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Danke Qugel! Oder: Was ich alles von meinem Pferd gelernt habe.

Auch wenn man es bei den aktuellen Temperaturen nicht so richtig glauben mag – Weihnachten rückt immer näher. Und Weihnachten ist, wie wir ja alle wissen, nicht nur die Zeit der Tannenbäume, des konstanten Überfressens und der Familienfehden, sondern auch die Zeit der Dankbarkeit. Gerade jetzt, am Ende des Jahres, sollten wir einmal zurückblicken und uns darüber klar werden, wie viel Gutes wir Tag ein Tag aus in unserem Leben erfahren dürfen. Wenn ich mir überlege, wofür ich dankbar bin, dann kommt mir, nebst einigen anderen Dingen, vor allem eins in den Sinn: Mein liebes, braves, tolles und – im Grossen und Ganzen – gesundes Pferd.  Seit bald fünf Jahren zaubert er mir nun schon Tag für Tag ein Lächeln aufs Gesicht, und auch wenn trotz seines Spitznamens natürlich nicht immer alles kugelrund bei uns läuft, so kann ich doch sagen, dass die positiven Zeiten klar überwiegen. Ich habe in den letzten Jahren viel erlebt und dabei viel mit und – vor allem – von meinem Pferd lernen dürfen.

Daher habe ich beschlossen, dass es nun an der Zeit ist, mal eine Liste all der Dinge zu erstellen, in denen mir mein Pferd ein besonders guter Lehrmeister war. Viel Spass beim Lesen!

1. Vertrauen

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Jeder,  der schon mal auf einem Pferd gesessen hat weiss, dass dieser Umstand bedeutet, dass man einen grossen Teil seiner Selbstbestimmtheit an das Pferd unter einem abgibt. Es ist sicher nicht verkehrt zu sagen, dass man zum Reiten eine gute Portion Mut braucht. Vor allem aber benötigt man die Fähigkeit, seinem pferdischen Partner zu vertrauen. Wer immer nur argwöhnisch überlegt, was sein Pferd wohl als nächstes tun könnte und stets darauf bedacht ist, ja die Kontrolle behalten zu wollen, der wird dem Reitsport wohl nicht lange treu bleiben. Ich persönliche gehöre von Natur aus auch eher zu der Sorte Menschen, die gern alles im Griff haben und alles kontrollieren wollen. Mittlerweile habe ich allerdings gelernt, dass diese Einstellung im Umgang mit meinem Pferd fehl am Platz ist. Man könnte beinahe sagen, dass man es beim Reiten ständig mit sich selbst erfüllenden Prophezeiungen zu tun hat. Reite ich nämlich auf eine potenzielle „Gefahrenquelle“ zu, und nehme ich bereits hundert Meter vorher die Zügel auf weil ich mir sicher bin, dass mein Pferd sich vor dieser erschrecken wird, so wird dies mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit auch so passieren. Mir persönlich hat die Erfahrung gezeigt, dass wenn ich davon ausgehe, dass mein Pferd auf mich aufpasst, und dass mir auf seinem Rücken nichts passieren kann, tatsächlich auch nichts passiert. Ich vertraue Qugel so weit, dass ich bedenkenlos ohne Zaumzeug Reiten gehe und beim Reiten und im Umgang niemals Angst habe, er könne uns mit einer unbedachten Aktion gefährden. Natürlich ist ein Pferd ein Fluchttier, dessen muss man sich stets bewusst sein. Aber dieser Umstand darf nicht bedeuten, dass man ihm deswegen misstraut. Qugel hat mir gezeigt, dass Vertrauen belohnt wird, und diese Lektion hat sich auch für mein übriges Leben als sehr wertvoll erwiesen. 

