Ausgleichssport für Reiter – ein unterschätzter Erfolgsfaktor

Ob man Reiten nun als Kunst, oder als Sport verstehen möchte, daran scheiden sich die Geister. Fest steht aber: Als Reiter sollte man in jedem Fall über ein gutes Körpergefühl und über die Fähigkeit verfügen, bestimmte Muskelgruppen im Körper gezielt und wohldosiert einzusetzen. Das gilt zumindest dann, wenn man die Reiterei mit dem Ziel betreibt, sein Pferd vielseitig und dabei gesundheitserhaltend über viele Jahre hinweg zu bewegen. Wer darüber hinaus noch den Anspruch hat, mit seinem vierbeinigen Partner auf Turniere zu gehen oder lange Wanderritte zu absolvieren, der verlangt damit nicht nur von seinem Pferd, sondern, zumindest theoretisch, auch von sich selbst ein hohes Mass an Fitness und an Koordinationsvermögen. Dennoch lässt es sich nicht bestreiten, dass in kaum einer anderen Sportart derart viele Bewegungslegastheniker und unsportliche Menschen anzutreffen sind, wie beim Reiten. Es scheint, als würden wir Reiter unseren Pferden in Sachen Kondition und Koordination oftmals deutlich mehr abverlangen, als wir selbst jemals zu leisten in der Lage wären. Dass diese Situation bedenklich ist, bestätigt auch Eckart Meyners, Sportpädagoge und Bewegungstrainer für Reiter. „Reiten ist eine der komplexesten und anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Viele Muskeln werden gleichzeitig beansprucht“, so sagt er gegenüber dem Onlineportal Pferd Aktuell. Schon jungen Reitern fehle es heutzutage vielfach an Gleichgewichtsinn und Balance, was beim Reiten wiederrum zu einer groben Hilfengebung führen könne. Auch die FN hat auf die zunehmende Unsportlichkeit ihrer Nachwuchstalente reagiert, indem sie 2012 einen verbindlichen Sporttest eingeführt hat, den jeder Reiter, der ins Nachwuchskader gelangen möchte, absolvieren muss. Darin enthalten sind Kraftübungen wie Sit Ups und Liegestütze, aber auch Beweglichkeits- und Balanceübungen sowie ein sechsminütiger Lauf, der die Ausdauer der Nachwuchsreiter überprüfen soll. Auch beim Schweizerischen Verband für Pferdesport müssen sich junge Reiter, die ins Förderprogramm gelangen wollen, mittlerweile diesem Sporttest unterziehen.
Meiner Meinung nach ist die Einführung dieses Tests verständlich und macht durchaus Sinn. Wie können wir denn erwarten, dass unser Pferd zwei Parcours mit voller Konzentration durchspringt, wenn wir selbst schon nach zwei Kilometern Joggen ins Schnaufen kommen? Und wie soll es einem Pferd möglich sein, korrekte Seitengänge zu zeigen, wenn der unterbemuskelte Reiter auf seinem Rücken wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängt?
Ausgleichssport ist für Reiter vor allem deshalb besonders von Nöten, da die Muskeln, die wir für unseren Sport benötigen, im seltensten Fall durch das Reiten allein aufgebaut und erhalten werden. Ist man nun ein Profireiter, der täglich mehrere Pferde unterm Sattel hat und ausserdem im Stall arbeitet, so sieht die Sache natürlich anders aus. Die meisten Reiter bewegen aber nun mal maximal ein Pferd am Tag und haben womöglich noch einen Beruf, bei dem sie die meiste Zeit des Tages im Sitzen verbringen. Die Folge sind Rückenschmerzen und Verspannungen, die einem beim Reiten massiv im Weg stehen können. Daher sollten wir Reiterinnen, unseren Pferden zu liebe, neben dem Reiten zumindest ab und an auch noch eine andere Sportart betreiben.

Auch ich als Studentin und Besitzerin von lediglich einem Pferd komme nicht umhin, mich mit dem Thema Ausgleichssport zu befassen. Daher habe ich in diesem Blog einige der zurzeit beliebtesten Sportarten auf ihre „Reitsportverträglichkeit“ hin untersucht, und meine Erkenntnisse im Folgenden für euch zusammengefasst:

 

