Das Leittier in mir

Dank meines dreijährigen Sprösslings Cornet beschäftigt mich das Thema Pferdeausbildung jeden Tag. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, wie intensiv und spannend die Arbeit mit jungen Pferden ist. Gleichzeitig bringt sie auch viel Verantwortung mit sich. Trotzdem – für mich gibt es nichts Schöneres! Vor allem wenn man, wie in meinem Fall, das eigene Pferd von Anfang an begleiten kann.

Vermehrt wurde ich darauf angesprochen zu erzählen, was ich denn jetzt so mit ihm mache. Cornet wird circa alle drei Tage ganz leicht geritten, sei es auf dem Platz, in der Halle oder wir drehen eine begleitete Runde im Gelände. Mindestens einen Tag pro Woche hat er olgafrei. Ausserdem wird er ab und zu longiert, worauf er sehr gut anspricht.

Die restlichen Tage vertreiben wir uns die gemeinsame Zeit mit Spazieren, Kopfarbeit (er apportiert besser als jeder Labrador) oder Desensibilisierungstraining. Dabei bestimmt Cornet das Tempo: macht er etwas gut, gibt’s eine Pause oder gleich Schluss. Kapiert er etwas nicht, wiederholen wir die Übung. Mein Ziel ist es, ihm die nötige Kraft, die Ausdauer, das Gleichgewicht und vor allem den Spass an der Arbeit mit mir zu vermitteln. Alles in Allem befinden wir uns noch ganz am Anfang. Ganz besonderen Wert lege ich darauf, dass ich immer konsequent bin. Konsequent zu sein ist aber etwas, das viel leichter geschrieben als getan ist! Mit diesem Thema möchte ich mich heute etwas näher auseinandersetzen.

Konsequenz wird oft mit Kompromisslosigkeit verwechselt. In meinem Umfeld gibt es Reiter, die ihr Pferd psychisch und physisch so zusammenpferchen, dass es an Tierquälerei grenzt. Wir kennen das alle. Kurz gesagt: Das Pferd soll nur funktionieren. Der Reiter ist absolut autoritär und stellt sich und seine Bedürfnisse in den Vordergrund. Und es sind nicht immer nur Turnierreiter, die so sind!

Konsequenz kann aber auch ins andere Extrem fallen: Ich kenne zum Beispiel ein Pferd, das beim Reiten selber wählen darf wo es entlanglaufen möchte. Dazu bestimmt es auch noch nach Lust und Laune das Tempo und ist in der Folge ein frecher Rotzbängel, der einem wortwörtlich die Haare vom Kopf frisst. Da es einfach tut, was es will, wird es dann noch stolz als „charakterstark“ bezeichnet. Solche Reiter kann ich einfach nicht so ganz ernst nehmen.

Und irgendwo dazwischen suche ich nach dem richtigen Mass.

Für mich persönlich bedeutet Konsequenz, dass ich auf bestimmte Verhaltensweisen von Cornet immer gleich reagiere. Das kann entweder ein Lob oder eine Strafe sein. Soweit die Theorie.

In der Praxis gestaltet sich das etwas komplizierter. Ich kann von Cornet noch nicht erwarten, dass er einwandfrei gehorcht. Meiner Meinung nach hat er als junges, unerfahrenes Pferd Anspruch auf eine gewisse Kulanz meinerseits. Wenn er zum Beispiel vor einem nie zuvor gesehenem Traktor scheut, toleriere ich das. Schlussendlich muss er aber vorbeilaufen und zwar an der Stelle und in der Geschwindigkeit, die ich bestimme. Es muss, in meinen Augen gesehen, jederzeit klar bleiben, wer bestimmt. Und das ist echt nicht immer einfach!

Vor ein paar Wochen habe ich einem Nicht-Reiter-Freund von meinem Projekt „Cornet“ erzählt. Er meinte daraufhin, wie faszinierend er es fände, wenn es so grosse, starke Tiere zulassen, dass wir ihnen befehlen was sie tun sollen. Was für ein interessanter Gedanke! Meine Antwort darauf war: Weißt du, Pferde sind Herdentiere, die von Natur aus einem Leittier folgen. Sie brauchen diese Führung, dann fühlen sie sich wohl und sicher. Dieses Gespräch habe ich bei der Arbeit mit Cornet seither immer im Hinterkopf. Ich MUSS konsequent sein, damit ich ihm möglichst klar und eindeutig vermittle, was ich will und was nicht. Ich muss das Leittier werden, damit unser Team funktioniert.

Immerzu konsequent zu sein ist halt manchmal schwer, weil ich es zu meinem geliebten „Baby“ sein muss. Aber es dient dazu, die Beziehung weiter zu stärken. Und so gesehen tönt das doch schon ganz motivierend!

Natürlich kann man sich nicht immer durchsetzen, denn schliesslich bleibt ein Pferd immer ein Pferd. Bestes Beispiel zu dieser Einsicht bot mir ein Ereignis letzter Woche. Dieses geschah an einem dieser grauen Sonntagmorgen. Ein leichter Nebelschauer lag über der Wiese und meine Ausreitbegleitung und ich hatten gerade erst wenige hundert Meter vom Stall hinter uns. Es kam so bilderbuchmässig, dass ich es nicht erwartet hatte. Ein parkiertes Auto, das Cornet sicher schon fünf Mal gesehen hat, war Anlass genug. Wie aus der Pistole geschossen, riss er einen fiesen Haken nach rechts. Mein „BRRR“ kam natürlich viel zu spät und schon ging’s los. Cornet gab alles. Wie ein Kaninchen hüpfte er mit mir, quasi nur noch als Ballast, übers offene Feld. Drei Autos waren angehalten um meine kläglichen Klammerversuche zu beobachten. Zwei Power-Walker suchten unterdessen schleunigst das Weite. Nach einigen Sekunden verlor ich den Kampf gegen die Schwerkraft. In majestätischer Manier flog ich von meinem Pferd, dem elendigen Verräter.

Und da sieht man’s. Wir stehen noch ganz am Anfang. Solche Situationen werden wir noch oft erleben und dann daran arbeiten. Cornet’s vollen Respekt und Vertrauen muss ich mir erst noch verdienen. Und ich hoffe doch sehr, dass ich für meine Bemühungen mit ihm bald zum Leittier befördert werde.

Das könnte Dich auch interessieren‚‚

(0) Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.