Altes Pferd - was nun?

Irgendwann werden wir alle älter. Die einen erfahren früher, die anderen später, wie sich die gefürchteten Laster des Alters einschleichen. Aber was passiert mit uns, wenn wir in die Tage kommen?

Ich wage mich mal an eine vorsichtige Prognose, basierend auf meinen Beobachtungen der älteren Generation: Man wird ruhiger und bequemer, leider schneller mal krank, haarig an den falschen und dafür haarlos an den wünschenswerten Stellen, man wird auch ein klein wenig besserwisserisch und auf eine etwas nervige Art und Weise stur. Meine liebe Oma hat in ihren Augen beispielsweise immer recht und bringt man eine von ihrem Standpunkt abweichende Fremdmeinung in die Unterhaltung ein, so ist man gleich ein frecher, anstandsloser Bengel. Gleichzeitig muss man den Älteren aber doch zusprechen, dass sie das Leben kennen und wahrscheinlich tatsächlich auch besser wissen, was die wahrlich guten und richtigen Dinge sind.

Ja, irgendwann werden wir alle älter. Auch unsere Pferde. Das Thema um das „alte Pferd“ ist heikel und trist, weil es uns unweigerlich daran erinnert, dass alles ein Ende hat. Meistens schaffen wir uns das Tier an, wenn es jung und gesund ist. Da sind die Gedanken an mögliche Konsequenzen der unaufhaltsam vergehenden Jahre fernab der Gegenwart, in der wir uns mit dem fidelen Schnösel beschäftigen und alles nur bergauf zu gehen scheint.

 Neben Baby Cornet und ein paar anderen Pferden, um die ich mich manchmal kümmere, gibt es in meinem Leben noch Jacks Lad. Der gebürtige Ire Jacky ist Schimmel und von robuster Figur, über die man gerne sagt, sie käme von seinen starken Knochen. Egal wie sehr ich mit ihm trainiert habe (und wir waren sportlich sehr aktiv), ich habe seine Wampe einfach nicht weggebracht. Ursprünglich Freizeit- und Kutschpferd, wurde Jacky von meiner Liebe zum Springreiten angesteckt und so zum Spring- und Fuchsjagdpferd umfunktioniert. Jacky ist nun 20 Jahre alt und auch er ist langsam angekränkelt von der Untugend des Alters.

Dass Jacky älter wurde habe ich gemerkt, weil er nicht mehr springen konnte. Im Kopf, da würde er noch am CSI mitlaufen, aber leider machen die Beine nicht mehr mit. Früher ging bei ihm kein Ausritt ohne Galopp, heute kann er stundenlang und seelenruhig im Schritt durch die Gegend gondeln. Sein Gang ist humpelnd geworden und zwischenzeitlich kommen wir nur in seenotähnlich schwankender Manier vorwärts. Statt falscher Distanzen bekämpfen wir heute die Arthrose und statt der Eintragung ins Sportregister wird das Grünlippmuschelpulver bezahlt. Sein Fell ist etwas stumpf geworden, der Wechsel zwischen Sommer und Winter wird von Jahr zu Jahr schwieriger und nun plagt uns auch noch ein hartnäckiger Husten.

Dem guten Herrn etwas beibringen oder ihn etwas Besseren belehren kann man eigentlich vergessen, weil er bei jedem Versuch eine Von-Oben-Herab-Haltung an den Tag legt, die zum Ausdruck bringt, dass er alles Notwendige bereits kann. Für so neu-modernen Kram wie Parelli/Roberts/Hackl/Horsemanship kann man ihn sowieso nicht begeistern und für irgendwelche Zirkuslektionen oder Spiele hat er trotz Goodies nur ein müdes Gähnen übrig. Und das soll was heissen, weil er über alles Essbare normalerweise herfällt, wie ein seit Monaten hungernder Barbar. Daher auch die unbekämpfbare Wampe.

