Buchvorstellung: "Das letzte Jahrhundert der Pferde"

In meinem heutigen Blog möchte ich Ihnen, geschätzte Reitsport.ch Leserinnen und Leser, folgendes Buch empfehlen: "Das letzte Jahrhundert der Pferde - Geschichte einer Trennung" vom Autor Ulrich Raulff, erschienen 2016.

Raulff leitet als Direktor seit 2004 das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (ein Besuch in dieser Schillerstadt ist sehr zu empfehlen - schliesslich hat Schiller unseren Nationalepos "Wilhelm Tell" geschrieben. Fotos von mir sind unterhalb des Textes zu finden.). 

Er studierte Philosophie und Geschichte und arbeitete unter anderem bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sowie bei der "Süddeutschen Zeitung" in leitender Stellung.

Wie der Titel des Buches richtig suggeriert, handelt es sich hierbei um ein "Loblied" an die Symbiose Mensch-Pferd. Den angeborenen Fluchttrieb des Pferdes hat sich der Mensch in den letzten sechs Jahrtausenden gekonnt zu seinen Gunsten umgewandelt, davon können Bände der Militärgeschichte zeugen. Eine berittene Truppe war jahrtausendelang mehr gefürchtet, als einfache Soldaten.

Noch während der Einführung der "mechanischen" Pferdestärken - sprich den Automobilen gegen Ende des letzten Jahrhunderts - musste das Pferd immer wieder "einspringen". Es erlebte den letzten grossen Gebrauch in den beiden Weltkriegen und findet heute im Pferdesport und in der Freizeit ein etwas ruhigeres Dasein. 

Der Autor spricht (siehe Untertitel) von einer Trennung und veranschaulicht dies im Buch in entsprechenden Passagen. Es scheint fast, als hätte sich zuweilen fast unmerklich ein Abschied dieser Symbiose zugetragen - was man als junge Person, aufwachsend mit oder im Pferdesport wohl nicht so mitkriegt. Es geht mehr um einen zivilisatorischen Prozess (das Leben schreitet in grossen Schritten voran!): das Pferd wird dem Menschen nie mehr so dienen (müssen), wie in den letzten Jahrtausenden.

Warum der Titel "Das letzte Jahrhundert der Pferde"? Der Autor benützt auf den ersten Seiten das altgriechische Wort "Apotheose" was Verherrlichung bedeutet. Im gesamten 19. Jahrhundert also fand literarisch ein "Kult" statt, welches für ihn eine Art "Anfang des Endes der Symbiose Mensch-Pferd" bedeutet. Klare, aber für einen Pferdefreund harte Worte! 

Was führt einen Intellektuellen wie Ulrich Raulff dazu, ein Buch über Pferde zu schreiben? Als höchster Verantwortlicher des Literaturarchivs in Marbach (geschätzte Sammlung über 750'000 Bände) hätte er doch gewiss andere Schreibgebiete. In einem Interview mit "Die Welt" bemerkt er, dass auf jedem zweiten Bild aus seinen Kinder- und Jugendjahren ein Pferd darauf zu sehen sei. Pferde seien damals in den 50er Jahren überall gerngesehene Arbeitshilfen gewesen.

Den eigentlichen Anstoss zu diesem Buch fand er vor 20 Jahren, als er die hinreissenden Skizzen der grossen französischen Tier- und Pferdemalerin des 19. Jahrhunderts, Rosa Bonheur, entdeckt hatte. Bonheurs Pferde erinnern den Betrachter daran, dass das wichtigste Eisen damals nicht in Maschinen, sondern an den Hufen der Pferde zu finden war.

Erstaunlich für Raulff ist, wie undramatisch das Pferdezeitalter plötzlich vorbeigegangen sei, da die Beziehung zum Pferd einzigartig vielfältig und sich ganz anders als zu anderen Tieren wie Rind oder Schwein ausdrücke. Er vergleicht diese Beziehung mit einer sechzig Jahre dauernden Ehe, die reibungslos funktioniert, bis sich die Partner sang- und klanglos voneinander verabschieden.

In der folgenden kleinen Leseprobe dürfen Sie sich in seinem reichen Wortschatz "herumsehen" - wenn Sie auf den Geschmack gekommen sind, finden Sie zuunterst die Angaben zum Buch.

Gute Lektüre! 

Ihr Blogger Stephan Mark Stirnimann

 

"In den Ställen der Bauern, die noch von den Erträgen des Landes lebten und ihre bescheidene Wirtschaft nicht gegen einen Arbeitsplatz in der Fabrik eingetauscht hatten, nahmen die Boxen der Pferde den kleineren, aber nobleren Teil ein. Die Kühe, Rinder, Kälber, Schweine und Hühner machten sich breiter, sie stanken heftiger und führten das große Wort, sie waren, mit einem Wort, die Plebs im Stall; die Pferde waren selten, kostbar und wohlriechend, sie aßen manierlicher und litten spektakulärer, besonders ihre Koliken waren gefürchtet. Wie lebendige Skulpturen standen sie in ihren Verschlägen, nickten mit den schönen Köpfen und signalisierten mit ihren Ohren Misstrauen oder Verdacht. Die Pferde hatten ihren eigenen Campus, auf den sich nie eine Kuh verirrte, von Schweinen oder Gänsen ganz zu schweigen. Kein Bauer wäre auf die Idee gekommen, die Weide der Pferde mit Stacheldraht zu umgeben, hinter dem sich Kühe und vor allem Schafe nicht selten fanden. Bei den Pferden genügte ein bisschen Holz oder ein leichter Elektrozaun. Aristokraten sperrt man nicht ein, man erinnert sie an ihr Ehrenwort, auf Flucht zu verzichten."

 

461 Seiten mit 1 Frontispiz (Stirnseite), 85 Abbildungen im Text und 36 Abbildungen auf Farbtafeln.

In Leinen gebunden.

ISBN: 978-3-406-68244-5

Verkaufspreis Schweiz: iBook (iPUB) Fr. 27.00 // Gebunden Fr. 42.90

Verlag: C.H.Beck, München

Fotos von mir (Stephan Stirnimann) aufgenommen in Marbach, August 2015.

Zu sehen: Schillerstatue, Literaturarchiv, Schillermuseum

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(1) Kommentare

  • gedicht

    Leopold friedrich günther von goeckingk(göcking)
    an sein Reitpferd
    ein gutes und schönes gedicht
    eines reitermannes.
    siehe Wikipedia
    mit freundlichen grüssen
    jörg

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