Concourszeit ist Lästerzeit

Da ist sie wieder, diese ganz besondere Jahreszeit. Nein, ich meine nicht den Frühling, ich meine die Concours-Saison: Die Zeit, in der man seine Wochenenden dem Schweiss und Dreck opfert, nicht etwa nur um sich selbst oder vielleicht noch den Richtern, sondern auch den ganzen ‚Profis’ an der Bande zu genügen. Jep, jetzt geht’s los, jetzt gibt’s kein Halten mehr. Turnierzeit ist immer irgendwie auch Lästerzeit.

 Was ich selbst über ein bestimmtes Ereignis fühle, sieht man mir ziemlich gut an. Manche Zungen behaupten, ich trage mein Herz mitten im Gesicht und das ist zwar schön gesagt, aber leider nicht immer ein Vorteil. Denn meine verräterische Mimik, die mir gemeinerweise angeboren wurde, bringt mich nicht weiter in der Reiterwelt. Als Reiter braucht es nämlich neben Banalitäten wie endlos viel Geld und Zeit auch ein bombensicheres Pokerface: Auf dem Abreiteplatz jedem zulächeln (weil: wir mögen uns alle gegenseitig und bedingungslos) und im Hinterzimmer des Reiterstüblis lästern als gäb’s kein Morgen mehr. So ist scheinbar der Reiter von Welt.

 Es gibt jene, die das Spiel noch weiter treiben. Solche, die stundenlang pseudo-fachsimplerisch über die Fehler anderer herziehen, aber die Freundlichkeit in persona sind, wenn die Betreffende zufällig den Weg kreuzt: „Wow, super Umgang!“ Und das, obwohl der Parcours so unterirdisch schlecht war, dass man das Gesehene am liebsten verdrängen würde wie einen Autounfall.

 Ich persönlich tue mich eher schwer damit, andere Reiter zu bewerten. Ich leide chronisch an Unterstatement und halte von meiner eigenen Meinung daher nicht so viel. Vor allem, wenn es um ein Pferd oder einen Reiter geht, die ich nicht näher kenne und so gesehen eh nichts zu melden habe. In ganz schwachen Momenten indes, da würde ich gerne auch mal so masslos über die Patzer anderer herziehen, nur um nicht an meine eigenen denken zu müssen. Aber das würde ich nie im Leben jemandem gestehen. Ausserdem gibt es genügend andere, die das Spiel besser spielen als ich.

 Ein Moralapostel bin ich aber bestimmt nicht. Kleinere Lästereien lassen sich heutzutage kaum vermeiden, da wird man ein Stück weit einfach mitgerissen. Gleichzeitig halten sie den modernen Reiter up to date, weil man durch den Läster-Feed immer mitbekommt was in der Szene gerade läuft - oder eben nicht. Finde ich ebenso vertretbar wie Gelegenheitsschwindel. Die bringe ich auch ganz gerne mal, wenn ich weiss, dass ich dann niemanden verletze und meine Ruhe habe. Zum Beispiel, wenn mir irgendwelche Schabracken unter die Nase gehalten werden, die mich zwar durch ihre blosse Erscheinung beleidigen, von welchen ich aber weiss, dass sie für mein Gegenüber der Fang des Jahres sind.

 Fakt ist: Jeder Mensch ist anders, sieht Dinge anders. Ich selbst mag ganz besonders Reiter mit übertrieben tiefen Absätzen, warum, das weiss ich nicht. Andere richten ihr Augenmerk auf gerade Rücken oder verfluchen einfach mal aus Prinzip jeden, der mit Sperriemen dahergeritten kommt.

 Ein weiterer Fakt ist, dass der Inhalt meines Textes für die Reiterwelt keine neue, bahnbrechende Entdeckung ist. Verlogenheit ist absolut menschlich und übrigens auch ausserhalb der Stallgasse weit verbreitet – und auch dort ebenso ungern gesehen. Deshalb komme ich nicht umhin mich zu fragen: Warum, beim Barte des Xenophon, warum nur nehmen wir uns solche Hinterstübli-Stories, von welchen die meisten früher oder später alle übers Buschfeuer ans Licht kommen, so sehr zu Herzen? „Bis eine brüellet“? Sollten wir nicht automatisch mit dem Gerede rechnen, wenn wir uns auf Turnieren, öffentlichen Trainings oder sogar Blogs freiwillig zur Schau stellen?

 Damit meine ich nicht, dass es uns vollkommen egal sein sollte, was andere Reiter denken. Wo kämen wir denn da hin? Offene, konstruktive Kritik, die von Leuten mit fundiertem Wissen über den Einzelfall kommt, kann schmerzen, tut aber im Endeffekt richtig gut. Es gibt bestimmt mindestens hunderttausendunddrei Dinge, die ich im Stall und Sattel unbewusst falsch mache, davon bin ich voll überzeugt. Und wenn mir dann mal ein Jemand mit Ahnung die Meinung geigt, bin ich gerne verletzt. Dafür weiss ich danach, woran ich bin.

 Sind es nicht genau solche Inputs, über die wir uns den Kopf zerbrechen sollten? Vermutlich. Aber was soll man machen, das Gerede vom pöbelnden Rest an der Bande setzt manchmal so sehr viel mehr zu, dass man vergisst, wo die Prioritäten liegen.

 Ich habe daher ein bisschen das Gefühl, dass ein paar von uns - tief im Inneren sehr zart besaiteten - Reitern ihre Erwartungshaltung an die Menschheit etwas herunterschrauben sollten. Nicht mal bei Wendy auf Gestüt Rosenborg haben sich die Reiterlein gegenseitig immer fair behandelt. Dass wir uns alle bedingungslos mögen, funktioniert leider nur in der Theorie. Als Wort zum Mittwoch empfehle ich deshalb jedem (vor allem im Hinblick auf die Turnierhochsaison im Sommer), sich schon jetzt vorsorglich ein richtig, richtig dickes Fell wachsen zu lassen. Ganz im Stil von: Brace yourselves – Concours-Saison is coming!

 

(manchmal haben wir uns aber doch ganz fest lieb - trotz Wettbewerbsdenken! Foto: Sven Rudinsky)

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(2) Kommentare

  • :-)

    Absolut auf den Punkt gebracht. Die Leute vergessen, sich auf das wesentliche zu konzentrieren. Stattdessen werden nur die Fehler beim nächsten gesucht, um selbst besser dazustehen. Was hauptsächlich vergessen geht: Das Pferd ist ein Tier, welches nicht immer 100% funktionieren kann und kein Sportgerät ist.

  • Super-perfekt geschrieben.

    Genau meine Meinung..die meisten die gerne lästern über andere haben 1.kein reiterliches Können.2.den ganzen Tag nichts anderes zu tun..3.sind voller Neid und Missgunst.

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