 

2. Geduld

Zugegeben, es ist nun keine grosse Neuigkeit, dass Pferde uns lehren, geduldig zu sein. Aber da nun mal so viel Wahres dahinter steckt, muss ich es dennoch erwähnen. Bevor ich Qugel bekam, stellte ich mir das mit dem eigenen Pferd in etwa so vor: Ich bekomme es, alle meine reiterlichen Unzulänglichkeiten lösen sich in Luft auf, übermorgen reiten wir Grand Prix.
Nun gut, ganz so lief es dann nicht ab. Stattdessen musste ich lernen, dass Druck und übermässiger Ehrgeiz jede Möglichkeit, Fortschritte zu machen, im Keim ersticken. Reitstunden, an die ich mit der Einstellung heranging, dass ich an diesem Tag alles ganz besonders perfekt machen wolle und dass  jetzt unbedingt alles klappen müsse, gingen regelmässig schief. Aber so richtig. Das Problem war, dass ich zu schnell zu viel wollte, anstatt mich auch an kleinen Fortschritten zu freuen. Ausserdem musste ich mich mit der Tatsache anfreunden, dass auf jeden Fortschritt auch wieder Rückschläge folgen und dass es ganz normal ist, dass es nicht immer konstant bergauf geht.
Diese Erkenntnis lässt sich keineswegs nur aufs Reiten, sondern auch auf viele andere Dinge im Leben übertragen. Ich habe dank meinem Pferd gelernt, dass Beständigkeit belohnt wird und dass gelegentliche Rückschläge keinesfalls immer gleich bedeuten, dass man gescheitert ist.  

3. Druck erzeugt Gegendruck

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Habt ihr schon mal versucht, euer Pferd mit Druck zu etwas zu bewegen, dass es eigentlich nicht tun möchte? Und hat das funktioniert? Also bei mir noch nie.
Passend zum Thema Geduld hat mir Qugel in den letzten Jahren nämlich auch immer wieder gezeigt, dass es nichts bringt, ihn wieder seines Willens zu irgendetwas drängen zu wollen. Stattdessen sind Diplomatie und Verhandlungsgeschick gefragt, wenn es darum geht, ihn von etwas zu überzeugen, dass er eigentlich nur so mässig toll findet. Möchte ich zum Beispiel schnell nach Hause, aber Qugel hat beschlossen, dass der Plastikmüll auf dem mit Abstand kürzesten Weg zurück zum Stall so potenziell tödlich ist, dass wir auf keinen Fall riskieren können, dort lang zu gehen, so macht es erfahrungsgemäss keinen Sinn, nun hektisch mit den Beinen ins zur Salzsäule erstarrte Pferd zu hämmern oder ungeduldig vor sich hinzuschimpfen. Viel erfolgversprechender ist es, jeden kleinsten Schritt, den mein mutiges Reittier in Richtung des pferdefressenden Mülls macht, überschwänglich zu loben, und ihn womöglich noch mit dem Inaussichtstellen von zehn Säcken Mohrrüben beim Erreichen des Stalles zu bestechen. Auf den ersten Blick erscheint diese Variante natürlich langwieriger, tatsächlich jedoch ist sie deutlich effizienter und hat bei mir noch immer funktioniert. Auch sonst ist es im Leben selten zielführend, jemandem mit aller Kraft seinen Willen aufzwingen zu wollen. Stattdessen lohnt es sich, innezuhalten und die Situation auch mal aus der Perspektive seines Gegenübers zu beleuchten. Vielleicht nimmt dieser die Situation ja ganz anders wahr, als man selbst...

 

4. Bescheidenheit

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Immer mal wieder, wenn ich mich mit Qugel beschäftige oder ihn reite, überkommt mich die Erkenntnis, wie viel Gutmütigkeit und Kooperationsbereitschaft mir dieses riesige Lebewesen entgegenbringt. Wenn ich mir überlege, dass mein Pferd geschätzte vierzehnmal schwerer und unendlich viel stärker ist, als ich es bin, so ist es eigentlich unglaublich, dass es dennoch immer (okay, meistens) das tut, was ich von ihm verlange. Die Arbeit mit meinem Pferd zeigt mir täglich aufs Neue, wie vieles in meinem Leben nur deshalb so reibungslos verläuft, weil andere mich unterstützen und mit mir zusammenarbeiten. Gerade wir Reiter sollten wissen, dass es zwar wichtig und rechtens ist, sich über seine Erfolge – sei es im Sattel oder in anderen Lebensbereichen – zu freuen, dass man aber auch nie vergessen sollte, wer noch alles dazu beigetragen hat.