Joggen

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Joggen zu gehen ist wohl eine der einfachsten Arten, sich sportlich zu betätigen. Man braucht quasi nichts, mit Ausnahme seiner Beine und einem Paar Laufschuhe. Seit meinem letzten Schuhkauf im Sportgeschäft, dem ein schier endloses Beratungsgespräch voranging, weiss ich zwar, dass man auch hier eine Menge verkehrt machen kann, aber verglichen mit anderen Sportarten ist die Ausstattung dennoch denkbar simpel. Ich gehe bereits seit vielen Jahren regelmässig joggen, weil es mir hilft, den Kopf auszulüften und die Seele baumeln zu lassen. Als Reiter profitiert man vom Joggen dadurch, dass man eine bessere Kondition bekommt und die Rückenmuskulatur gestärkt wird. Durch die gleichmässige Bewegung an der frischen Luft werden Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, die ja häufig vom vielen Sitzen herrühren, gelindert und vorgebeugt. Dennoch ist Joggen allein nicht das Non Plus Ultra für uns Reiter. Andere Sportarten trainieren die Muskelgruppen, die wir für unseren Sport benötigen und daher im Training ansprechen möchten, wesentlich gezielter und effektiver. Grund genug also, um sich noch weitere Sportarten genauer anzuschauen.

 

Yoga

Yoga hat sich in den letzten Jahren immer mehr zur Trendsportart schlechthin entwickelt. Wurden sie früher oftmals noch als esoterischer Quatsch für Hausfrauen und verkappte Philosophen abgetan, so kann man Yogakurse mittlerweile in so gut wie jedem Fitnessstudio besuchen. Auch vor uns Reitern hat der Yoga-Hype nicht haltgemacht – viele bezeichnen es als die Ausgleichssportart schlechthin für Reiter.
Tatsächlich vereint Yoga vieles, was wir uns von einer Ausgleichssportart wünschen sollten. Es beansprucht den ganzen Körper und ermöglicht es einem zugleich, bestimmte Muskelgruppen gezielt zu trainieren. Da Yogapositionen uns ausserdem häufig Verrenkungen und Bewegungsmuster abverlangen, die wir normalerweise so nicht ausführen würden, werden sowohl unser Körpergefühl als auch unsere Koordinationsfähigkeit geschult. Dies wiederrum ermöglicht es uns, beim Reiten präzisere und punktgenauere Hilfen zu geben. Auch beim Thema Balance kann Yoga voll punkten. Viele seiner Figuren sind so ausgelegt, dass man über ein gutes Gleichgewichtsgefühl verfügen muss, um sie über den verlangten Zeitraum hinweg halten zu können. Ausserdem ist das erklärte Ziel von Yoga, dass man seine „innere Balance“ findet, was auch für einen zügelunabhängigen Sitz unerlässlich ist. Diese innere Balance und „Mindfulness“, wie es viele Yoga-Gurus nennen, ist aber nicht nur in körperlicher Hinsicht von Vorteil. Man kann dadurch auch an Selbstbeherrschung gewinnen, was sich in prekären Situationen wiederrum sehr positiv auf die Reiter-Pferd-Beziehung auswirken dürfte.
Zu guter Letzt trainiert Yoga natürlich auch die Beweglichkeit. Hier sollten wir Reiter allerdings darauf achten, es nicht zu übertreiben. Ein vernünftiges Mass an Beweglichkeit ist gerade im Bereich der Hüftbeuger zwar sehr wünschenswert, Übungen, die allerdings so weit gehen, dass die gar zu einer Überbeweglichkeit der Gelenke und insbesondere der Wirbelsäule führen, sollte man besser vermeiden.
Da es mittlerweile ja eine grosse Fülle an verschiedenen Yogaangeboten gibt, fährt man als Reiter mit einer Variante, die sich vor allem auf die Kräftigung der Muskulatur fokussiert, wohl am besten.
Einzig und allein wenn es um die Verbesserung der Ausdauer geht, vermag Yoga nicht zu überzeugen. Und auch Reiter, die mit Hilfe ihres Ausgleichssports gerne noch das ein oder andere Kilo weniger auf der Waage sehen möchten, erreichen dieses Ziel mit Hilfe anderer Sportarten wohl schneller.

Pilates

Wem Yoga trotz allem noch etwas zu abgehoben erscheint, der kann sich ebenso gut für Pilates entscheiden. Anders als Yoga ist diese Sportart weniger aufs Meditieren und das „Finden der inneren Mitte“ ausgelegt, sondern fokussiert sich voll darauf, die verschiedenen Muskelgruppen zu kräftigen und die Fitness zu verbessern. Durch die spezielle Atemtechnik, die beim Pilates angewandt wird, werden die Muskeln in der Mitte des Körpers, die sogenannte „Core-Muskulatur“, bei jeder Übung mitbeansprucht. Gerade die Muskelpartien sind auch beim Reiten von grösster Wichtigkeit!
Ich persönlich denke, dass man Yoga und Pilates als Reiterin gut miteinander kombinieren kann, und so die wohl besten Ergebnisse erzielt.

