Ärger im Stall?

Viel zu oft bekomme ich zu Ohren, wie manche meiner Rösslifreunde in ihren Ställen leiden. Gemäss einigen Erzählungen werden auf den Hofplätzen da draussen zum Teil richtige Fehden geführt: Es wird zwischen den Boxengittern gemobbt und hinter den Strohballen gelästert, sowas habe ich nicht mal während meiner Schulzeit erlebt. Ehrlicherweise muss ich auch zugeben, dass so Stall-Gossip mein waschechtes Mädchenherz auf Neudeutsch pöpperlen lässt. Irgendwie scheine ich auch die Bereitschaft auszustrahlen, für solche Räubergeschichten ein beschwichtigendes Wort parat zu haben, denn immer öfter bekomme ich Nachrichten mit dem neuesten, mich stets schockierenden Stalltratsch.

Als ich mich vor ein paar Tagen von einer Schimpftirade über die kriegsähnliche Stallsituation einer Freundin berieseln liess (herrlich verpackt in das beliebte „Sie so...denn ich so...“-Schema), konnte ich nicht umher, mir auch Tage später noch darüber Gedanken zu machen.

Erfahrungsgemäss lässt sich sagen: Wo Menschen aufeinandertreffen gibt es Reibereien. Wir Pferdemenschen sind zwar auch Menschen, aber wie ich gerne sage: in komplizierterer Ausführung. Hinzu kommt, dass die meisten Reiter auch noch Weiblein sind und ich gestehen muss, dass es neben allen Vorteilen, die es mit sich bringt eine Frau zu sein, auch Nachteile gibt: Wir können bei Gelegenheit alle möglichen Emotionen gleichzeitig fühlen, reden uns Dinge ein, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, denken oft einfach zu viel nach und vergeben schwerer als Jungs (selbst das nur unter dem Vorbehalt, das Geschehene nie zu vergessen). Von dem mutterinstinktähnlichen Schutzempfinden gegenüber unseren Pferden ganz zu schweigen, kann man durchaus behaupten, dass wir Meitli auffällig anfällig für Kabbeleien sind.

Wenn mir von den Zuständen in fremden Ställen berichtet wird, habe ich oft das Gefühl, dass als Gegenleistung auch ein paar Horrorstories aus meinem Pferdealltag erwartet werden. Fast schon beschämt muss ich dann entgegnen, dass bei uns im Stall alles Zwischenmenschliche immer friedlich verläuft. Kommt es auf dem Föhrenhof mal zu einer hitzigen Diskussion, so ist diese ausnahmslos von konstruktiver Natur. Und obwohl mir das viele nicht glauben können: es ist wirklich so!

Besänftigend versuche ich dann die Skepsis der Blicke mit der halbernsten Vermutung zu überspielen, dass bei uns im Stall dank der hohen Männerquote wahrscheinlich irgendein Naturgesetz wirkt, welches die Kompliziertheit unseres Frauenrudels neutralisiert. (Anm: Das Besagte möchte ich dann immer gerne mit irgendeinem chemischen Beispiel vergleichen, nur habe ich meinem Chemielehrer nach der Matura versprochen, dass ich nie mehr ein Wort über Chemie verlieren werde.) Aber Spass beiseite.

Nach all den Gedanken und der Lektüre einiger Chatverläufe bin ich zum Schluss gekommen, dass es ein echtes Privileg ist, in einem solch verträglichen Stall zu sein. Und, dass es ein paar ernsthaftere Gedankengänge wert ist um nachzusinnen, warum dem eigentlich so ist. Leider bin ich genauso wenig Psycholog wie Chemiehirsch und kann beim besten Willen keine verallgemeinernden Eckpunkte nennen, die unseren Stall anders oder sogar besser machen. Aber ich verspüre das Gefühl, dass ich jetzt ein paar ‚Danke’ an meine Stallmannschaft loswerden möchte. Ein paar ‚Danke’ für Tatsachen, die in manch anderen Ställen offensichtlich nicht mehr selbstverständlich sind und deren Fehlen dazu führt, dass sich einige von Euch da draussen mitten auf der Stallgasse an die Gurgel gehen möchten:

Danke, dass ich mit meinem Pferd so umgehen kann, wie ich es für richtig halte. Es gibt nichts nervtötenderes als Mitreiter, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, den Rest der Welt von ihren Ansichten zu überzeugen. Zum Leidwesen aller, die ihren Ansichten frecherweise nicht zugetan sind, besitzen die selbsternannten Besserwisser oft ein sagenhaftes Durchhaltevermögen und eine wahnsinns’ Hartnäckigkeit, die jeden Zeugen Jehovas wahrscheinlich vor Neid erblassen lassen würde. Deshalb: Danke, dass Ihr mich und meine Wünsche ernst nehmt.

Im gleichen Atemzug ein grosses Danke, dass Ihr meinen Horizont ständig erweitert, ohne mir irgendetwas aufzuschwatzen. Sei es die magic brush (von der ich nicht wusste, dass ich sie brauche, bis ich sie hatte), über das Zigeunermass, bis hin zum Homöo-Kügelchen gegen Cornet’s Zahnweh: Ihr seid meine verlässliche und geschätzte Informationsquelle, sowie 24h-Pferde-und-Alltagssorgen-Anlaufstelle. Danke auch, dass Ihr meine reiterlichen Stärken und Schwächen erkennt und fair einschätzt.

Danke, dass ich komplett sorglos verreisen kann. Denn ich weiss: Mein Pferd wird von Euch beinahe besser umsorgt und bespässlet, als von mir selbst.

Danke, dass Ihr so herrlich positiv und unkompliziert seid, sogar dann, wenn ich Euch auf eine Schnitzeljagd bei Mondschein losschicke, damit Ihr die von mir versteckte Kaffeemaschine wiederfindet. Danke, dass man Euch zu Pizzaplauschs, feuchtfröhlichen Kutschfahrten (es grüsst der Kafi-Schnaps) sowie Babypferd-Parties begeistern kann und ihr zu meiner chronischen Liegenlasstitis immer einen lustigen Spruch auf Lager habt. Und danke für Eure in stürmischen Zeiten unerschütterliche „das bringemer scho ane“-Haltung.

Danke, dass bei uns weder gemobbt noch herumgehated wird.

Danke, um es kurz zu fassen, dass wir so einen starken Zusammenhalt haben und sich unser Glück am Glück der anderen zu stärken scheint. Stolz in unsere Stalljacken gehüllt, fanen wir gemeinschaftlich bei Wind und Wetter für unsere Stallgspändli an Holzrückmeisterschaften, Concours, Dressurturnieren und Hochzeiten. Danke, dass ihr mir so ans Herz gewachsen seid, dass ich mich über jeden Einzelnen von Euch freue, der über die verhängnisvolle Eisen-Schwelle in den Stall gestolpert kommt. Danke, dass ich mich mit Euch so verschwatzen kann, dass ich sogar den Start von GNTM vergesse. Und danke, dass ihr mir bisher kaum einen Grund gegeben habt, um wegen der Atmosphäre im Stall herum zu maulen.  

Vielleicht waren meine heutigen Zeilen nicht unbedingt hilfreich für jene, die in ihrem eigenen Stall gerade Beef haben. Und keineswegs möchte ich mit meinem Glück im Stall prahlen. Aber vielleicht gibt der Text ja einigen da draussen einen kleinen Optimierungs-Denkanstoss. Denn wie sagt man so schön? Zum chiffle bruchts immer zwei.

Ich werde meine Stallfamilie vermissen, wenn Cornet und ich im November durch Abwesenheit glänzen werden. Aber mehr dazu verrate ich vielleicht in einem späteren Blog...Bis dahin: Seid lieb zueinander!

Bild: Cornet und ich haben unser Glück wortwörtlich auf dem Föhrenhof gefunden.

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(1) Kommentare

  • Toll gschriebe

    Hey Olga,en super Blog.Das Problem gits bi jeder Sportart,denk i mal.Bei uns im Stall isch es jetzt au ruhig,sit d'astifterin weg isch vom Stall,wo jedem gseit het :"Wie ner sis Ross muess rite oder Gymnastiziere".Dä Islerstall isch guet.lg

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