 

5. Gelassenheit und innere Ruhe

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Hektik und Stress haben am Pferd und im Sattel nichts zu suchen. Das hat mir bisher nicht nur jeder meiner Reitlehrer, sondern auch mein Pferd deutlich zu verstehen gegeben. Es ist allerdings leichter gesagt als getan, seine Angespanntheit nach einem nervenaufreibenden Tag an der Arbeit oder der Uni im Stall einfach so abzulegen. Ich bin trotzdem nicht umhin gekommen, mir diese Fähigkeit in den letzten Jahren aneignen zu müssen. Qugel gehört zwar nicht zu der Sorte Pferd, die sich anstecken lassen, wenn man hibbelig und nervös ist, aber er macht etwas anderes – er ignoriert einen. Und zwar gnadenlos. Ganz nach dem Motto: „Behalt deinen Stress für dich, ich will damit nichts zu tun haben.“ Da auf dieser Basis natürlich keine vernünftige Zusammenarbeit möglich ist, habe ich mittlerweile gelernt, auch nach dem stressigsten Tag eine gewisse innere Ruhe aufzubauen, wenn ich den Stall betrete. Alle Sorgen und Probleme, die mich ansonsten beschäftigten, sind dann in den nächsten Stunden erst mal nebensächlich. Das ist nicht nur jeden Tag mein ganz persönlicher Miniurlaub, ich habe auch gemerkt, dass ich es in brenzligen Situationen mittlerweile allgemein schneller schaffe, mich wieder abzuregen und zu beruhigen.

6. Praktische Hausmittel und Haushaltstätigkeiten

Dieser letzte Punkt klingt, wenn man ihn mit den obenstehenden vergleicht, vielleicht etwas banal, aber er ist es nicht. Tatsächlich habe ich mir, bevor ich Qugel hatte, nie gross Gedanken darüber gemacht, mit welchen Haushaltsmitteln man welche Wehwehchen behandeln könnte. War ich krank, nahm ich Medikamente, und das war’s dann auch. Da ich mein Pferd jedoch nicht andauern mit Chemie vollstopfen möchte und man auch nicht mal so eben in die Apotheke gehen und eine Packung Aspirin „für das Pferd“ kaufen kann, habe ich mich in den letzten Jahren immer mehr mit natürlichen Heilmitteln auseinander gesetzt. So weiss ich jetzt beispielsweise, dass Essig und Zwiebeln super gegen juckende Stiche helfen, dass Brennnesseln entwässern und dass Schwarztee gehen entzündete Augen hilft. Meine Grossmutter würde ob der Tatsache, dass ich erst Pferdebesitzerin werden musste, um mir dieses Wissen anzueigenen, wohl die Hände über Kopf zusammenschlagen, Fakt ist jedoch, dass ich wirklich erst seitdem damit begonnen habe, über den Rand der Medikamentenpackung zu schauen. Zudem bin ich mittlerweile, Qugel sei Dank, zum absoluten Näh- und Klebeprofi geworden. Dank des ausgeprägten „Spieltriebs“ (das Spiel heisst „Gladiatorenkampf der wilden Hengste.“ Oder so.), den er und sein Nachbar an den Tag legen, sieht nämlich so ziemlich jede Decke, die ich kaufe, binnen Tagen, Stunden oder manchmal auch Sekunden aus, wie durch den Schredder gejagt. Gelang es mir bei der ersten Decke noch sie, anstatt nur das Loch zuzunähen, beidseitig zusammenzunähen, so dass man sie nicht mehr öffnen und dementsprechend auch nicht mehr brauchen konnte, so bin ich mittlerweile ein echter Profi. Wird das ganze dann noch mit einer Schicht wasserfestem Klebstoff überzogen, so ist jede Decke im Nu wieder einsatzfähig. Gut, zugegeben – so wirklich schön sieht das Ganze noch nicht aus. Aber ich brauche ja auch noch etwas, das ich im kommenden Jahr dazu lernen kann...

 

So, das waren sie nun also, die sechs wichtigsten Lektionen, die ich von meinem Pferd gelernt habe. Habt auch ihr etwas von eurem Vierbeiner lernen können? Dann teilt es doch mit uns in den Kommentaren!
Ich wünsche euch allen auf jeden Fall wunderschöne Festtage und hoffe, ihr kommt gut ins neue Jahr! 

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