 

Tanzen

Beim Tanzen handelt es sich um eine häufig unterschätzte Sportart, die man als Reiterin aber auf jeden Fall auf dem Schirm haben sollte! Natürlich ist Tanzen nicht gleich Tanzen – vom Standardtanz über HipHop und Jazz bis hin zu neumodischeren Tanzrichtungen wie Zumba fällt in diese Kategorie so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Ausrichtung, kann man jedoch von allen Tanzrichtungen Fähigkeiten mitnehmen, die sehr hilfreich fürs Reiten sind. Zum einen wird beim Tanzen unser Koordinationsvermögen geschult, zum anderen gewinnt man, gerade bei den schnelleren Tanzarten, mächtig an Kondition. Dadurch, dass Tänzer viel Körperspannung brauchen und ständig in Bewegung sind, werden ausserdem alle Muskeln unseres Körpers beansprucht und gekräftigt. Wer sich für eine Tanzrichtung entscheidet, bei der man mit einem Partner zusammen tanzt, der kann aus der Zusammenarbeit mit diesem ausserdem viel über die partnerschaftliche Kommunikation mit seinem Pferd lernen. Auch wenn man dabei die einzelnen Muskelgruppen nicht so gezielt trainieren kann, wie beispielsweise beim Pilates oder im Fitnessstudio, so steht fest: Wenn man es einmal beherrscht macht Tanzen grossen Spass, und lockert dabei auch noch den ganzen Körper!

 

Schwimmen

Ums Schwimmen kommt man, wenn es um besonders empfehlenswerte Sportarten geht, eigentlich nie herum. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Schwimmen auch als Ausgleichssport für Reiter bestens eignet. Durch den kontinuierlichen Widerstand im Wasser werden bei dieser Sportart alle Muskeln beansprucht, besonders aber Rücken, Schultern, Arme und Beine. Sofern man die richtige Technik anwendet, ist Schwimmen ausserdem die wohl gelenkschonendste Sportart überhaupt, und oftmals merkt man erst, wenn man aus dem Wasser kommt, wie anstrengend es eigentlich ist.
Wer regelmässig weitere Strecken schwimmt, der baut nicht nur Muskulatur sondern auch Kondition auf, und auch für Abnehmwillige eignet sich dieser Sport durch seinen hohen Kalorienverbraucht perfekt.
Einzig das Training der Beweglichkeit bleibt beim Schwimmen auf der Strecke, und wenn man nicht gerade einen Pool zu Hause hat, so kann man diesen Sport – anders als die oben genannten – auch nicht mal eben zu Hause betreiben. Wer allerdings ein Schwimmbad in der Nähe und genug freie Zeit hat, um sich regelmässig ein Stündchen für dessen Besuch zu reservieren, dem kann Schwimmen als Ausgleichssport wärmstens ans Herz gelegt werden!

 

Ballsportarten

Auch wenn man es nicht so ohne weiteres vermuten würde – auch das Betreiben von Ballsportarten kann ein wertvoller Ausgleich für Reiterinnen und Reiter sein. Besonders Teamsportarten fördern hier die Fähigkeit, sich auf andere Individuen einzulassen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, was ja quasi die Basis des Reitens darstellt. Das Spielen von Ballsportarten fördert ausserdem die Reaktionsgeschwindigkeit, welche für Reiter ebenfalls sehr wichtig ist. Inwieweit bei Ballsportarten welche Muskelgruppen trainiert werden, hängt natürlich ihn hohem Masse davon ab, welche Sportart man betreibt. Auf jeden Fall wird die allgemeine Fitness durch das Betreiben einer Ballsportart verbessert, und auch das eigene Körpergefühl wird durch die schnellen und präzisen Bewegungen, die hierbei vielfach nötig sind, gut geschult.

Ihr seht also – ganz egal, für welche Sportart ihr euch neben dem Reiten entscheidet, jede hat ihre ganz eigenen Vorzüge. Im Endeffekt kommt es also wohl weniger darauf an, was man macht, als darauf, dass man überhaupt etwas macht. Am wichtigsten ist es meiner Meinung nach, dass die gewählte Sportart einem Freude bereitet, denn nur so wird man sie dauerhaft betreiben.
Ich persönlich mag es, viel Abwechslung in meinem Sportprogramm zu haben, weshalb ich diverse Sportarten wie Joggen, Pilates, Yoga und Schwimmen in meinen Alltag integriert habe. In jedem Fall merke ich, dass mir das Reiten deutlich leichter fällt, wenn ich körperlich fit bin, und das ist für mich die wohl grösste Motivation überhaupt.
Also los – rein in die Jogging- oder Gymnastikhosen und auf ins Training! Unsere Pferde werden es uns danken... :) 

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