Im Spass sage ich ihm regelmässig und direkt, dass er langsam alt und wirr wird. Denn trotz der verbrauchten Gelenke lässt er keine Möglichkeit aus, um vor irgendwas unelegant zur Seite zu scheuen und mit Getöse alle vier seiner massigen Hufe auf den Asphalt zu knallen, damit auch der hinterletzte Buschgeist verängstigt das Weite sucht. Ebenso hat er noch immer seine liebe Mühe mit Konkurrenz: Kriechen wir mal ausnahmsweise in Begleitung den Berg zum Wald hoch, so würde er sich lieber die Lunge aus dem Leibe husten, als langsamer zu sein als sein Kamerad, völlig egal was ich da vom Sattel her melde. Ich sag ja – alt und wirr!

Wenn ich an Jacky denke und nicht gerade bei ihm bin, habe ich aber ein komplett anderes Bild vor Augen, als gerade beschrieben: Da sehe ich den fitten Jacky, vor Kraft und Wille strotzend, wie er auf Concours vor Prüfungsbeginn am Eingang steht und mit gespitzten Ohren und vor Vorfreude bebender Wampe auf die nächste Aufgabe wartet. Oft denke ich an die vergangene Zeit zurück und tue dabei das Schlimmste was man tun kann, wenn man in Erinnerungen schwelgt: ich bereue. Ich bereue, dass ich uns damals nicht mehr zugetraut habe, denn heute weiss ich: viele meiner Träume mit ihm wären möglich gewesen. Aber der Zug dafür ist abgefahren und der schmerzliche Gedanke daran übertrifft manchmal sogar all die schönen Erinnerungen.

Es schmerzt mich auch den Unterschied zu Baby Cornet zu sehen und zu wissen, dass auch er mal alt und gebrechlich sein wird. Und dass wir auch Abstriche machen werden müssen. Und dass irgendwann unweigerlich ein Abschied kommen wird...

Für immer zusammenbleiben, obwohl es für eine Seite nicht mehr passt, hat für mich keinen Sinn. Dafür bin ich zu wenig sozialromantisch behaftet. Deshalb kann ich es verstehen, wenn es Reiter gibt, die ihre gealterten Pferde in gute Hände verkaufen. Ich für meinen Teil bin aber froh, dass der wirre Pferdeopa noch immer bei mir ist. Er hat mich durch die Hälfte meines Lebens getragen und mir reiterlich alles beigebracht, was ich jetzt kann. Mit ihm bin ich „erwachsen“ geworden und nun ist er die Konstante, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Und um ehrlich zu sein, haben seine Ohren schon zu viele meiner Geheimnisse gehört, als dass ich ihn ziehen lassen könnte.

Ich hoffe innigst, dass ich mit Baby Cornet auch mal so ein Band herstellen kann, wie mit Opa Jacky. Und ich bin seiner Besitzerin unendlich dankbar für das jahrelange Vertrauen, das sie in mich und ihr geniales Pferdchen hatte. Ich hoffe es werden noch mindestens 100 Jahre mehr!  

 

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(3) Kommentare

  • Pferdesenior

    Wunderschön verfasster Artikel, der mir aus dem Herzen spricht!
    Mein Senior ist nun 29 Jahre alt und ich hoffe, dass ich noch viele weitere schöne Jahre mit ihm verbringen darf!

  • Altes Pferd

    Hallo Olga, so schön deine Geschichte von Jacks Lad :-).

    Auch ich habe einen Pferdeopa Zuhause. Picaro so heisst er, ist ein bald 33 jähriger Andalusier Wallach. Mit 6 Jährig habe ich ihn gekauft als Hengst, er war ein Energiebündel Pur und es war nicht immer einfach mit ihm. Bald 27 Jahre haben wir nun zusammen verbracht und so viel Erlebt zusammen, das ich ein Buch Schreiben könnte darüber. Trotz seines hohen Alters ist er immer noch Zufrieden und Fit und Lebt mit seinen zwei Ponyfreunden bei uns Zuhause im Laufstall mit viel Platz. Noch immer kann er Bocken und Herumgaloppieren auf der Weide, das Freut mich immer am meisten. Wenn der Tag des Abschieds kommen wird, werde ich einen treuen Freund verlieren der viele Jahrzehnte mit mir durch dick und Dünn gegangen ist

  • Danke

    Danke liebe Nicole und liebe Silvia! Ich freue mich, dass ihr mir nachfühlen könnt :)

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