemen bei weitem nicht so massiv, lässt es sich nämlich schlichtweg nicht so gut am Pferdekopf fixieren, wie ein solcher. Für Pferde, die mit dem oft doch beträchtlichen Gewicht eines Kappzaums nicht so gut zurecht kommen, kann es zwar eine gute Option sein, allen anderen empfehle ich aber, sich zum „ernsthaften“ Longieren doch lieber noch einen guten Kappzaum zu holen.

Fazit

Im Endeffekt kann ich das Micklem Bridle also uneingeschränkt weiterempfehlen! Natürlich muss man sich vor dem Kauf im Klaren sein, dass es nicht zaubern kann, und dass sich Probleme damit nicht einfach in Luft auflösen werden. Auf jeden Fall aber ist die Zäumung sehr pferdefreundlich und hält, was sie verspricht – nämlich ein zufriedeneres Pferd. Ob man sich nun für das Multi Bridle oder für eine der Varianten des Competition Bridles entscheidet, sollte man wirklich nur davon abhängig machen, ob es einem wichtiger ist, auch mal gebisslos reiten zu können, oder ob man lieber ein optisch etwas ansprechenderes Modell haben möchte.

 

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Ich hoffe, der Bericht konnte euch etwas Klarheit darüber verschaffen, was es mit dem ominösen Micklem Bridle so auf sich hat. Ich zumindest bin für ein Mal froh, dass ich mich dazu habe hinreissen lassen, einen Trend mitzumachen. Mein Pferd dankt es mir auf jeden Fall!

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